28 Jahre später

Es sind die inneren Werte, die zählen? Weniger ist mehr? Das alles konnte ich lange nicht glauben. Mit dem Alter, kam die Einsicht…

von Charlotte

Es ist verrückt: es hat 28 Jahre gebraucht, damit ich zu der Einsicht kommen konnte, dass 0815 super ist, dass „mehr ist mehr“ nicht immer zutrifft, dass „gut“ auch gut genug ist, dass es nicht immer schneller, weiter, höher oder hübscher, modischer, ausgefallener sein muss und dass es trotz so mancher Widrigkeiten auch sehr viele schöne Dinge im Leben gibt. Man muss bloß die Augen öffnen. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass mir mit 28 Jahren auf einmal all diese Erleuchtungen kommen. Mit 18 habe ich geglaubt, endlich erwachsen zu sein, aber das war ein Trugschluss. Denn es ist wahr: wir lernen ein Leben lang und erwachsen zu sein hat mehr mit der eigenen Einstellung und dem Selbstwertgefühl zu tun, als mit der Zahl auf einer Geburtstagskarte. Das Bewusstsein über meine jüngsten Lernerfolge erfüllt mich ein kleines bisschen mit Stolz, vor allem aber mit viel Zufriedenheit.

Ich musste ausmisten. Vieles. Freunde, FH-Bücher, Schminke und Klamotten. Und während ich mich früher mit dem Ausmisten sehr schwer getan habe, ist es heute ein Gefühl von Befreiung. Ich bin ein Konsummensch (ich möchte noch nicht so weit gehen und das Präteritum benutzen). Ich kaufe gerne und viel, ich liebe Trends und lasse mich gerne an allen Ecken inspirieren (und zum Kauf verleiten). Das ist nicht nur schlecht für den Geldbeutel, sondern führt auch zu Überforderung und Unmut. Wie oft stehe ich vor meinem Kleiderschrank und habe nichts anzuziehen, obwohl er überquillt? Wie oft schaue ich Schminktutorials, um anschließend im Drogeriemarkt allen möglichen Schminkkram zu kaufen, der ein paar Wochen später wieder in der Tonne landet? So läuft es dauernd: voller Tatendrang suche ich ein cooles Must-Have der Saison, finde es, kaufe es und trage es am Ende doch nicht. Oder optimiere mein Make-up, um dann doch wieder festzustellen, dass ich mit weniger auch gut auskomme.

Vor etwa einem Jahr habe ich mir eine Fellweste gekauft (keine Panik: Fake Fur). Wie oft ich sie bisher anhatte? Sage und schreibe: kein einziges Mal. Ich habe sie gekauft, weil sie angesagt waren und ich etwas im Schrank haben wollte, was meine Garderobe aufpeppt. Tatsächlich aber bin ich mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass meine Garderobe nie peppig und ausgefallen und super speziell sein wird. Weil das nicht ich bin. Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem man sich die Erfahrungen des vergangenen Lebens zunutze macht: Ich habe keine Lust mehr, mich in 100%-Acryl-Pullovern zu Tode zu schwitzen, an Röcken herum zu zippeln, weil sie nie da sitzen, wo sie sitzen sollen, mir Gedanken darüber machen zu müssen, wie ich wo sitzen muss, damit man bloß keine Cellulite-Delle sieht, oder Blusen zu tragen, die zwar schön aussehen, aber für meinen Geschmack zu eng und zu unbequem sind. Auch habe ich keine Lust mehr, Schuhe zu tragen, in denen ich mir die Füße wund laufe oder mich zu fragen, ob eine Hose wirklich meine Lieblingshose sein kann, wenn sie keinen knackigen Po zaubert. Natürlich bewundere ich die Kate Middletons dieser Welt, die immer schick in ihren High Heels daherkommen, super gestylt aussehen und noch dazu den Eindruck vermitteln, sie würden sich darin super comfy fühlen. Ich persönlich bin da eher eine Cara Delevingne, aber das ist vollkommen ok. Ich trage Boyfriendjeans und Oversize-Shirts nicht, weil sie „in“ sind, sondern weil ich sie gerade unglaublich bequem finde. Ich würde auch gerne eine schrille und extravagante Garderobe wie meine Freundin haben, zur pinken Jacke die pinkte Mütze und die riesige Glitzerkette. Ich finde ihren Stil richtig klasse, aber mir persönlich wäre er zu anstrengend. Ich habe es satt, mir beim Kauf eines Teils zu überlegen, womit es gut zusammenpasst. Aus diesem Grund ist meine Garderobe mit den Jahren viel ruhiger geworden und einfacher. Ob das schlimm ist? Nein, finde ich nicht. Trotz aller Oversize-Klamotten in meinem Kleiderschrank habe ich mich selten so feminin und selbstbewusst gefühlt, wie jetzt. Weil ich nach all den Jahren endlich verstanden habe, dass mir niemand vorschreibt, was cool ist oder was ich zu tragen habe. Ich habe verinnerlicht, dass mich die Leute so mögen sollten, wie ich bin und ich ihnen nicht gefallen muss. Weder optisch noch charakterlich.

Lange Zeit habe ich besonders exzentrische Paradies-Vogel-Typen beneidet für ihr Speziell-sein und Aus-der-Masse-herausstechen. Inzwischen finde ich es super, nicht so zu sein. Ich habe an mich selbst nicht den Anspruch, ein besonders aufregender Mensch sein zu müssen und mit dieser Einstellung lebt es sich deutlich entspannter. Ich habe Makel, die mich im Teenageralter wahnsinnig gestört haben, die mich aber mittlerweile völlig kalt lassen. Was soll ich mich denn damit stressen, mich immer weiter zu optimieren? Ich kann manche Dinge eh nicht ändern, also habe ich sie mit der Zeit so angenommen, statt wegen des Ärgers über sie meine Zeit zu verschwenden. Vermutlich macht mich das alles zu einem totalen Durchschnittsmenschen. Aber was soll’s. Wie Ines mir erst kürzlich bewusst gemacht hat, bringt das sogar Vorteile mit sich. Man ist dadurch nämlich sehr kompatibel mit anderen Menschen.

Mittlerweile gehe ich mit einer anderen Sichtweise durch die Welt. Ich habe bemerkt, dass ich nicht mehr die Menschen schön finde, die uns Zeitschriften, Fernsehen und Co. als schön verkaufen wollen. Ich finde die Frau beim Yoga schön, die schon über 60 ist und sich pudelwohl in ihrer Haut fühlt. Deren Gesicht so viel Wärme und Weisheit ausstrahlt, dass ich vor Neid erblasse, weil ich hoffe, dass es mir später einmal genau so geht. Die junge Frau aus der Hundeschule mit ihren Sommersprossen, den wunderbar wirren Locken, die sie selbst wahrscheinlich gar nicht mag, und den Lachfalten, die von einem fröhlichen Leben und viel innerer Zufriedenheit zeugen. Meine Kollegin, die vielleicht keine Idealmaße hat (und wenn schon, was ist überhaupt das Idealmaß? Wer hat es erfunden und behauptet, dass wir so sein müssen?), dafür aber die ideale Arbeitsmoral und ein erfrischend offenes und herzliches Gemüt. Denn – und auch das glaubt man als Teenager nicht – Schönheit ist wirklich etwas ganz Anderes als bloß das, was wir sehen.

Es ist noch gar nicht lange her, als ich Besuch von einer Freundin hatte. Ich fragte sie, wie es in ihrem Job liefe und sie sagte mir, es wäre zwar an sich alles vollkommen ok, aber eben auch nicht mehr. Am liebsten würde sie etwas ganz Anderes machen, etwas, das sie erfülle und irgendwie mehr Sinn habe, als das, was sie jetzt täte (und dabei finde ich ihren Job schon sehr sinnstiftend, viel sinnstiftender als meinen jedenfalls) und wenn ihr das ganz große Träumen erlaubt wäre, würde sie am liebsten auswandern. Irgendwo in die Sonne, wo es keine vier Jahreszeiten gäbe und wo nicht alles so schnöde und geregelt wäre wie hier.

Ich stellte – mal wieder – fest, dass ich tatsächlich anders bin: ich strebe nicht nach mehr, bin glücklich und zufrieden mit meinem langweiligen Dasein, brauche nichts, das sinnstiftender wäre und kam mir während dieses Gesprächs wahnsinnig blöde vor. Ist es falsch, sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat? Diese „Es muss doch mehr geben als das!“-Einstellung finde ich für mich persönlich viel zu anstrengend. Es lebt sich einfach gelassener, wenn man die Dinge schätzt, die man hat. Ich schätze meinen 0815-Job, weil er sicher ist und ich davon gut leben kann. Ich schätze meine Freunde und meine Familie, auch wenn sie manchmal ihre Macken haben, weil ich weiß, dass ich auch Macken habe. Ich schätze meine Jogginghosen, obwohl ich noch nie mit ihnen joggen war. Ich schätze ein gutes Lied im Radio, ein lustiges Gespräch mit meiner Kollegin und ein Telefonat mit Ines. Ich schätze Regenwetter, weil ich dann Serien schauen und die Seele baumeln lassen kann. Ich schätze ein Stück Apfelkuchen von meiner Oma und wenn meine Mutter über meinen Hund lacht. Ich schätze es Zeit zu haben, und sei es bloß zum Nichtstun. Es gibt so viel Schönes, wieso soll ich mich unter Druck setzen und mehr wollen? Das hat nichts mit mangelnder Motivation oder Faulheit zu tun, sondern mit Bescheiden- und Zufriedenheit. Vielleicht will ich eines Tages mehr, aber fürs Erste bin ich angekommen.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation

javaversion1