Ähnlich unterschiedlich

ähnlich unterschiedlich: Was ist die Essenz für eine intakte Beziehung.

Ziehen sich Gegensätze an – oder vielleicht nur aus? Sind gleiche Eier harmonische Gesellen oder die beste Voraussetzung für schiere Langeweile? Und wie viel Harmonie verträgt, wie viel Harmonie braucht eine Beziehung? Unsere Ansichten: disharmonisch wie immer!

Gleich und gleich gesellt sich gern!

von Charlotte

Als ich klein war habe ich alle möglichen Eissorten gemischt. Ich habe Schokoladeneis mit Zitroneneis kombiniert und Meloneneis mit Stracciatella. Heute mache ich das nicht mehr. Ich esse entweder Fruchteis oder Milcheis. Womit das zusammenhängt, weiß ich auch nicht genau, es passt anders einfach nicht, ich brauche selbst beim Eis Essen Struktur und Ordnung.

So ähnlich ging es mir auch mal mit meinen Partnern. Es gab eine Zeit, in der ich der festen Meinung war „Gegensätze ziehen sich an.“ Und das, obwohl ich schon damals gemerkt habe, dass komplett verschiedene Beziehungskonzepte, Lebensziele und Freizeitbeschäftigungen erstaunlich anstrengend und kaum zu vereinbaren sind. Es resultierte dann immer in absolutem Chaos, Unzufriedenheit, Konflikten, Kompromissen (die in der Regel lediglich ich einging) und letztlich der Trennung. Sie zerbrachen mir jedes Mal das Herz, heute bin ich aber ganz dankbar für diesen Verlauf. Warum? Weil ich inzwischen die Vorzüge von Gemeinsamkeiten zu schätzen weiß.

Gerade hatte ich mich an mein Singledasein gewöhnt, als jemand in mein Leben schneite, mit dem ich auf den ersten Blick recht wenig gemeinsam hatte: sieben Jahre älter als ich, mit beiden Beinen im Berufsleben (ich war damals noch Studentin), handwerklich und praktisch begabt (während meine Stärke eher die Kreativität ist), Optimist (ich bin eine überzeugte Pessimistin) und keinerlei Vorstellungsvermögen, wenn es beispielsweise um Wohnungseinrichtung und Wandgestaltung geht (was ich erst später bei unserem Zusammenzug feststellte). Klingt erst mal nicht sehr überzeugend und weil das so war, hatte er es anfangs auch nicht gerade leicht mit mir. Aber von Anfang an entdeckten wir auch Gemeinsamkeiten: Erst waren es nur Fakten wie die Anzahl der Geschwister oder dass wir beide keine Langschläfer sind. Inzwischen sind es aber noch ganz andere Dinge, die ich schätze. Wir haben dieselbe Vorstellung von einer intakten Partnerschaft, dieselben Ziele, die wir idealerweise gemeinsam erreichen wollen, dieselben Ideen darüber, wie wir unsere Freizeit verbringen wollen, denselben Ordnungsfimmel, dasselbe Bedürfnis nach Nähe und Freiraum. Und schnell habe ich mich gefragt, wie es früher mit Partnern an meiner Seite aushalten konnte, die in den banalsten Ansichten so grundverschieden waren.

Sicher können wir an Unterschieden wachsen. Sicher gehören Kompromisse zwangsläufig zu einer Beziehung dazu. Und sicher können gegensätzliche Eigenschaften eine wunderbare Ergänzung des anderen sein. Aber mit Egoisten, Partylöwen, Gamern und Surferboys möchte ich heute trotzdem nicht mehr zusammen sein. Wie gesagt, ich mag es normal. Und die Zeiten, in denen ich den Musikgeschmack des anderen adaptierte oder versuchte, das Hobby des anderen zu erlernen, nur damit es irgendwelche Gemeinsamkeiten gibt, sind vorbei. Ich möchte und muss mich nicht mehr verbiegen, um das passende Puzzle-Stück für den anderen zu sein.

Studien belegen, dass Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten der Grundstein für eine glückliche Partnerschaft sind. „Auf Dauer sind große Unterschiede eine auslaugende Herausforderung“ heißt es in einer Studie der Partnervermittlung ElitePartner. Ähnlichkeit schafft Harmonie, Verständnis und das Wiedererkennen im Anderen. Aber ich gebe zu: als Pessimistin tut es mir durchaus gut, einen Optimisten an meiner Seite zu haben.

Trotzdem: „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ funktioniert – für mich zumindest – besser als „Gegensätze ziehen sich an“! Letztlich ist wahrscheinlich jede Theorie hinfällig, denn wer kennt den Spruch nicht: „Wo die Liebe hinfällt…“?

 

We agree to disagree

von Ines

„Wenn wir einmal irrtümlich verschiedener Meinung sind, haben wir uns besonders lieb.“ Hedwig und Hellmuth aus Loriots „Pappa ante Portas“, das unerträglichste Paar der Filmgeschichte, vereint eine unerträgliche Harmonie, schlimmer noch: das überwältigende Bedürfnis danach.

Doch was ist denn nun wirklich die vielbeschworene Basis für ein „harmonisches Miteinander, Füreinander und, äääh, ja“? Gleich und gleich gesellt sich gerne – oder Gegensätze ziehen sich an? Der Geselle, der Gefährte fürs Leben: der sollte eine Zwillingsseele sein, ein Bruder im Geiste, ein Ei, das uns selbst nicht ähnlicher sein könnte. Die Anziehungskraft dagegen, die Attraktivität, die intellektuell oder sexuell, sozial oder emotional ausgeübt werden kann, wirkt umso stärker, je konträrer das Gegenüber ist. Also: für die Lust den Gegenpol, für die Liebe und das Leben die Zwillingsseele?

In der Theorie: ja. Charlotte hat Recht: Dass Partnerschaften umso besser funktionieren, je ähnlicher man sich ist, das belegen zahlreiche Studien. In der Praxis? Irgendwie auch. Fast alle Paare, die ich kenne und die das sind, was der Außenstehende als „gutes Paar“ bezeichnen würde, passen gerade deswegen so perfekt zusammen, weil sie sich so ähnlich sind. Ganz vorne dabei: Charlotte und S. Harmonisch im besten Sinne des Wortes – nicht im Loriotschen Sinne der exzessiven Eintracht, sondern ehrlich, authentisch, angenehm.

Bei mir ist das anders. Ich esse Milcheis ausschließlich in Kombination mit Fruchteis. Und fange an, mich zu langweilen, sobald die Harmonie überhand nimmt.

Eine zufällige Auswahl der zahllosen Dinge, bei denen F und ich anderer Meinung sind – und nein, nicht irrtümlich, sondern bei vollem Bewusstsein:

–  Temperatur, die Essen haben sollte (F: lau. Ich: heiß oder kalt)

– Attribute, über die Fs Klamotten verfügen sollten (F: Hauptsache gemütlich. Ich: Hauptsache hübsch)

– Sachen, die wir im Urlaub machen wollen (F: keine. Ich: viele)

– Anzahl der Menschen, die wir gerne um uns herum haben (F: keine. Ich: viele)

– Anzahl der Kinder, die wir uns wünschen (F: keine. Ich: viele)

– Art und Weise, wie man mit Besitz umzugehen hat (F: sehr vorsichtig. Ich: sehr unvorsichtig)

– Beschaffenheit des Ortes, an dem wir leben wollen (F: ruhig, einsam, ordentlich. Ich: laut, zentral, chaotisch)

– Positive Emotionen, die wir haben, sobald wir einen Song von David Hasselhoff hören (F: viele. Ich: keine)

Ich habe mal einen Mann kennengelernt, der zweifellos so etwas war wie der Deckel auf meinem Topf oder was auch immer. Wir haben dasselbe studiert, uns für dieselben Dinge interessiert, als ich das erste Mal in seiner Wohnung war, fand ich auf seinem Nachttisch mein damaliges Lieblingsbuch, in seinem CD-Player das Album, das ich zu der Zeit am liebsten gehört habe. Wie ich hatte er einen Haufen Geschwister. Seine Idealvorstellungen von der Zukunft (viele Kinder, längere Zeit im Ausland zu leben, für die ZEIT zu schreiben, Italienisch zu lernen, in der Nähe von Wasser zu wohnen, Tomaten und Sonnenblumen auf dem Balkon zu pflanzen…) entsprachen den meinen, im Kleinen wie im Großen. Was fehlte? Der berühmte Funke, zumindest meinerseits.

Funken sprühte es dann wie wild mit einem anderen Mann, mit dem mich genau eine Sache verband. Wir aßen beide gerne Pfannkuchen. Dass es auch mit dem nicht klappte, lag daran, dass mir einige seiner Wert- und Weltvorstellungen komplett widerstrebten. Ich stellte fest: Gegensätzlichkeit kann beides sein – attraktiv und unattraktiv.

F und ich haben auf den ersten Blick gar nicht mal so wenig gemeinsam. Wir haben denselben Job, ein ähnliches Alter, essen beide kein Fleisch, divergieren in moralischen, politischen, ethischen Fragen nicht allzu sehr, was, wie mich der Funken-Mann gelehrt hat, eine meiner Grundvoraussetzungen in einer Beziehung ist. Der Nicht-Funken-Mann wiederum hat mich etwas anderes gelehrt: Wenn zu viel passt – passt es auch nicht. Zumindest nicht für mich. Ich brauche den Konflikt, den Diskurs, den Dialog, der aus mehr bestehen soll als aus einem repetitiven „Du hast ja so Recht, Schatz“. Ich brauche die Diskussion, die Inspiration ist, ich brauche die Herausforderung und das Gefühl, den anderen erst dazu bringen zu müssen, mich zu verstehen. F hält mich die meiste unserer gemeinsam verbrachten Zeit für vollkommen crazy, was er auch sehr gerne so artikuliert. Ich ihn auch. Ich mag das.

„Mann und Frau sind sich … oder so: Mann und Frau ergänzen sich“, erklärt Hellmuth in seinem Hohelied der Harmonie, in seiner euphorischen Ode an das Wunderwerk der Ehe. Doch wer könnte sich besser ergänzen als zwei Menschen, die grundsätzlich anderer Meinung sind? Übrigens sogar bei dieser Frage. F sieht das nämlich völlig anders.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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