Allein, allein?

Was dem einen entspannende Ruhe ist, ist dem anderen zermürbende Langeweile. Wieso kann Langeweile gut sein, weshalb sind soziale Konstellationen nicht immer einfach und was ist der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein? Das wollten wir wissen und lassen relaxtes Alleinsein und geselliges Beisammensein gegeneinander antreten.

Alleinsein ist Luxus

von Charlotte

„Was soll diese Obsession, sich ständig mit Leuten umgeben zu wollen? Das Alleinsein ist der größte Luxus“, weiß Modezar Karl Lagerfeld. Und er muss es wissen. Kaum ein unbemerkter Schritt, kaum ein Auftritt, bei dem er nicht von Menschentrauben umgeben ist. Meine Kleidung würde ich gegen seine Kunststücke tauschen, nicht aber sein öffentliches Leben mit dem meinen.

Ich fahre täglich mit überfüllten Verkehrsmitteln, hechte durch volle Städte, stehe in langen Einkaufsschlangen. Googlet man nach Synonymen für das Wort „einsam“ findet man fast ausschließlich Negatives: abgesondert, menschenscheu, isoliert, langweilig. Dabei muss „einsam“ nicht zwingend Schlechtes bedeuten. Wie wäre es zum Beispiel mit separat, singulär oder gar exklusiv. Exklusiv finde ich super! Ich persönlich bin zwar ein augenscheinlich unfassbar langweiliger Mensch, gleichzeitig aber offenbar auch sehr exklusiv. Ich habe Freude am Kontakt mit Menschen, sofern sie wohlgesonnen und nett sind. Treffe ich auf unverschämte, dreiste, ungehobelte, unfreundliche, respektlose Menschen kann ich schon mal misanthropische Züge annehmen.

Es gibt diesen Menschenschlag, der nie genug Trubel um sich herum haben kann. Ich erinnere mich an eine ehemalige Mitschülerin, die zu eben diesem Schlag gehörte. Sie gehörte auch zu diesem Schlag Mensch, der unbedingt all seine Freundeskreise ineinander mischen und absolutes Chaos in die einst wohlseparierten Grüppchen bringen musste. Der Trubel diente aber nicht ausschließlich der reinen Geselligkeit, sondern auch der Selbstbestätigung. Denn die regelmäßigen Versammlungen sollten stets einen Mittelpunkt haben: Sie selbst. Der Mittelpunkt ist nicht mein Metier. Lieber überlasse ich anderen die Bühne und schaue mir das bunte Treiben aus dem Publikum an. Früh schon habe ich die Erkenntnis gemacht, dass sich nicht alle Freundeskreise wahllos mischen lassen. Warum? Weil sie eben nicht zueinander passen, aus unterschiedlichsten Epochen meines jungen Lebens stammen, viel zu unterschiedliche Interessen und eben nicht immer das Interesse haben, zwangsweise mit den Interessen der anderen konfrontiert zu werden. Und das hat sich als die richtige Taktik erwiesen.

Es gibt aber auch positivere Beispiele für gesellige Menschen. Sie haben einfach gerne Kontakt zu anderen und genießen die Gesellschaft. Das kann ich nachvollziehen: Wenn ich mich nach längerer Zeit mal wieder mit einer Freundin getroffen habe, denke ich anschließend :„Das hat gut getan!“ Mir reicht aber diese eine Freundin. Ich brauche nicht zehn davon an einem Tisch. Da verliert man eh nur den Überblick und kommt nie dazu über all die Themen zu sprechen, die man in kleinstem Kreis bequatschen würde. Somit zähle ich definitiv zu den Menschen, die das Alleinsein – ebenso wie Herr Lagerfeld – für Luxus halten. Genauso halte ich Langeweile für Luxus. Alles, was selten ist und so exklusiv, dass man es bestenfalls für kein Geld der Welt haben kann, ist Luxus. Und damit auch die Langeweile. Ich habe sie nicht oft, aber wenn, dann genieße ich sie – sofern mir nicht irgendjemand ein schlechtes Gewissen macht, weil ich nichts-tuend auf der Couch sitze. Ich halte das Alleinsein für keine Strafe, sondern ein Geschenk. Ständig sind wir sozial vernetzt, teilweise auch viral und bakteriell, was sich dann bemerkbar macht, wenn wir uns durch den unausweichlichen Kontakt zu anderen mal wieder eine fiese Grippe eingefangen haben. Wieso also ist es so verwerflich zu sagen „Ich bin gerne allein.“ Das kann offenbar kaum jemand verstehen. Die Gesellschaft schreibt uns vor, dass wir am besten täglich auf einem anderen Event sind: Montag bei der Familie, Dienstag essen mit Freunden, Mittwoch im Kino mit den Mädels, Donnerstag eine alte Kollegin besuchen, Freitag zum Essen bei einem Kumpel eingeladen, Samstag 80er-Party und Sonntag? Da kommt Freizeitstress auf. Wer aber zugibt, Freizeitstress zu haben, wird ungläubig beäugt. Wie können einen so viele tolle Sachen stressen? Können sie, nur zugeben will es niemand! Ich brauche keine völlige Isolation, aber ein entspannter Abend mit dem Partner beruhigt mich ungemein. Ich brauche das Wenn-ich-wollte-könnte-ich-heute-dieses-und-jenes-tun-Gefühl, das mir durch einen eng terminierten Zeitplan verwehrt bleibt und mich anspannt. Ich möchte die Treffen mit meinen Freunden genießen können und sie nicht als einen Zeitabschnitt in meinem Terminplan sehen müssen. Und ich möchte mich nicht dafür rechtfertigen müssen, dass ich das Wochenende alleine verbringe, um zu lesen, einen ausgiebigen Spaziergang zu machen, etwas Leckeres zu kochen, einen tollen Film oder eine spannende Serie anzuschauen oder die Wohnung umzugestalten. Ich gebe zu, das sieht nach außen hin nicht besonders aufregend aus. Na und?

 

Gemeinsam statt einsam

von Ines

„Zusammen ist man weniger allein“, schrieb mein Freund F, ihr wisst, neulich auf die Frage, was er als mein Lebensmotto bezeichnen würde. Die Frage, eine ziemlich dämliche, zugegeben, stammte aus einem dieser pseudo-lustig-philosophischen Frauenzeitschriften-Fragebögen, dank derer man angeblich mehr über den anderen erfahren soll. Die Idee, diesen Fragebogen gemeinsam auszufüllen, stammte natürlich von mir. F hasst solche Fragebögen. Ich liebe sie, aus eben diesem Grund: weil ich es liebe, mehr über andere Menschen zu erfahren. Und aus eben diesem Grund bin ich gerne mit anderen Menschen zusammen.

Allein sein zu können, ist existenziell. Aber nur, weil man es kann, heißt das ja nicht, dass man auch muss. Ich musste bisher selten. Als ich für meine Promotion nach Florenz ging, kam ich mir vor wie das neue Kind in der Klasse. Ich kannte niemanden, wusste nicht, wer und was mich erwartete, aber ich versuchte, die positiven Seiten zu sehen: Das tut dir auch mal gut, Zeit im stillen Kämmerlein zu verbringen. Dann siehst du mal wenigstens, wie das ist. Dann kommst du wenigstens mit deiner Doktorarbeit voran! Nach einer Woche hatte ich einen Haufen der nettesten, amüsantesten, interessantesten Menschen dieser Welt kennengelernt. Und mein Plan, das Alleinsein zu lernen (und mit meiner Doktorarbeit voranzukommen), wurde erst mal ad acta gelegt.

Es ist ja auch so: Wozu soll ich allein sein, wenn ich mit Leuten zusammen sein kann, die nett, amüsant und interessant sind? Die ich noch nicht kenne und über die ich mehr erfahren will. Die ich gut kenne und die ich noch besser kennenlernen, über deren Gedanken, Ideen, deren Leben ich noch mehr wissen will.

Dabei mache ich eigentlich gerne Sachen, die man wunderbar alleine machen kann. Zum Beispiel lesen. Aber selbst das tue ich am liebsten, wenn jemand neben mir sitzt, der auch liest. Wenn mein Freund neben mir sitzt und beim Lesen einschläft, fühle ich mich einsam, obwohl ich nicht alleine bin. Alleine aber mit meinen Gedanken, meinen Ideen, die ich vielleicht das Bedürfnis habe, mitzuteilen. F dagegen liebt es, alleine auf der Couch zu liegen. Sobald ich ihn dabei erwische, überkommt mich der Wunsch, mich um ihn zu kümmern, mit ihm zu reden, für ihn und seine Gedanken da zu sein. Vom Verstand her weiß ich, dass er gerade gerne alleine ist. Instinktiv aber meine ich, dafür sorgen zu müssen, dass er sich nicht einsam fühlt.

Allein zu sein, ist ein Zustand. Einsam zu sein, ist ein Gefühl. Und zwar eben doch ein negatives. Ich bin allein, das sagt nichts über die Dauer des Zustands aus, ebenso wenig wie über mein Empfinden dabei. Ich bin allein, aber vielleicht kommen in einer Stunde mein Mann und meine fünf Kinder zur Tür herein. Ich bin allein, aber vielleicht ganz froh drum, weil ich das ganze Wochenende Besuch, Jubel, Trubel hatte. Alleinsein ist objektiv. Einsamkeit ist subjektiv, hat nichts damit zu tun, wie viele Menschen tatsächlich um mich herum sind. Einsamkeit verspüren kann man auch, kann man gerade umgeben von Menschenmassen, mitten im Geschehen.

Ich musste 28 Jahre alt werden, um mal für einige Zeit alleine zu wohnen. Sonst war da immer jemand: Familie, Mitbewohner, Freund. Jetzt war da auf einmal: niemand. Nur ich. Aber wieso eigentlich „nur“?  Unter Menschen zu sein, schützt nicht vor Einsamkeit. Und umgekehrt bedeutet Alleinsein nicht zwangsläufig, einsam zu sein. Das ist keine große Erkenntnis, für die meisten wahrscheinlich sogar eine selbstverständliche. Aber es ist wichtig, diese Erkenntnis nicht nur zu erkennen, sondern selbst zu erleben, am eigenen Leib. Damit man nie wieder Angst vor dem Alleinsein zu haben braucht. Damit man keine bewusst falschen Entscheidungen trifft, nur um der Einsamkeit zu entfliehen. Damit man selbst für immer ein wenig freier ist, ein wenig unabhängiger, weil man weiß: Ich komme auch klar, wenn da niemand ist. Nur ich.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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