Anfassen: lebensgefährlich

Ebola: Leben mit der Angst

Leben mit der Angst. Mit der Angst vor der Freundin, mit der Angst vor den Nachbarn, den Kollegen, den Menschen auf der Straße. Wie lebt es sich mit dieser Angst? Wie lebt es sich, wenn jeder Händedruck ansteckend sein kann, jeder Kuss tödlich? Wie würden wir leben, hier – bei uns?

von Ines

In der ZEIT ist ein unglaublich guter und unglaublich trauriger Artikel erschienen (Fluch der Berührung, 9. Oktober 2014). Es geht um Ebola, doch es geht nicht um die Kranken, die Toten. Es geht um die Gesunden und um das, was die permanente Bedrohung der Krankheit mit ihnen macht. Es geht um junge Männer, die ihre Freundinnen nicht mehr küssen. Es geht um alte Freunde, denen man nur noch aus der Ferne zuwinkt. Es geht um Angst. Um berechtigte Angst. Und es geht um Misstrauen und um Einsamkeit.

In den Medien wird meist nur von den Opfern berichtet. Von der Zahl der Infizierten. Von der Zahl der Verstorbenen. Hauptsache am Leben, Hauptsache gesund? Auch die Menschen, die der Krankheit nicht zum Opfer fallen, sind Opfer. Opfer ihrer Angst. Ihres Misstrauens, ihrer Einsamkeit.

Ich habe kürzlich von einer jungen deutschen Ärztin gehört, die mit einer Hilfsorganisation in Sierra Leone war. Sie erzählte, dass der Brauch es dort vorschreibt, verstorbene Familienmitglieder zu waschen und zu küssen. Auf diesen Brauch zu verzichten, fällt den Menschen sehr schwer – selbst dem eigenen Leben zuliebe. Bei Beerdigungen infizieren die Leute sich in Massen. Wenn es schon so hart ist, der Berührung der Toten zu entsagen, wie hart muss es erst sein, die lebenden Freunde, Verwandten, Geliebten nicht mehr anfassen zu dürfen? Wie einsam macht es, wie viele Beziehungen zerstört es?

Ebola, so die Ärztin, ist umso ansteckender, je weiter die Krankheit fortgeschritten ist. Das heißt: Blut eines kürzlich Infizierten würde das Virus übertragen, Speichel noch nicht. Am ansteckendsten sind bekanntermaßen die Toten. Blut, Speichel, Tränen – wie oft kommt man im Alltag damit in Kontakt? Nie? Oder vielleicht: oft?

Wie sähe ein Tag in meinem Leben aus, wenn ich bei jedem Schritt Angst vor Ebola haben müsste? Wieviel Normalität kann es noch geben? Welche Schritte wagt man überhaupt zu tun? Wie viel Körperkontakt hat man mit fremden und bekannten Menschen an einem ganz normalen Tag? Wo würde sie überall lauern, die unsichtbare Bedrohung?

Ich öffne die Wohnungstür und trage mein Fahrrad die Treppen hinunter. Ein Nachbar kommt mir entgegen, er lächelt und hält mir die Tür auf. Ich lächle auch, bleibe kurz stehen und wünsche ihm einen schönen Tag – müsste ich Angst vor Ebola haben, würde ich lächeln, aber das Rad so rasch wie möglich vorbeischieben.

Mit dem Fahrrad fahre ich zum Hauptbahnhof. Auf dem Fahrrad fühle ich mich immer sicher. Ich bin schnell, ich bin weit weg, hier kann mir nichts passieren. Allerdings: Auf meinem Weg stehe ich drei Mal an roten Ampeln. Bei der dritten Ampel komme ich gerade an, als sie umschaltet, bin ganz vorne in der Reihe. Ungeduldige Radfahrer drängeln an mich heran, von hinten rieche ich Kaffee-Atem. Das ist mir unangenehm, mehr nicht.

Am Bahnhof ist es wie immer voll und hektisch. Pendler schieben sich aneinander vorbei, treten sich auf die Füße, rempeln sich Ellenbogen ins Gesicht. Ein ganz normaler Dienstagmorgen also. Kein Grund zur Panik – oder?

Ich ergattere einen Sitzplatz im Zug. Als Vegetarierin und Nichtraucherin nervt es mich, dass sich unweigerlich die Menschen, die gerade geraucht haben oder genüsslich in ein Wurstbrötchen beißen, neben mich setzen. Ich hole meinen Zitronenjoghurt heraus, überall wird gefuttert, getrunken. Spucketröpfchen fliegen durch die Gegend. Der Zug, das fahrende Frühstückscafé. Und warum auch nicht.

Den Schaffner, der mich kontrolliert, habe ich schon oft gesehen. Er mustert gleichgültig meine Monatskarte, beugt sich dann über mich, um dem neben mir sitzenden, wurstessenden Bayern zu erklären, dass sein Verbindungszug nach Treuchtlingen traurigerweise technische Probleme hat. Die Ts betont er theaterreif, ich halte mir schützend meine Zeitung vor die Nase.

In der Redaktion angekommen wäre ich erstmal in Sicherheit. Oder? Kein Großraumbüro, wir sitzen zu dritt in einem Zimmer, die Schreibtische in gebührendem Abstand voneinander entfernt. Konferenzen, Besprechungen, mal schnell etwas durchgehen: Der geistige wie körperliche Kontakt mit Kollegen bleibt dennoch nicht aus. Angst davor haben wir nicht – zum Glück.

Zur Morgensitzung kommt ein sonst immer auffällig farbenfroh gekleideter Kollege heute ganz in Schwarz. „Gehst du etwa auf eine Beerdigung?“, zieht ihn ein anderer auf. „Ja“, sagt er. Für einen Moment herrscht betroffenes Schweigen, dann gehen wir zu ihm hin, drücken ihm die Hand, versichern ihm unseres Beileids. Müssten wir Angst vor Ebola haben, täte er uns ebenfalls leid, sicher. Trotzdem würden wir lieber das Weite suchen. Wer weiß, woran sein Freund gestorben ist.

Unser Büro beherbergt das Süßigkeiten-Reservoir. Auf dem Tisch türmen sich Schokoriegel, Lakritzschnecken und Apfelchips. Eine Kollegin achtet streng auf ihre Linie, nimmt einen halben Riegel und legt die Überbleibsel sorgfältig verpackt in die Schüssel zurück. Ich betätige mich als Restevernichterin und erbarme mich der anderen Hälfte. Man ist ja unter sich.

Interviews, Rechercheanfragen, Organisatorisches erledigen wir weitgehend telefonisch, treffen selten auf andere Menschen. Doch in einem Büro breitet sich schließlich schon ein Schnupfen oder ein Magen-Darm-Infekt in rasender Schnelligkeit aus. Würden wir es überhaupt noch wagen können, zur Arbeit zu gehen?

Abends treffe ich eine Freundin zum Essen. Bussi-Bussi gibt‘s in meinem Freundeskreis nicht, aber wir haben uns anderthalb Wochen nicht mehr gesehen, was uns ungefähr vorkommt wie anderthalb Jahre. Entsprechend umarmen wir uns herzlich und heftig. Ich rieche das vertraute Parfüm, das sie schon trägt, seit wir uns kennen. Zum Nachtisch entscheidet sie sich für ein Brownie, ich mich für den Käsekuchen. Gabeln werden über den Tisch gereicht, natürlich wollen wir beide probieren.

Als ich heimkomme, ist F schon da. Wir küssen uns, wir drücken uns. Den ganzen Tag haben wir uns nicht gesehen, keine Ahnung, mit welchen Leuten er Kontakt hatte. Egal. Ich dusche alles ab, mit was ich den Tag über in Berührung gekommen bin. Blut, Speichel, Tränen, Schweiß. Egal. Ich drücke F nochmal, bin dankbar und glücklich, dass ich keine Angst haben muss vor meinen Nächsten, vor meinen Liebsten. Dass Berührung nicht tödlich ist – für uns.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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