Beruf: König

Schloss Neuschwanstein

Little Prince George wird getauft und die ganze Welt ist außer Rand und Band. Die ganze Welt? Ja, die ganze Welt. Denn auch außerhalb des Vereinigten Königsreiches wünschen die Menschen sich die Monarchie zurück. Zum Beispiel: in Deutschland. Laut einer Umfrage hätte jeder fünfte Deutsche, bei den Jüngeren jeder dritte, gerne wieder einen König. Völlig archaisch oder ziemlich cool? Die Schwerter dürfen gewetzt werden!

Die Abstrusität der Monarchie

von Ines

Also bitte, liebe Leute. Nicht euer Ernst, oder? Ich schaffe es ja noch nicht mal, an einen Gott zu glauben. Wie soll ich dann an einen König glauben können?

Also ich wurde nicht gefragt, soviel ist sicher. Sonst hätte ich denen schon was erzählt. Hätte denen erzählt, wo sie sich ihre auf Staatskosten polierten Krönchen hinstecken können, und nein, nicht auf das schwindende prinzliche Kopfhaar (früher gab es wenigstens bepuderte Perücken, um König Ludwig XIII. die Schande zu ersparen, barköpfig vor sein Volk treten zu müssen).

Jeder Dritte in Deutschland zwischen 18 und 24 Jahren, jeder Fünfte insgesamt wünscht sich einen König. Wäre gern nebenberuflich: Untertan. Will zehren von den Romanzen und Skandälchen einer königlichen Familie – als hätten wir nicht schon genug zu tun mit Dschungelqueens, Models und Millionären. Wünscht sich die Prinzessin auf dem großen Schloss, zu retten vom Prinzen auf dem weißen Ross. Oder vom Fitnesstrainer auf dem Ergometer, so genau nimmt man das ja heute nicht mehr.

Neidisch blicken wir über den Gartenzaun. Sarkozy & Bruni, Obama & Obama – wenn schon nicht mit Schwert, Zepter und Krone, so wollen wir zumindest mit Schirm, Charme und Melone regiert werden. Mit unseren eigenen Glamour-Paaren (die Wulffs, die Guttenbergs) hatten wir nie viel Glück. Doch für eine schillernde, charismatische Persönlichkeit ganz an der Spitze – dafür fehlt uns schlichtweg der Mut. Dann lieber Merkel, da weiß man, was man hat. „I’m not here for your entertainment“, singt Pink, findet Merkel. Jeder König, dem dieser Satz über die Lippen käme, würde sich der Lüge schuldig machen. Denn: Er ist ausschließlich da für unsere Unterhaltung. Den königlichen Riegen zuzusehen, wie sie sich unstandesgemäß verlieben, verstreiten, vermehren, versündigen, klar, das ist ein Riesenspaß. Allerdings: ein ziemlich teurer.

Mit einem König könne man sich besser identifizieren als mit einem Kanzler. Kein Wunder: König werden kann jeder, Kanzler werden nicht. Wer König wird, entscheidet der Zufall der Geburt – oder der Liebe. Moderne Märchen wie die von Kate Middleton oder von Lady Di faszinieren uns, suggerieren uns, dass dieses Glitzerleben für uns alle zum Greifen nah ist. Berühmt, reich und schön zu werden, ohne etwas dafür zu tun: Ist das nicht ein Traum?

Ein Traum, wahrhaftig. In Märchen, Mythen, Kinderbüchern ist die häufigste Staatsform die Monarchie. In meinem Lieblingsbuch Jim Knopf sitzt König Alfons der Viertel-vor-Zwölfte in seinem Schloss, samt rotsamtenem Schlafrock, schottisch karierten Pantoffeln und einer Krone auf dem Kopf. Er telefoniert den ganzen Tag mit seinem goldenen Telefon und regiert genau zwei Untertanen (Lukas der Lokomotivführer ist kein Untertan, sondern Lokomotivführer. Warum Frau Waas trotz ihrer beruflichen Tätigkeit als Inhaberin des Kaufladens zu den Untertanen zählt, wird nicht erläutert – vielleicht einfach, weil Frauen besser im Multitasking sind).

Das Schönste an Michael Endes Büchern sind seine surrealen, seine märchenhaften Welten – fernab von jeder Wirklichkeit. Und in eben diese Welten gehören Könige heute. Die Königshäuser werden immer moderner, heißt es. Doch wie modern kann ein Königshaus sein? Stammen sie doch aus einer Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat (und ja, das ist sehr lange her). In der Drachen besiegt, Prinzessinnen erlöst wurden und der edle Ritter postwendend das halbe Königsreich und die ganze Prinzessin in seinen Besitz überschrieben bekam. Es gibt wenig, was so unzeitgemäß, so überflüssig und völlig abstrus ist wie die Monarchie. Um es mit James Krüss zu sagen: „Das Königreich von Nirgendwo liegt irgendwo am Grund.“ Und dort sollte es besser auch bleiben.

 

Glanz und Gloria

von Charlotte

Dass eine Monarchie ein teurer Spaß ist, wissen die meisten wahrscheinlich nicht. Wen wundert das, zeigen uns doch die hocheloquenten Beiträge bei TV-Total regelmäßig, dass manch einer offenbar nicht einmal weiß, in welchem Bundesland er lebt oder wie Deutschland überhaupt auf einer Karte aussieht. Dennoch: Wir interessieren uns unglaublich für das Leben der Anderen. Regelmäßig springen mir die bunten Klatschblätter bei meiner Oma ins Auge, die nicht selten eine lächelnde Prinzessin oder einen strahlenden Prinzen zeigen. Wenn ich mir unsere Politiker so ansehe, stellt sich mir eine Frage: Ist ein Monarch, der nur durch den Zufall seiner Geburt auf den Thron kommt, nicht besser, als Politiker, die gerade einmal durch Plagiatsaffären zu zweifelhaftem Ruhm gelangen?

Was sind sie schön und reich und ach so bodenständig? Was sähen wir sie gerne einmal in Jogginghosen? Was ein Monarch anderes kann als eine Kanzlerin? Man kann sich mit ihm identifizieren. Was ist so schlimm daran, unsere Nachbarn mit Neid zu beäugen, sind sie uns doch das beste Beispiel dafür. Sie verehren ihre Königinnen, Könige, Prinzessinnen und Prinzen, die kleinen frisch geborenen Thronfolger. Und was ist so falsch daran, sich in einer Zeit, wie sie kaum schnelllebiger und leistungsorientierter sein könnte, nach etwas so Altmodischem und gleichzeitig Unumstößlichem zu sehnen, wie nach einer Monarchie?

Sie kann ein Volk einen, es in seiner Bewunderung für das altehrwürdige Königshaus gleich machen. Sie kann eine Attraktion sein (mitunter eine Touristenattraktion, wenn man bedenkt, welch ausgefallene Haushaltsaccessoires man zu Kates und Williams Hochzeit auf Londons Straßen erwerben konnte), sie ist glamourös, ein Hingucker und ein Repräsentant des Landes, der sich vor allem durch das stolze Volk gestärkt weiß. Eine Monarchie ist viel mehr, als nur eine Staatsform. Sie ist eine Lebenseinstellung.

Es hat auch weniger mit der politischen Stellung einer Monarchie zu tun, sondern viel mehr damit, was bestimmte Personen eines Königshauses tun. Und das kann noch so unbedeutend sein. Ein Lächeln, ein Winken, eine schief sitzende Frisur, egal, was passiert, das Königshaus bleibt stets ein Dauerrenner in den Medien und muss um diese Rolle nicht einmal fürchten. Es sind Träume, die der Normalo auf das Königshaus projizieren kann, die Märchenhochzeit, die Paläste, all das. Und ist eine Monarchie nicht auch irgendwie einfacher, beständiger, als die oftmals ausufernd komplizierte Politik, wie wir sie kennen?

Könige stehen für die Einheit des Vaterlandes, Königinnen nehmen Mutterrollen für ihr Land ein. Trotz vieler Skandale erfreuen sich die europäischen Königshäuser immer noch großer Beliebtheit. Sie sind identitätsstiftend, sie sind interessant, sie sind allgegenwärtig. Aber eine Schwierigkeit haben sie: Sie stehen und fallen mit ihren Gesichtern. Und damit sind die wahren Königinnen und Könige eigentlich nicht die Monarchen selbst, sondern die Untertanen, von denen ihr Dasein abhängt. So räumen Monarchien dem Volk eine nicht unbedeutende Rolle ein. Eine, die es in mancherlei anderer Hinsicht heute vielleicht zu vermissen gibt.

„Zweifellos ist die Macht, die aus der Liebe des Volkes stammt, die größte; aber sie ist unsicher und bedingt.“, gab Jean-Jacques Rousseau zu bedenken und bildete damit schon im 18. Jahrhundert das ab, was heute möglicherweise zutreffender ist, denn je.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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