Das Spiegelbild

Bild: Anne Julia Fett

Wahrheit oder Pflicht: Im Streit um eine neue Personalie beim Spiegel geht es um die ganz alten Fragen. Es geht darum, was Journalismus macht, will, kann – und ist. Was wir uns fragen: Wie wichtig sind diese Fragen überhaupt? 

Wie Wasser und Öl?

von Ines

Was ist der Unterschied zwischen einem Spiegel und einem Bild? Ein Spiegel reflektiert die Wirklichkeit, ein Bild zeigt die Welt, wie sie dem Maler gefällt. Und vielleicht sorgt genau diese Differenz für die Differenzen, die momentan die deutschen Medien bewegen – die Differenz zwischen Spiegel und Bild.

Ist es schlimm, wenn es auf der Welt einige Bild-Journalisten weniger gibt? Macht die Bild denn überhaupt Journalismus? Was ist Journalismus eigentlich? Wie weit reicht Journalismus, wer bestimmt, wie weit er reicht, und wenn ja, warum? Die Fragen stellen sich nicht zum ersten Mal, und nicht zum ersten Mal ist die Bild einer der Hauptakteure, der Antagonist: Angreifer und Angegriffener zugleich.

Im Mai vergangenen Jahres kam es zum Eklat. Der Moment hätte einer der stolzesten in den Karrieren aller Beteiligten sein können. Doch die SZ-Redakteure Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter lehnten den Henri-Nannen-Preis der Besten investigativen Leistung ab, weil sie ihn teilen sollten mit den Bild-Journalisten Martin Heidemann und Nikolaus Harbusch für deren Enthüllung der Wulff-Affäre.

Nun geht es wieder um einen Bild-Journalisten namens Nikolaus – nicht um irgendeinen, sondern um den Vize-Chef des Blatts, Nikolaus Blome, der dieselbe Aufgabe beim Spiegel ausüben wollte und sollte. Die Entscheidung des designierten Chefredakteurs Wolfgang Büchner wurde von seinen künftigen Ressortleitern extrem unmutig aufgenommen und letztlich revidiert, abgemildert in einer Form, die an den Feen-Fluch aus Dornröschen erinnert. Die Prinzessin soll sich zwar trotzdem an der Spindel stechen, jedoch nicht sterben, sondern nur schlafen. Der böse Bild-Wolf soll zwar trotzdem kommen, jedoch nicht als Stellvertreter, sondern nur als Mitglied der Chefredaktion. Die Reaktion des Königs ist es, panisch alle Spindeln im Königsreich verbrennen zu lassen. Was die Reaktion der Ressortleiter sein wird? Bleibt abzuwarten.

Diese ganzen Machtkämpfeleien erscheinen eitel und dünkelhaft, scheinen zu bestätigen, was man schon immer über die Medienwelt dachte. Auch die Reaktion Leyendeckers & Co.: Ist das nicht die eines schmollenden Kindes, dem der gewonnene Preis nichts mehr wert ist, nur weil ein anderer, den man nicht leiden mag, denselben Preis bekommen hat? Doch so wichtig die Medienwelt sich selbst nimmt, sie ist es auch. Sie ist wichtig, weil sie informieren soll, weil sie diskutieren, reflektieren soll. Weil sie Debatten anstößt – manchmal auch über sich selbst. Wie gut oder schlecht sie diese Aufgaben erfüllt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Aber wie gut oder schlecht sie diese Aufgaben erfüllt, ist wichtig – für uns und für das, was wir wissen, denken, erfahren.

Das gilt nicht für jedes Medium, natürlich. Nicht jedes Medium muss und soll gesellschaftlich relevant, informativ, meinungsstark und wirklichkeitsgetreu sein. Doch der Spiegel – ohne ihn überhöhen zu wollen – gehört definitiv dazu, als Informationsmedium, als Meinungsmedium, als Leitmedium. Auch die Bild ist ein Leitmedium, das führende im Boulevardbereich. Die Frage, die nun häufig gestellt wird: Was passiert, wenn man Wasser mit Öl mischt, wenn Bild und Spiegel aufeinandertreffen? Vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht ist die Frage vielmehr: Wird das überhaupt passieren? Oder ist Blome Profi genug, um die Bild bei der Bild zu lassen, wenn er zum Spiegel zieht? Sind wir nicht schließlich alle ein bisschen Bild – auch Büchner selbst, der seine Karriere beim Express begann und für die Bild in Magdeburg arbeitete.

Lautet das Fazit also, dass man an jedem etwas zu mäkeln findet, egal wer, wie und woher? Das wäre nun doch zu einfach.

Ja, keiner ist ohne Fehler, und wer ohne Sünde, der werfe den ersten Stein et cetera. So wurde die Wulff-Affäre im Nachhinein als mediale Hetzjagd verurteilt, kritisiert aber nicht nur das Verhalten der Bild, sondern auch der so genannten seriösen Medien. Doch auch Blomes Bild-Sünden werden ihm jetzt als Spiegel vors Gesicht gehalten: zum Beispiel die Verharmlosung der NSA-Affäre. Umso paradoxer, dass die jüngsten, sehr erfolgreichen NSA-Titel des Spiegel als richtungsweisend für den zukünftigen Kurs Büchners gesehen werden, der noch mehr harte Nachrichten, noch mehr Relevanz ins Heft bringen will. Ob dafür dann wiederum Blome der richtige Mann unter seinem Dach, an seiner Seite ist?  Sie drehen sich im Kreis, die Fragen und die Antworten, die wohl erst von der Zeit, nein, der Zeit beantwortet werden können.

Die eigentliche Frage warf Andreas Wolfers 2012 auf, bei der Vergabe und Nicht-Vergabe des Nannen-Preises, als er das „Handwerk des Journalismus“ in den Raum stellte. Denn genau darum geht es letztlich. Das Handwerkszeug ist immer dasselbe, egal ob bei Nannen oder Springer gelehrt und gelernt. Auch das Material ist dasselbe: Worte, Fakten, Menschen. Journalismus funktioniert irgendwie immer gleich, nach denselben Grundsätzen, Formeln und Versatzstücken. Journalismus ist berechenbar, Journalismus ist keine Kunst, sondern ein Handwerk. Deshalb geht es wie bei jedem Handwerk darum, was man daraus macht, wie man es macht und mit welchem Ziel, mit welcher Absicht. Worte kann man benutzen, Fakten kann man verdrehen, Menschen kann man zerstören.

Unabhängig davon, ob es generell eine Daseinsberechtigung des Boulevards gibt, soll nun nicht im Stile Günter Grass‘ zum Bild-Boykott aufgerufen werden, wenn Journalisten sich über Büchners Entscheidung empören. Immer deutlicher aber wird, wie wichtig es ist, klare Trennungslinien zu ziehen, Journalismus nicht zu einem Einheitsbrei verkommen zu lassen. Ein Märchen liest man schließlich auch anders als ein Geschichtsbuch. Boulevard oder Nachrichten, Fernsehzeitschrift oder Frauenmagazin, Playboy oder Zeit, Spiegel oder Bild: Journalismus ist nicht gleich Journalismus, es gibt zahlreiche verschiedene Medienformen (und mit dem Internet werden es immer mehr). Ja, das Material ist immer dasselbe. Doch aus Metall kann man ein Fahrrad herstellen oder auch eine Waffe. Aus Holz lässt sich ein Tisch schnitzen genauso wie ein Sarg.

P.S. Wer sich selbst ein Bild von Blomes Bild machen will, dem sei sein aktueller Kommentar ans Herz gelegt. Es geht – natürlich – um Wulff.

 

Aus Wasser und Öl kann man Salatsauce machen

von Charlotte

Ich stehe diesem Thema sehr unvoreingenommen gegenüber. Ich habe mir bislang nur wenige Gedanken über die Definition von Journalismus gemacht. Ich bewege mich selbst in einer schwierigen Branche, die streng genommen wohl auch dazu gehört, die ich aber selbst als „Grenzbezirk“ einstufen würde. Und ich käme auch selbst nie auf die Idee, mich als Journalistin zu betiteln.

Ich halte längst nicht alles für qualitativ hochwertigen Journalismus. Allerdings mache ich die Qualität weniger vom Thema abhängig, als vielmehr von der Umsetzung dessen. Für mich ist Journalismus vor allem eines (und daran scheitern viele Texte, vor allem im Online-Medium): Die Fähigkeit, Themen zu einem guten Text zu machen. Ein Text, der fesselt, inspiriert, zum Nachdenken anregt, polarisiert. Ich habe große Achtung vor Menschen, für die Worte das sind, was dem Künstler die Farbe ist und dem Fotografen sein Blick für eindrucksvolle Motive. Bei all dem, was vor allem online kursiert, freue ich mich schon über Beiträge, die fehlerfrei verfasst sind. Ich will mich nicht freisprechen, auch ich habe schon wirklich peinliche Fehler gemacht. Sie resultieren aus Zeitmangel und daraus, dass es niemanden gibt, der sie noch einmal korrigiert. Warum gibt es so jemanden nicht? Weil es sich nicht lohnt. „Es sind doch nur Texte“, bekomme ich immer wieder zu hören. In meiner Branche mögen sie tatsächlich nicht mehr sein. Sie könnten es aber. Sie sind ein Aushängeschild, sie könnten viel mehr sagen als eine reine Marketing-Aussage. Sie könnten sagen, dass man sich Zeit nimmt. Zeit für einen guten Text, Zeit für einen fehlerfreien Text, Zeit für eine intensive Recherche und Zeit für die professionelle, gehaltvolle Behandlung eines Themas. Zeit, den Leser ernst zu nehmen, sein Interesse zu schätzen. Das ist das eigentliche Problem: Denn Fehler findet man sowohl im Spiegel als auch in der Bild. Was soll sie also, die Diskussion über Wasser und Öl? Mit ein paar Küchenkräutern ließe sich daraus eine schmackhafte Salatsauce machen. Ist es nicht ohnehin töricht, das Handwerkszeug anderer herunterzuputzen und dabei selbst der Boulevardpresse entsprungen zu sein?

Es kommt nicht immer auf den Inhalt an. Ich gehöre zu den Menschen, die sich lieber ein Bild anschauen, als in den Spiegel zu sehen. Ich finde andere Dinge schöner als mich selbst. Ich sehe mich schon seit fast einem Vierteljahrhundert selbst, es wird Zeit, andere Dinge zu sehen. Was nicht heißt, dass mich der Blick in den Spiegel nicht dennoch täglich begleitet. Er gehört dazu, ich kann mich ihm nicht entziehen. Aber die Momente, in denen ich diesem Bestandteil meines Alltags nicht nachkomme, schaue ich mir Bilder an.

Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die unserer Gesellschaft verbal den Spiegel vorhalten. Gleichwohl ziehe ich ihn auch vor all den anderen, die triviale Themen in bunten Blättern verarbeiten, „Klatschjournalismus“, wie man so schön sagt. Hat man den Begriff „Klatschjournalismus“ nicht schon viel öfter gehört als „Qualitätsjournalismus“? Ist das nicht Indiz genug, um auch der Boulevardpresse ihre Arbeit anzuerkennen? Ich sage, ja: Was ein Spiegel an Reflexion leistet, leisten Bild & Co. in anderer Weise. Sie bereichern den Alltag, sie lenken von ihm ab, gerade wegen der Trivialität ihrer Inhalte. So bedeutungsvoll das Weltgeschehen auch sein mag: Manchmal kann ein Blick auf das Leben einer van der Vaart vom wirklich Wichtigen ablenken, uns einen Moment raus holen aus der bitterbösen Realität, in der wir leben. Mir persönlich sind solche Momente wichtig. Sie lassen mich kurz etwas unbeschwerter sein, sie bringen mich kurz zum Schmunzeln, sie machen mir kurz bewusst, dass es selbst Persönlichkeiten im Rampenlicht nicht leichter haben als andere, und nehmen mir kurz meine Ängste. Ist das nicht auch ein bedeutsamer Beitrag?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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