Der Mann, der zuviel wusste

Es waren Größen wie Juli Zeh, Sten Nadolny und Carolin Emcke, die sich via F.A.Z. nun in einem offenen Brief an Angela Merkel wandten. Edward Snowden braucht die Todesstrafe nicht zu fürchten – doch Deutschlands Dichter und Denker fürchten sich vor dem gläsernen Menschen. Und wir? Fürchten wir uns mit?

Is it me you’re looking for?

von Ines

Ich habe eh nichts zu verbergen. Das ist der erste Satz, der fällt, wenn es mal wieder um Datenschutz geht. Die meisten fühlen sich schlicht nicht betroffen. Unser Finanzminister ist nicht der einzige, der die Aufregung um den Überwachungsskandal so gar nicht nachvollziehen kann. Für viele macht es keinen Unterschied, ob ihre Daten durchsucht, ihre E-Mails gelesen und ihre Telefonate abgehört werden: Dieser Satz mag richtig sein. Dennoch geht es um mehr als das bloße Prinzip. Es geht um das, was sein könnte, was immer wieder war und immer wieder ist. Es geht um schwarze Listen, die erstellt werden, es geht um unschuldige Menschen, die verhaftet wurden, es geht darum, dass wir nicht nur überwacht, sondern auch belogen werden.

Und es geht (so heißt es) um unser aller Sicherheit. Ist die Sicherheit es wert, unsere Privatsphäre mit Füßen treten zu lassen? Vielleicht – auch wenn der Nutzen der PRISM-Überwachung angezweifelt wird. Aber müssen wir uns dafür von denen da oben sagen lassen, dass alles schrecklich geheim ist, Akten, Namen, Fälle? Während bei uns so ziemlich gar nichts mehr geheim ist, nicht einmal die Überraschungsparty, die wir für Onkel Alfons geplant haben? Das Ungleichgewicht, das ohnehin existiert zwischen Bürgern und Staat, die Abhängigkeit, die Willkür und Hilflosigkeit wächst mit jeder privaten E-Mail, die abgefangen, abgeschöpft und von fremden Augen abgecheckt wird.

Natürlich: Vor diesen fremden Augen, fremden Ohren sind wir nie geschützt. Eine Freundin von mir bekam einen Job nicht, weil sie in der U-Bahn am Handy von dem Vorstellungsgespräch erzählte – und dabei unbemerkt von einer Mitarbeiterin des Unternehmens belauscht wurde. Meine Nachbarin denkt, ich habe eine heimliche Affäre, weil mein Bruder immer dann vorbeikommt, wenn mein Freund gerade das Haus verlassen hat. Und Harald Martenstein bringt es mal wieder auf den Punkt, wenn er vom Intimitätsverlust im Krankenhaus berichtet, wo er im Live-Ticker über Abszess und Kontostand seines Bettnachbarn informiert wurde. Privatsphäre ist nicht immer möglich, nicht immer erwünscht – und nicht immer erlaubt. Deutschland ist kein Überwachungsstaat, sagt Angela Merkel. Warum taucht dann vor unserem geistigen Auge immer öfter das Bild dieses einsamen Mannes auf, mit fliehendem Haaransatz, gerunzelter Stirn und Kopfhörern, eindrucksvoll und auf ewig einprägsam verkörpert von Ulrich Mühe? Privat und Staat vermischen sich im Leben der Anderen. Die Grenze ist schleichend und die sorglose Arroganz der sich auf dem ruhigen Gewissenskissen sicher Fühlenden vielleicht allzu naiv. Ich habe eh nichts zu verbergen: Das war und ist das Argument vieler braven Bürger der DDR und weiterer Diktaturen.

Das Bewusstsein der eigenen Harmlosigkeit und Bedeutungslosigkeit führt virtuell zu einer Dynamik, die beständig an Fahrt gewinnt. Einmal mehr irgendwelche AGBs geändert, ohne dass wir es überhaupt mitbekommen haben? Wird schon passen. Mal wieder Sicherheitspanne auf Facebook, die unsere Privatdaten zum Allgemeingut werden lässt? Ach, na und. Allzu oft nehmen wir die reduzierte Privatsphäre als Nebenwirkung in Kauf. Wir haben uns die Angst abgewöhnt, je alltäglicher personalisierte Werbeattacken, undurchsichtige Datenschutzerklärungen und ausgespähte Passwörter wurden. Snowdens Enthüllung ist, allen Debatten zum Trotz, für viele nicht mehr als ein weiterer Aspekt einer neuen Gesellschaft, neuer Chancen und neuer Gefahren.

Ich habe eh nichts zu verbergen, ehrlich. Aber das heißt nicht, dass ich alles verraten will.

 

It’s not me you’re looking for!

von Charlotte

Und tatsächlich: Der gläserne Mensch scheint für den Großteil deutscher Bürger keine grausige Vorstellung mehr zu sein. Wieso auch? Sind wir es nicht selbst, die unser Leben ohnehin in sozialen Netzwerken bis ins Kleinste ausbreiten?

Verfolgen diese Netzwerke wirklich einen sozialen Nutzen, der uns Usern gilt, oder wurden sie einzig dafür ins Leben gerufen, um unsere Daten auszuspähen und im Idealfall gewinnbringend weiterzugeben?

Naivität: Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Den meisten Usern von Facebook und Co. geht es in erster Linie darum, alte Kontakte wieder aufleben zu lassen und ihr Leben, das, was sie beschäftigt, mit anderen zu teilen. Gewissermaßen steckt dahinter aber auch ein egoistischer Gedanke (ob unbewusst oder bewusst): Es geht nämlich auch darum, sich vor anderen zu profilieren. Betrügen wir uns schon selbst? „Facebook-Nutzung macht vielen schlechte Laune“, titelte der SPIEGEL Anfang dieses Jahres. Der Grund: Die positiven Nachrichten unserer „Freunde“ machen uns neidisch. Wie heißt es so schön? „Dein Neid ist meine Anerkennung“? Nach dieser Devise bewegen wir uns im ach so sozialen virtuellen Raum. Eigentlich geht es uns nur darum, möglichst viel positive Rückmeldung zu bekommen. Und das aus reinem Egoismus. Wer möchte nicht viel Anerkennung bekommen? Und wen macht der Neid anderer nicht irgendwie stolz?

Solange das Prinzip in diese Richtung funktioniert, ist alles gut. Dreht sich der Spieß um und es sind die anderen, die uns mit Fotos von ihrer Traumreise oder ihrem augenscheinlich perfekten Liebesglück neidisch machen, wünschen wir uns die vermeintlich sozialen Medien weg. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!

So oder so ähnlich wäre es den meisten wohl auch durch den Kopf gegangen, hätte Edward Snowden seine Enthüllungen nicht als Faktum, sondern bloß als vagen Verdacht dargestellt. Und: Was wollen die schon mit meinen Daten? Hilft es den USA wirklich, wenn sie wissen, was es bei mir zu Mittag gab?

„Ich habe nichts zu verbergen!“ Und letztlich ist auch jeder selbst für das verantwortlich, was er im Netz verbreitet. Wie groß ist das Ausmaß des Überwachungsskandals überhaupt? Weiß ich so genau, dass nicht mein Mittagessen, sondern die letzte SMS an meinen Bruder Verdacht erweckt, in der ich von einer „Bomben-Stimmung“ geschrieben habe? Bin ich nicht vielleicht schon längst in den Fokus der Beobachter gerückt, ohne es zu wissen? Und wenn ich es dann weiß, ist es vermutlich zu spät. Ich bin unschuldig und kann es nicht mal mehr beweisen. Denn die Informationen über mich lassen sich wie ein Puzzle zusammenfügen. Auch wie ein falsches Puzzle.

Soziale Netzwerke fallen durch Sicherheitslücken immer wieder in Ungnade. Und was passiert? Nichts! Niemand löscht sein Profil, niemand schmälert die Informationen, die er über sein Profil preisgibt. „Kann eben passieren im Zeitalter der virtuellen Kommunikation!“, mag sich manch einer denken. Gehen wir zu leichtfertig mit unserem Leben um? Schützt uns das Recht auf Meinungsfreiheit noch? Überwachungsstaat war gestern, Überwachungswelt ist heute, der Globalisierung sei Dank. Denn durch sie werden wir alle zu einer potenziellen Gefahr. Was wir sagen, wird gehört. Auch wenn wir uns sicher fühlen, durch Dinge, die man uns als Privatsphäre-Einstellungen verkauft. Wir glauben uns sicher, weil es ein Grundrecht auf Meinungsfreiheit gibt. Aber gibt es unter den Freiheitsrechten nicht auch ein Recht auf Freiheit von unwillkürlichen Eingriffen in unsere Privatsphäre? Der Duden definiert „unwillkürlich“ als „unbewusst“.  Bedeutet das im Umkehrschluss, dass „bewusste“ Eingriffe gestattet sind? Und wo ist die Grenze, wo hört Willkür auf? Wenn die NSA „aus Versehen“ unsere E-Mails mitgelesen hat, können wir uns dagegen wehren. Tut sie es absichtlich, müssen wir es so hinnehmen?

Vielleicht treibt die große Mehrheit von uns vor allem ein Glaube an: der an das Gute im Menschen! Wir verlassen uns darauf, dass nicht wir in den Fokus der Geheimdienste rücken, nicht in das Raster lückenloser Überwachung fallen, sondern nur diejenigen, die sich tatsächlich etwas zu Schulden haben kommen lassen. Wir glauben daran, dass die systematische Bespitzelung einem guten Zweck dient, nämlich dem der internationalen Sicherheit. Paradoxerweise stellt sie aber gerade für den kleinen Bürger ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Ist das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit eigentlich nur noch ein Recht auf Sicherheit, ohne Rücksicht auf Leben und Freiheit?

Kann man überhaupt von lückenloser Überwachung sprechen? Die Speicherung unserer Daten und unserer Kommunikation mag kaum noch an technische Grenzen stoßen. Bewertet werden müssten diese Daten aber letztlich immer noch von einem Menschen, der sie verstehe und in einen Kontext einordnen könne, schreibt BND-Vizechef Rudolf G. Adam auf Südddeutsche.de und gibt damit eines zu bedenken: Wenngleich seine geschätzte Zahl von 2,5 Millionen ausgewerteten Kommunikationen pro Tag erst einmal horrend klingt, stelle sie laut Adam gerade einmal 0,1 Prozent des täglichen globalen Gesamtvolumens elektronischer Kommunikation dar. Prima, so muss man sich quasi eh keine Sorgen machen!

Haben wir nichts gelernt aus unserer Vergangenheit oder erfordert ein neues Zeitalter auch eine neue Abwägung zwischen öffentlicher Sicherheit und Privatsphäre des Einzelnen? Globalisierung und Internationalität hin oder her: Wir können nicht von anderen erwarten, dass sie unsere Maßstäbe verstehen und geltend machen. Finden wir uns vielleicht nur deshalb damit ab, weil wir uns ohnehin nicht dagegen wehren können?

Um der Machtlosigkeit gegenüber Terror entgegenzuwirken, gehen wir das Opfer der Machtlosigkeit gegenüber Datenmissbrauch ein. Und wer würde schon die Verantwortung übernehmen wollen, wenn es zu Opfern käme, weil deutsche Datenschutzmaßstäbe eine Warnung vor einem Anschlag unterbunden hätten? Big brother is watching us! So what?

 

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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