Die Dreißig

„Ich fühle mich wie 40 und sehe auch so aus“, zitiert der stern (Nr. 23) Heidi Klum in seiner Titelstory. Ich fühle mich wie 30 und sehe auch so aus. Glaube ich. Nur: Wie sieht sie eigentlich wirklich aus, diese ominöse 30-Jährige? Wie fühlt sie sich, wer ist sie – und wenn ja, warum? Auf der Suche nach der Chamäleon-Frau.

Ich bin 30. Damit habe ich kein Problem, ich bin es seit einer Weile und habe mich inzwischen sogar damit abgefunden. Womit ich mich nicht abgefunden habe, sind die Reaktionen, die ich hervorrufe, sobald ich mein Alter nenne. „Du bist was???“, fragen die Milchbubis ungläubig, die mich und meine 24-jährige Freundin auf ein Kölsch eingeladen haben, und ich merke schon, wie sie mir am liebsten den Bierdeckel wieder unter den Fingern wegziehen würden. „Du bist doch nicht 30!“, ruft mein Chef erstaunt und leicht empört, als ob ich in meinem Lebenslauf ein falsches Geburtsjahr angegeben hätte. Und mein Nachmieter, ein Jüngelchen samt Sonnenbrille, blauem Hemd und weißem BMW, versucht gnadenlos, mich bezüglich meiner Küche abzuzocken. Bis er erfährt, dass ich gar keine Anfang 20-jährige Studentin bin – und auf einmal ziemlich höflich wird. Respekt vor dem Alter ist eine feine Sache.

So wie mir geht es den meisten gleichaltrigen Freundinnen. Wir werden von Türstehern, Kassierern und Polizisten, meist gute zehn Jahre jünger als wir, nach unserem Ausweis gefragt, und bekommen ihn dann mit einer betreten gemurmelten Entschuldigung zurück. Wir werden auf der Arbeit tituliert als „junges Fräulein“ oder wahlweise als „Hase“, und das Praktikantenbüro sei übrigens auf dem anderen Flur. Der Kunde einer Freundin erkundigt sich allmorgendlich besorgt, ob die Mutti ihr auch ja das Müsli eingepackt hat. Wir werden nicht ernstgenommen, wenn wir uns nicht ernsthaft darum bemühen. (Und wenn wir das tun, hält man uns für zickig und humorbefreit.)

Haben wir uns allesamt so wahnsinnig gut gehalten, sehen wir alle so unglaublich jugendlich und faltenfrei aus? Schön wär’s, wahrscheinlich aber liegt es an etwas anderem: Irgendwie hat keiner mehr eine Vorstellung davon, wie eine 30-jährige Frau so aussieht. Dass das bei Männern anders ist, liegt partiell (nicht persönlich gemeint) am vielbejammerten und hochbetrauerten Schwund des Kopfhaars, der jedoch immerhin dazu führt, dass viele Männer jenseits der Dreißig eindeutig zu unterscheiden sind von den Knaben auf der anderen Seite. Den Frauen dagegen fehlt dieses ostentative Senioren-Signum. Wir kleiden uns genauso wie mit Mitte zwanzig, wir sprechen genauso, benehmen uns genauso, gackern, kichern, quasseln genauso: Um den zart knabbernden Zahn der Zeit in unseren Mienen zu entdecken, muss man schon sehr nah rangehen. Alt sind wir nicht, keine Sorge. Alt sehen wir nicht aus und alt fühlen wir uns auch nicht. Doch in derselben stern-Ausgabe erklärt Bradley Cooper: „In seinen Dreißigern sollte eigentlich jeder kapiert haben, dass er kein kleiner Junge mehr ist.“ Cooper ist 38 und hat noch alle Haare, er muss es also wissen. Und er hat Recht: Auch Frauen in ihren Dreißigern sind keine Mädchen mehr. Sorry, Mädels.

Aber wer oder was sind wir dann? In einem Forum für Mädchen und Frauen schreibt Userin gewitter, 30 sei ein „sehr diverses Alter“. Das ist ein schlauer Satz, der den Zwiespalt auf den Punkt bringt. Mit 30 kann man vier Kinder im Teenageralter haben oder auch gar keine. Mit 30 kann man noch studieren, in einer WG leben und jede Nacht zum Tag machen. Mit 30 kann man Chefredakteurin sein genauso wie Praktikantin. Mit 30 kann man nadelgestreifte Hosenanzüge ebenso wie pinkgestreifte Miniröcke tragen, ohne großartig aufzufallen. Mit 30 ist schon vieles möglich. Mit 30 ist noch vieles möglich.

Im stern reflektiert Franziska Reich über 40-Jährige, die vom Winkfleisch, von Brustschläuchen, von wachsenden Bäuchen lesen und auf einmal realisieren müssen, dass damit sie selbst gemeint sind. Obwohl ja auch die typische 40-Jährige nicht ohne weiteres als solche zu erkennen ist. 50 ist das neue 40? Dann ist 40 das neue 30 – und 30 das neue 20? Gott bewahre. Es gibt einen E-Card-Spruch, der besagt: „I’m 30 but I still feel like I’m 20… until I hang out with 20 years old… then I’m like, nope never mind, I’m 30.” Und warum auch nicht.

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