Die Jugend von heute

Die Jugend von heute zwischen weltfremd und leistungsstark.

Während die einen Kühe für lila halten, geraten die anderen schon im Kindergartenalter unter den Druck unserer Leistungsgesellschaft. Studien belegen, dass die Kinder von heute zwar leistungsstark, aber weniger zufrieden sind. Wie ist sie denn nun, die Jugend von heute?

Wo ist sie denn, die Leistungsjugend?

von Charlotte

Wo ist sie geblieben, die Zeit? Die Zeit, in denen man noch Gutenachtgeschichten vorgelesen bekam, nach der Schule im Wald Hütten aus Ästen und Blättern baute und sein Taschengeld von zwei Euro pro Monat für saure Zungen und Lakritz am Kiosk ausgab?

Ich habe letztlich im Zug eine besorgniserregende Bemerkung aufgegriffen. Ein ca. siebenjähriger Junge turnte im Mittelgang des Zugs herum und stellte nach einem verblüfften Blick in beide Richtungen fest: „Wooooooow, was ist das für ein langer Bus?! Ich habe noch nie so einen langen Bus gesehen!“ Ich hätte am liebsten erwidert; „Das, mein Lieber, könnte daran liegen, dass wir uns hier in einem Zug befinden!“

Ich habe schon mehrfach gehört, dass die Kinder von heute glauben, Kühe seien lila, dass sie Enten gelb malen und weder auf einem Bein hüpfen, noch Purzelbäume schlagen können. Wahrscheinlich weiß ein Kind heute nicht einmal, was ein Purzelbaum überhaupt ist. Hausarrest kennt heute vermutlich kaum noch jemand, zumindest nicht als Strafe. Eher hätte wohl das stundenlange Verweigern des Einlasses in die heiligen, mit Videospielen und Elektronik bestens ausgestatteten Hallen, eine strafende Wirkung. Die Situation sähe dann wie folgt aus: Sobald das Kind zur Strafe vor die Tür geschickt wurde, tut sich eine unendliche Ratlosigkeit im Kinderkopf auf. Was soll ich hier tun? Wo ist mein Smartphone? Ich kann mich nicht weiter als 10m von der Haustüre entfernen, weil ich den Weg nach Hause nicht googlen kann! Den Stadtkindern von heute fehlt es an Weitsicht. Den Großteil meines bisherigen Lebens habe ich gegenüber einer Grundschule gewohnt. So konnte ich eine ganz eigene Langzeitstudie über das wenig entwicklungsfördernde Verhalten großstädtischer Eltern machen. Das Ergebnis: Früher ging man zu Fuß zu Schule, heute wird man gefahren. Nicht nur, weil das Auto als des Deutschen liebstes Statussymbol öffentlichkeitswirksam präsentiert werden muss (so spießig sind wir dann doch noch!). Auch weil man dem Kind von heute den Weg angeblich nicht mehr zumuten kann. Viel zu groß sind die Gefahren, die dort auf das hilflose Kind lauern. Was haben wir nur gemacht, als wir damals genau einmal den Weg zur Schule gezeigt bekommen haben und von da an alleine gehen mussten? Was haben wir nur gemacht, als es noch keine Handys gab und man sich an verabredete Zeiten und Orte halten musste? Wie konnten wir mit der Angst leben, auf jemanden warten zu müssen, ohne etwas Sinnvolles (das Smartphone!) in der Hand zu haben? Und damit, versetzt zu werden und es erst eine halbe Stunde später nach endlosem Warten zu realisieren?

Inzwischen bildet sich ein regelrechter, allmorgendlicher Stau vor besagter Grundschule. Es ist phänomenal, zu beobachten, wie jeden Morgen in exakt derselben Situation wie tags zuvor exakt dasselbe Chaos ausbricht.

Es gab Zeiten, in denen blieben Kinder abends heimlich länger auf und versteckten sich mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Um zu lesen. Heute betteln sie um eine halbe Stunde länger Playstation. Ich muss gestehen: Mich würde diese Situation als Mutter überfordern. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Argumente gegen Handys (die damals noch so groß waren wie Butterbrotdosen) noch funktioniert haben. In der es völlig ausreichte, dass ich erst mit 14 ein eigenes Handy hatte, in der Pferde-Bücher noch richtig angesagt waren und man im Bus nicht ausgegrenzt wurde, weil man keine Markenklamotten trug. Heute wissen Kinder augenscheinlich nicht einmal, in welcher Art von öffentlichem Verkehrsmittel sie sich gerade fortbewegen. Sind die Kinder heute einfach gutgläubiger? Schenken sie ihrer Umwelt zu wenig Aufmerksamkeit?

Ich persönlich war schon als kleines Mädchen von einem so beeindruckenden Realismus geprägt, dass ich die Geschenkauswahl an Weihnachten und Geburtstagen für meine Eltern stark reduzierte. Ich habe schon damals nicht verstanden, wieso Barbie-Pferde pink sind und Baby-Born (ein Baby!!!) im Set mit einem Pferdehänger zu kaufen war. Seit wann sind Pferde pink und was zum Henker soll ein Baby mit einem Pferdehänger, es kann doch nicht mal Auto fahren! Die überlangen Mähnen der (nicht-pinken) Barbie-Pferde sind im Übrigen auch immer meiner Kinderschere zum Opfer gefallen. Das sah anschließend nicht schön aus, zu kämmen gab es dann auch nichts mehr, aber wenigstens entsprach das der Realität.

Woran liegt es, dass Kinder heute den Sinn für ihr Umfeld verlieren? Greift die Werbeindustrie sie zu schnell ab? Haben ihre Eltern nicht mehr die Zeit, mit ihnen die Hausaufgaben zu machen oder ihnen Gutenachtgeschichten vorzulesen? Und wenn ja, wieso? Ist es schlichtweg einfacher, sie fernsehen zu lassen, als sich mit ihnen zu beschäftigen? „Vorlesen macht schlau“, hieß es schon 2011 auf stern.de. Gibt es ein einfacheres Mittel, um unsere Kinder für ihre Umwelt zu sensibilisieren, als ihnen etwas vorzulesen?

Und während die einen immer weniger von der realen Welt aufnehmen, werden die anderen einem schier untragbaren Leistungsdruck ausgesetzt, der schon im Kindergartenalter anfängt und eine Burnout-Jugend heranzüchtet. Der UNICEF-Bericht 2013 zeigte, dass Kinder in Deutschland heute zwar leistungsstark sind, ihre Zufriedenheit aber abnimmt. Von einer „einseitigen Konzentration auf Leistung und formalen Erfolg“ ist die Rede. Wo kommen wir hin, wenn Kinder nicht mehr Kinder sein dürfen und ihre Leistungen für die Eltern zum Selbstdarstellungsinstrument werden?

 

Wo sie steckt? Im Chinesisch-Unterricht!

von Ines

Natürlich, man soll die Vergangenheit nicht verklären. Früher war auch nicht alles besser, vor allem nicht für die Kinder. Prügelstrafe, Karzer, Hausarrest, nein, schön war das sicherlich nicht. Aber wie schön ist es heute? Mozart mit der Muttermilch, Kafka im Kindergarten, Griechisch in der Grundschule, dann G8, dann Bachelor – Kindheit, Jugend, Studienzeit im Schnelldurchlauf. Schneller, als man blinzeln kann, ist man erwachsen, legt sich einen seriösen Job zu, bindet sich eine gestreifte Krawatte um, die man frühestens mit 68 wieder abstreifen darf. Behandelte man damals Jugendliche viel zu lange wie Kinder („solange du die Füße unter meinen Tisch streckst…“), sollen sie heute viel zu früh erwachsen werden, vernünftig werden, leistungsstark sein.

Für die Kinderseite der ZEIT sprach ich kürzlich mit einigen Kindern im Alter von acht bis zwölf Jahren. Alle waren sie unglaublich nett, unglaublich schlau, offen, aufgeschlossen – und unglaublich gestresst. Es waren Sommerferien, die Zeit, in der Kinder spielen, singen, lachen sollten, in der sie sorgenfrei wie nie und unbeschwert wie ohnehin so oft wie möglich sein dürfen. Dachte ich. Stattdessen plagte sie, drei Tage nach Ferienbeginn, schon der Schrecken des nächsten Schuljahrs. Stattdessen fühlten sie sich erschöpft beim bloßen Gedanken an Hausaufgaben und Klassenarbeiten, so dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekam, das böse Wort „Schule“ überhaupt in den Mund zu nehmen.

Anfang des Jahres wurde eine Studie veröffentlicht, laut der die meisten lieber unterm Strich weniger verdienen, wenn sie dafür mehr bekommen als die anderen, statt insgesamt mehr einzustecken – aber trotzdem weniger als die Kollegen. Alles ist relativ: Die Erkenntnis ist weder überraschend noch neu. Was zumindest mir neu war? Die Tatsache, dass dasselbe Kalkül, derselbe Vergleich mit seinem Nächsten, nicht aber unbedingt Liebsten, schon im zarten Alter auftreten. Ohne sie in irgendeiner Form durch fiese journalistische Tricks und rhetorische Suggestion zu beeinflussen (ehrlich!), war der Konsens der lieben Kleinen eindeutig: „Lieber habe ich eine Drei, wenn meine Freunde eine Vier haben, als eine Zwei, während die anderen alle eine Eins haben.“ Hört sich aus dem Mund eines süßen neunjährigen Mädchens ganz schön hart an. Ist aber ehrlich und vor allem: logisch und nachvollziehbar in einem Umfeld, in dem nur die Leistung zählt, in dem jeder auf den anderen schielt, ihm die Butter auf dem Brot zwar gönnen will, aber nicht darf – weil sonst für ihn selbst nichts mehr übrig bleibt.

Warum die Kinder von heute nicht wissen, welche Farben Kühe haben? Sie haben keine Zeit, es herauszufinden, weil sie ständig Chinesisch lernen müssen. Oft heißt es, dass es noch nie so anstrengend war wie heute, Eltern zu sein, Kinder zu erziehen. Weil es so viele Möglichkeiten gibt, so viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen, das Kind nicht genügend zu fördern, so dass es irgendwann auf der Strecke bleibt, während all die anderen Kinder mit all den verantwortungsbewussten, zielstrebigen, ehrgeizigen Erziehungsberechtigten am eigenen Kind vorbeiziehen… Mag sein, dass der Druck für die Eltern belastend ist. Noch stressiger aber ist er für die Kinder, die ihn aushalten müssen, die all diese Möglichkeiten (dankbar) ergreifen und umsetzen, ihre Chancen rasch nutzen müssen, weil es sonst die anderen tun, weil sie sonst nicht erfüllen können, was von ihnen erwartet wird. Ich finde weniger besorgniserregend, was die Kinder heute nicht wissen, als vielmehr: wie furchtbar viel sie wissen. Wie gut sie schon Bescheid wissen über die Welt und unsere Leistungsgesellschaft. Dass sie Wörter kennen wie „karriereorientiert“ oder „Konkurrenzsituation“. Dass sie sich Gedanken darüber machen, bei Aldi an der Kasse zu landen, wenn sie nicht eine bessere Note als die beste Freundin schreiben.

Stadtkinder hin oder her: Auch als Großstadtkind bin ich selbst aufgewachsen in einer ziemlich heilen Astrid-Lindgren-Welt. Dieses Recht auf ganz viel Kindheit, das würde ich gerne jedem einzelnen Kind zugestehen. Gäbe es eine Partei, die sich nicht nur für einen Mindestlohn, sondern auch eine Mindestkindheit, für ein Mindestmaß an Sorgenfreiheit und Gedankenlosigkeit einsetzt – sie hätte meine Stimme.

Besagte Vorlesestudie, übrigens, inspirierte meinen Vater (schon früher ein Vorleser aus Leidenschaft) zu einer Rundmail an meine Geschwister und mich. In dieser erbot er sich für einen festen Vorlesetermin, jeden Samstag zwischen 18.15 Uhr und 19.45 Uhr, auf dem Blumensofa. „Ich fange an mit Mein Urgroßvater und ich“, schrieb er. Wir waren damals zwischen 19 und 28 Jahre alt. Was nur beweist: Für Erziehung ist es nie zu spät. Fürs Lernen ist man nie zu alt. Und fürs Vorgelesenbekommen erst recht nicht.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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