Entschuldige (dich) mal!

„Wer sich entschuldigt, klagt sich an“, wusste schon Hieronymus, streitbarer Schriftsteller, lateinischer Kirchenvater und Heiliger. Liegt genau darin das Problem, weshalb so manchem eine Entschuldigung unsagbar schwer fällt?
Laut einer Studie, die im  European Journal of Social Psychology veröffentlicht wurde: Ja! Aber: Tut Entschuldigen tatsächlich weh?

Sorry seems to be the hardest word

von Charlotte

Ich lehne Entschuldigungen nicht grundsätzlich ab. Generell kommt es selten vor, dass ich mich überhaupt für irgendetwas entschuldigen muss, weil ich für gewöhnlich ein sehr harmoniebedürftiger Mensch bin und ungerne mit meinem Umfeld im Unreinen bin. Aber so friedfertig man auch ist: ein Leben ohne jegliche Konfliktsituation ist recht unwahrscheinlich und so kommt jeder früher oder später an den Punkt, an dem man sich fragt: „Soll ich mich dafür jetzt entschuldigen?“

Ein wenig verbreitetes Sprichwort lautet: „Entschuldigungen sind der Superkleber des Lebens. Man kann so ziemlich alles damit reparieren.“ ‚So ziemlich alles‘ ist aber eben nicht alles. Eine Entschuldigung mag vieles wieder gerade rücken. Aber ist es nicht ohnehin viel schlauer, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, dass man sich überhaupt entschuldigen muss?

Ich gehe jetzt von eher harmlosen Streitigkeiten aus. Wer einen Mord begangen hat, wird nämlich vermutlich auch mit einer aufrichtigen Entschuldigung nicht allzu weit kommen. Wenngleich Reue vor Gericht auch schon strafmindernde Auswirkungen hatte, oder?

Wie dem auch sei: Eine Entschuldigung hat immer auch etwas Unterwürfiges. Besagte Studie fand heraus, dass eine Entschuldigung für denjenigen, der sich entschuldigen muss, gar nicht so positiv ist. Denn wer sich nicht entschuldigt, geht mit einem gestärkten Selbstbewusstsein aus dem Konflikt hervor. Wahrscheinlich auch mit einem Freund weniger.

Aber was soll’s: Hauptsache Haltung bewahren. Wenn man sich entschuldigt, läuft man schließlich Gefahr, auf Ablehnung zu stoßen. Was, wenn mein Gegenüber meine Entschuldigung nicht annimmt? Dann ist man irgendwie automatisch in der schlechteren Position. Man kann sich nicht auf die Schulter klopfen und sagen „Ich habe unsere Freundschaft gerettet!“. Es fühlt sich an, als sei der andere einem überlegen, als habe man sich erniedrigt, als sei man gedemütigt worden. Wer tut sich so etwas schon freiwillig an? Also besser alle Risiken ausschließen und gar nicht erst entschuldigen!

Ein klein wenig Stolz steckt schließlich auch dahinter. Und den hat sicher jeder von uns. Zeigt man sich nicht ohnehin viel kompromissbereiter, wenn der andere auch einen kleinen Schritt auf einen zukommt? Die Versöhnungsaussichten sind bei gegenseitiger Einsicht wahrscheinlich eh am besten. Man stelle sich vor, man habe in einer nervenaufreibenden Situation seinen Standpunkt vehement vertreten. Wer möchte im Nachhinein dann schon gerne nachgiebig werden? Zeugt das nicht auch von Schwäche? Und was hat man von einer tollen Versöhnung, wenn man sich nachher nur schwach und unterlegen fühlt?

Wir leben in einer Ellbogengesellschaft, in einer Egoisten-Gesellschaft, in einer Rücksichtslos-Gesellschaft. Das sehe ich immer wieder. In der Berufswelt, beim Sitzplatz-Kampf in öffentlichen Verkehrsmitteln und selbst beim Autofahren (wie oft ist mir auf der Autobahn schon mal jemand vors Auto gezogen, ohne zu blinken. Blinken? Geht keinen was an, wo man hin will!). Und global betrachtet: Ist doch egal, wenn täglich 300 Tonnen verseuchtes Wasser ins Meer vor Japan fließen. Hauptsache man wahrt sein Gesicht und muss nicht gleich zugeben, dass man die Umweltkatastrophe nicht im Griff hat. Oder im Falle des Love Parade Katastrophe: niemand wollte sich entschuldigen, weil es gleichzeitig auch ein Schuldeingeständnis gewesen wäre. Wahrscheinlich sind eh schon alle so verkorkst und an diese Egozentrik gewöhnt. Entschuldigung? Pah, dass ich nicht lache! Besser dem eigenen Ego etwas Gutes tun!

 

Non, je ne regrette rien!

von Ines

Entschuldigen ist ein Schuldeingeständnis? Oder nicht eher: ein Sich-Entledigen von Schuld? Das Wort impliziert es: Beim Entschuldigen geht es nicht darum, Schuld zu gestehen, sondern sich der Schuld zu entladen. Ist es anmaßend, sich dieses Recht herauszunehmen? Selbst entscheiden zu wollen, wann Schuld vergeben, vergessen, verziehen werden sollte? Vielleicht. Erniedrigend aber ist es nicht.

Die Entschuldigung gibt es in vielen Formen und Funktionen. Ein genuscheltes „Sorry“, wenn man wem auf die Füße tritt, ist nicht gleichzusetzen mit den großen Gesten der Sühne, den bewussten Bitten um Absolution. Braucht es für das eine nicht mehr als eine halbwegs anständige Kinderstube, bedarf es für das andere mehr. Mehr Mut, mehr Einsicht, mehr Selbsterkenntnis. Sich entschuldigen hat immer mit Respekt zu tun. Warum nicht auch mit Respekt vor dem, der es tut?

Für einen Artikel der MADAME (01/2013) interviewte ich den Konstanzer Wirtschaftsforscher Urs Fischer, der mit seiner Kollegin Verena Utikal untersucht hatte, was eine gute und glaubhafte Entschuldigung ausmacht. Die Erkenntnis? Damit eine Entschuldigung angenommen wird, ist es wichtig, den Grund seines (Fehl-)Verhaltens zu erklären. Verstehen kommt vor Vergeben. Wenn die Angst vor Ablehnung allzu groß ist, sollten wir also nicht auf die Entschuldigung verzichten, sondern an ihr feilen. „So sorry“ war der Name der Münchner Ausstellung von 2009, mit der Ai Wei Wei die universelle Antwort der Mächtigen auf jede Krise, jede Kritik karikierte. Denn die Frage ist weniger: Tut es mir leid? Sondern vielmehr: Warum tut es mir leid?

Für eine glaub- und wahrhafte Entschuldigung braucht es neben Reue auch Reflexion. Ich muss mein Handeln analysieren, mich mit meinen Fehlern konfrontieren und mein Versagen akzeptieren. Das ist nicht einfach, nein. Meine Schuld nicht nur mir einzugestehen, sondern auch dem Leidtragenden, ohne Ausflüchte, aber mit Begründungen – das ist noch schwerer. „Ich war zu faul.“ – „Ich war zu feige.“ – „Ich war zu gierig.“ – „Ich war zu eitel.“ – „Ich war rachsüchtig.“ – „Ich war neidisch.“ – „Ich habe nur an mich gedacht.“ Da kommen schnell die sieben Todsünden zusammen. Und wer verkündet schon gerne coram publico, dass es um seinen Charakter nicht zum Besten bestellt ist?

Nur: Die anderen sind in Wahrheit ja auch nicht besser. Jeder war schon mal faul oder feige – und eitel, eifersüchtig oder egoistisch gehört doch heutzutage in jeden anständigen Lebenslauf (auch wenn man das lieber zwischen den Zeilen anklingen lässt). Die Frage ist nicht: Habe ich je einen Fehler gemacht? Die Frage lautet: Gebe ich ihn zu?

Und Entschuldigung, aber das Recht darauf nehme ich mir. Denn: Nein, ich bereue es nicht, zu bereuen.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation