Ersatzreligion Fußball?

Fußball, zu recht gefeiert oder überbewertet?

Zu Recht gefeiert oder schlicht und ergreifend überbewertet? Fußball ist ein Phänomen, aber was steckt dahinter? Wo kommt all die Begeisterung her? In den nächsten paar Wochen wird der Wahnsinn in zwei Buchstaben einmal mehr unsere Gespräche, Medien und Freizeit bestimmen. Wir versuchen, ihm auf die Spur zu kommen.

Fußball, Fans & Furioses

von Charlotte

6 Millionen Spieler, 27.000 Fußballvereine, ungezählte Fans: Das ist Fußball in Deutschland. 2002 erzielte das WM-Endspiel eine Rekord-Einschaltquote von 88 Prozent. Fußball ist zweifelsohne die beliebteste Sportart in Deutschland. Und gleichzeitig eine Sportart der Gegensätze: sie ist Gesprächsstoff und Krisenherd, sie vereint und entzweit, sie kann erfreuen aber auch traurig machen.

Ich habe selbst schon mit tausenden grölenden Fans vor einer übergoßen Leinwand gestanden, gefiebert, gezittert, gebebt vor Freude. Und mich anschließend in einem Dixie-Klo vor der unglaublichsten Regenmassen in Schutz gebracht, die ich je erlebt habe (aber das ist eine andere Geschichte). Fähnchen am Auto, Fähnchen um den Hals, Fähnchen auf den Wangen, ja sogar Fähnchen auf den Nägeln, ich war voll dabei. Ein überwältigendes Gemeinschaftsgefühl, wahnsinnige Emotionen und eine Atmosphäre wie im Stadion: Ein Hoch aufs Public Viewing.

Wer schon einmal in der Schweiz war, kennt ein Land mit Nationalstolz. Dort wehen ganzjährig Schweizer Flaggen an jeder Ecke und es gibt nichts, was es nicht mit Schweizer Fähnchen drauf zu kaufen gäbe. In Deutschland undenkbar. Ich habe oft das Gefühl, man würde gleich in eine dieser negativen Schubladen gesteckt, wenn man zur eigenen Heimat steht und stolz darauf ist. Und mit dieser Annahme stehe ich scheinbar nicht alleine da: Zu WM- und EM-Zeiten fühlt sich plötzlich eine ganze Nation verbunden, die Faneuphorie ist ansteckend und die Leidenschaft für das deutsche Team vielleicht mehr als nur Fußballliebe. Ich gestehe, dass ich zu diesen nervigen Pseudofans gehöre, die nur zur EM oder WM mitfiebern. Die kommende WM werde ich dank der Zeitverschiebung wahrscheinlich größtenteils verschlafen.

Dennoch: Fußball ist inzwischen weit mehr als nur eine Sportart. Sie vereint Fans aller Altersklassen und sozialen Schichten. Sie hat gemeinschaftsstiftendes Potenzial. Sie ist für viele eine Möglichkeit, die Alltagssorgen für einen Moment zu vergessen. Und gerade weil Fußball ein Phänomen ist, das Menschen unterschiedlichsten Alters und unterschiedlichster sozialer Umfelder zusammenhalten lässt, ist er zu einer Ersatzreligion geworden. Aber wie fast alles kommt auch der Fußball nicht ohne Schattenseiten aus. Während bei der WM eine Nation hinter ihrem Team steht, stehen sich die restliche Zeit  die Fans konkurrierender Teams gewaltbereit gegenüber. Und während bei der WM ein nationenübergreifendes Begeisterungsgefühl besteht, muss sich der Fußball sonst der Kritik über Homophobie und Rassismus stellen. Gleichzeitig stellt der Sport aber eben deshalb auch einen Kanal dar, um diese Themen zu behandeln, sich zu öffnen für mehr Toleranz und damit auch das Bewusstsein der Fans zu erreichen.

Und nicht zu vergessen: Was wären wir ohne all die amüsanten Zitate, die uns der Fußball schon beschert hat („Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“ – Andreas Möller)?

 

Fußball, Schuhe & Sonstiges

von Ines

F spielt Tennis, trainiert in Tennis und schreibt über Tennis (unter anderem ein Buch – das wird super, versprochen!). Und er muss sich immer wieder anhören, dass Tennis nach Becker und Graf in Deutschland ja die reine Randsportart sei. Also wenn Tennis schon eine Randsportart ist, was ist denn dann bitte Einradbasketball? Gummistiefelweitwurf? Aquathlon?

Die Wahrheit ist, in Deutschland gibt es genau einen Sport, der zählt: Fußball. Einen einzigen Sport, der Berechtigung zu haben scheint, der mediale Aufmerksamkeit findet und dem zu entfliehen beinahe unmöglich ist. Das heißt nicht, dass ich dem Fußball entfliehen will. Aber ich hätte gerne die Möglichkeit dazu. Und ich habe, denke ich, ein Recht darauf.

Natürlich, Fußball ist mehr als ein Sport und so weiter. Es geht um Geld, es geht um Politik, um Wirtschaft, Macht und Marketing. Aber ist das nicht alles artifiziell? Ist die (angebliche? ihm zugeschriebene?) Bedeutung des Fußballs für unsere Gesellschaft nicht eine konstruierte? Wird die Relevanz des Fußballs nicht zu beweisen versucht durch die Tatsache, dass Fußball als relevant gesehen und behandelt wird, was aber wiederum allein der Tatsache zugrunde liegt, dass ihm Relevanz nachgesagt wird? Ein klassischer Zirkelschluss.

Vergangenes Jahr hat meine absolute Lieblingszeitung aller Lieblingszeitungen, DIE ZEIT, eine Fußballseite eingeführt. Das hat mich geärgert, ich gebe es zu. Nicht so sehr, dass ich direkt mein Abo gekündigt hätte, aber immerhin so sehr, dass mein erster Akt, sobald ich die neue ZEIT in der Hand halte, nicht mehr ist, die Werbung aus ihrer Mitte zu entfernen, sondern die Fußballseite. Aus Protest.

Mich ärgert es nicht, dass nun wöchentlich in der ZEIT über Fußball berichtet wird. Es wird soviel berichtet, manches interessiert mich, anderes nicht, damit komme ich klar, da kann ich selektieren. Was mich ärgert, ist die Eindimensionalität dieser Seite. Es gibt eine andere Rubrik, die ich gerne mal lese, „Glauben & Zweifeln“. Das finde ich fair, da fühle ich mich auch als Atheist angesprochen. Hier ist alles okay und alles erlaubt. Jede Religion, keine Religion oder auch die Skepsis gegenüber Religion – jeder darf glauben, leben und zweifeln, wie er will.

Neulich kam irgendein Fußballspiel, ich weiß nicht mehr, welches, aber es war wichtig. Ich saß mit einer Freundin draußen vor einem kleinen Café. Es war sehr angenehm, weil wir viel Platz hatten – alle anderen drängten sich gegenüber, wo das Spiel übertragen wurde. Irgendwann schrien, jubelten und pfiffen sie, wir wussten, es war irgendwas passiert, und checkten kurz im Handy, weil wir zu faul waren, um aufzustehen und nachzuschauen, was passiert war. Stattdessen unterhielten wir uns, und ja, es ist ein Klischee, den ganzen Abend über Schuhe. Sie hatte sich nämlich neue gekauft, wollte wissen, was ich von ihnen hielt, wir wägten die Vor- und Nachteile gegenüber anderer Schuhe ab, überlegten uns mögliche Outfits-Kombinationen und Szenarien, in denen die Schuhe zu tragen wären. Und wir hatten Spaß dabei.

Ich will damit keinesfalls sagen, dass alle Frauen sich nur für Schuhe interessieren. Es gibt viele Frauen, die sich nicht für Schuhe interessieren, und es gibt viele Frauen, die sich für Fußball interessieren. Aber eben nicht alle Frauen, nicht alle Männer, nicht alle Menschen. Natürlich ist es auch nicht jedermanns Sache, sich einen Abend lang über Schuhe zu unterhalten. Das ist okay, ich bin da tolerant, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und wenn es, grob geschätzt, ebenso viele Menschen gibt, die sich für Schuhe interessieren wie für Fußball, verlange ich, dass die Fußballseite der ZEIT umbenannt wird in: „Fußball & Schuhe“. Da ist dann für jeden was dabei. Außer für Menschen, die sich weder für Fußball noch für Schuhe interessieren. Vielleicht also sollte die Seite am besten heißen: „Fußball, Schuhe & Sonstiges“.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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