Erstaunlich langweilig

Erstaunlich langweilig. Aber Langeweile kann auch Luxus sein.

Wieso ist „langweilig“ eigentlich so schlecht? Ist Langeweile Luxus? Und wie viel Aufregung verträgt ein Leben? Was sind die wahren Abenteuer? Charlotte – bekennende Langweilerin – zieht Bilanz.

von Charlotte

Wer hat eigentlich behauptet, dass Langeweile etwas Schlechtes ist? Ich bleibe nach wie vor dabei: Langeweile ist Luxus!

Mein Freund und ich wurden kürzlich gefragt, was wir denn am Wochenende noch Schönes vorhätten. „Nichts Besonderes, wir sind erstaunlich langweilig.“ lautete meine Antwort darauf. Das stimmt. So wie ich das allerdings gesagt habe, schwang etwas ungewollt Negatives mit. Eigentlich finde ich es nämlich ziemlich super, so langweilig zu sein. Meine besser Hälfte kommentierte meine Aussage mit „Du sagst das immer so abwertend, dabei ist das doch total ok.“ Recht hat er. Ich habe mich dann gefragt, weshalb ich eigentlich immer das Gefühl habe, ich müsste mich für mein 0-8-15-Dasein rechtfertigen. Mit meinen völlig normalen Spießerlebenszielen, den absolut normalen Idealen und einem sehr normalen Lebensumfeld geht es mir ganz wunderbar.

Wir leben in einer Zeit, in der wahnsinnig viel Konkurrenzdruck herrscht. Wir vergleichen uns ununterbrochen mit anderen. Verdient sie mehr als ich? Sieht sie besser aus als ich? Ist sie glücklicher als ich? Was tut das eigentlich zur Sache? Reicht es nicht, wenn wir selbst wissen, was wir haben? Wenn wir das zu schätzen wissen, was wir haben? Und woran ließe sich Glück überhaupt messen? Mein Glück ist es, ein völlig gewöhnliches Leben zu führen. Dazu muss ich keinen unglaublich außergewöhnlichen Job haben oder meine Freizeit mit Bungee-Jumping und Extremsport verbringen. Ich muss keine ausgefallenen Dinge kochen oder essen, Spaghetti-Carbonara oder Gulasch-Suppe tun es auch. Und auch wenn ich nicht zu den aller spontansten Menschen auf diesem Planeten gehöre, muss ich auch einfach mal Wochenenden haben, an denen nichts los ist, an denen ich wach werde und mich fragen kann „worauf habe ich heute Lust?“.

Früher war das Leben sehr abenteuerreich. Als Kind gab es immer etwas zu entdecken. Man lernte Fahrradfahren, spitzenmäßig. Man lernte Schwimmen, juhu. Man lernte, alleine Bus zu fahren, auch das ein absolutes Highlight. Heute zählt zu den größten Abenteuern meines Alltags, mein winziges Auto in eine Tiefgarage zu manövrieren. Mir persönlich reicht das an Aufregung. Ich vertrage einfach nicht so viel davon und bin froh an einen Punkt gekommen zu sein, an dem ich sagen kann: „Normal sein ist top!“

Das heißt ja nicht, dass mein Leben nicht trotzdem ein Abenteuer sein kann. Ein kleines eben, im Vergleich zu anderen wahrscheinlich ein erschreckend kleines, aber ein Abenteuer.

Ich war letztens im Freizeitpark. Für richtige Adrenalin-Junkies ein Witz, für Normalos wie mich das Äußerste der Gefühle. Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich fünf Mal hintereinander auf die Looping-Bahn gegangen bin. Leider musste ich schnell feststellen, dass das heute nichts mehr für mich ist. Ich setze mich lieber in eine popelige, ratternde Achterbahn. Und am allermeisten Freude hat mir das vielseitige Essensangebot bereitet. Ist das eine Frage des Alters? Oder bin ich schon so in der „Normalität“ angekommen, dass sich das auf mein Freizeitpark-Verhalten übertragen hat?

Ich bewundere Menschen, die einfach einen Rucksack packen und nach Spanien trampen. Oder die mit unsagbar wenig Geld auswandern, am besten noch in ein Land, in dem sie noch nie waren. Ich könnte das nicht. Und muss ich ja glücklicherweise auch nicht. Für gewöhnlich plane ich immer alles sehr akribisch. Letztes Jahr haben wir sehr spontan eine Reise gebucht, ein unschlagbares Angebot. Das Reiseziel war eines, das wir sonst womöglich nie in Erwägung gezogen hätten. Aber so haben wir einen ganz wunderbaren Ort kennengelernt. Das ist mir Abenteuer genug.

Ein voller Terminkalender, Fitness, tausende Freunde, ein auffällig anderer Kleidungsstil und möglichst ungewöhnliche Freizeitbeschäftigungen – Anders sein, besonders sein, das soll unser aller Wunsch sein? Ich finde: die normalsten Menschen können die wirklich besonderen sein. Mal abgesehen davon: Was ist schon normal?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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