Frauen oder Feminismus?

Emanzipation, na klar. Feminismus, super Sache. Aber was wollen Frauen eigentlich wirklich? Und: Geht es im Feminismus überhaupt darum, was Frauen wollen? Werden feministische Forderungen den Individuen gerecht – oder nur dem gesellschaftlichen Ideal? Unsere Two Cents gibt’s hier!

Wider der Wirklichkeit

von Ines

„Viele Feministinnen kennen die Frauen eigentlich nicht besonders gut“, schrieb Mariam Lau am 6. März in der ZEIT. Das habe ich auch schon oft gedacht. Ich weiß, sie wollen uns wohl. Ich weiß, sie meinen es gut. Aber manchmal ist das Gegenteil von gut eben doch nur gut gemeint. Manchmal gehen schlaue Theorien, vernünftige Gedanken vorbei an der Lebenswirklichkeit, vorbei an den Lebenswünschen von Menschen.

Das Ideal einer Gesellschaft, keine Frage, ist eines, in dem sich Macht auf Frauen und Männer gleichermaßen verteilt. Aber bedeutet das, dass jede einzelne Frau nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, solange nach besagter Macht zu streben, bis sie sich gleichermaßen verteilt? Auch wenn diese Macht nicht das ist, was ihr persönliches Leben erfüllen würde, beglücken würde? Im Sinne der Gesellschaft, zum Zwecke der Emanzipation.

Geht es denn im Feminismus darum, was Frauen wirklich wollen, oder geht es darum, was Frauen zu wollen haben? Geht es noch um Frauen als Individuen – oder um „die Frauen“ als gesellschaftliche Gruppe? Und ist diese Art von Feminismus nicht irgendwie frauenfeindlich?

Immer wieder werden Bücher geschrieben zum Verhältnis von Frau und Macht, vorzugsweise von Frauen, vorzugsweise von erfolgreichen Frauen – wie der Bestseller der Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg mit dem schönen Titel: „Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg“. Darin fordert sie Frauen auf, die inneren Barrieren einzureißen, die sie daran hindern, nach der Macht, die ihnen zusteht, zu greifen. Und hat damit natürlich völlig Recht. Aber was, wenn mich keine innere  Barriere daran hindert, eine Karriere im Dax-Vorstand anzustreben? Was, wenn ich schlicht keine Lust dazu habe? Genauso wenig wie ich übrigens Lust habe, mein Leben damit zu verbringen, einem Mann die Wäsche und das Frühstück zu machen. Menschen sind nun mal verschieden. Frauen sind nun mal verschieden. Und dieser Tatsache werden weder traditionelle Rollenklischees noch moderne Feminismus-Forderungen gerecht.

Nehmen wir mal die Frauenquote: Ob ja oder nein, darüber lässt sich vortrefflich streiten und wurde bereits vortrefflich gestritten. Beide Seiten aber möchten doch dasselbe erreichen: dass Frauen Karriere machen, Managerposten erhalten, in Aufsichtsräte berufen werden, und zwar am besten en masse. Wunderbar, wenn eine Frau, das will – ebenso wunderbar, wie wenn eine Frau so richtig Bock darauf hat, so richtig Begeisterung daran findet, ihr Leben als Hausfrau und Mutter zu verbringen. Die meisten Frauen jedoch, die ich kenne, mühen sich vor allem an einem ab: an der Vereinbarkeit von Privatleben und Job, an der Balance zwischen Beruf und Familie. Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Kind oder Karriere, Kind und Karriere. Es geht um Kind und Beruf – und das ist etwas völlig anderes.

Zum Beispiel meine Mutter. Die ist Ärztin, hat fünf Kinder. Ein echtes Vorbild im Sinne der Emanzipation, wie ich finde. Dagegen Ursula von der Leyen: Die hat sogar sieben Kinder, ist Bundesverteidigungsministerin. Also erst recht ein Vorbild? Für mich nicht. Weil ihr Lebensentwurf an meiner eigenen Lebenswirklichkeit vorbeigeht, für mich weder nachahmensmöglich noch nachahmenswert ist. Weil sie für ihre Kinder, egal, wie gerne sie ihren Status als Übermutter hervorhebt, sicherlich mehr als eine Nanny hat, weil sie sich um staatliche Betreuungsmöglichkeiten, um die sie sich in ihrer Zeit als Familienministerin nicht geschert hat, auch im Privaten nicht scheren braucht.

Natürlich wäre es toll, wenn jede Frau eine steile Karriere und jede Menge Zeit mit der Familie vereinen könnte. Wenn der Tag 48 Stunden hätte. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Dasselbe gilt nebenbei für Männer. Auch die schaffen das nicht. Auch die müssen sich entscheiden zwischen ihrem Managerposten und ihrer Rolle als Familienvater – wenn nicht äußerlich, dann doch in ihren inneren Prioritäten, denn beidem wahrhaft gerecht zu werden, ist unmöglich. Für die meisten zumindest. Der Chef einer Freundin von mir hat eine Frau mit steiler Karriere, fünfjährige Zwillinge und selbst einen millionenschweren Job. Wie er das schafft? Er schläft nicht. Na, wenn das die einzige Lösung ist, dann gute Nacht.

 

Single sucht Putzfrau

von Charlotte

Es mag scheinen, wie eine Errungenschaft des Feminismus, dass Frauen heute trotz Kinder arbeiten gehen. Tatsächlich war es früher einmal üblich, dass die Frau zuhause blieb und sich der Kindererziehung widmete. Es klingt fast ein bisschen nach Luxus, aber damals war es nicht nur üblich, sondern auch möglich. Heute kenne ich Mütter, die ihre Elternzeit nicht genießen können, weil sie schon wenige Monate nach der Geburt ihrer Kinder wieder arbeiten gehen müssen. Es geht nicht anders, das Portemonnaie lässt es nicht anders zu. Das ist traurig. Genau so sehen das auch besagte Mütter. Gerade die ersten Jahre, in denen sich Kinder so rasend schnell entwickeln und jeden Tag etwas Neues dazu lernen, wollen sie nicht verpassen. Sie wollen nicht verpassen, wenn ihr Kind das erste Wort sagt oder die ersten Schritte macht. Aber sie haben keine Wahl. Statt einer Frauenquote für die Chefetagen dieser erfolgsverwöhnten Gesellschaft, würde es vielleicht schon reichen, Familien mehr zu fördern und die Wichtigkeit und Fähigkeiten einer Mutter nicht zu untergraben. Wie würden wir heute auch angeschaut, wenn wir sagten „Ich gebe meinen Job für die nächsten Jahre auf, um Mutter zu sein.“? Wir würden wahrscheinlich skeptische Blicke ernten und uns anhören müssen, wie wenig sich unser Gegenüber einen Alltag ohne Ganztagsjob vorstellen könnte. Warum? Weil uns von allerlei Seiten suggeriert wird, wir müssten alles können: Karriere machen, Mutter sein, perfekte Partnerin oder Ehefrau, aufregende Hobbys haben und natürlich noch liebend gerne den Haushalt schmeißen.

Aber was soll eine Frauenquote bringen, wenn nicht einmal die Gehälter von Männern und Frauen die gleichen sind? Ein beträchtlicher Teil der weiblichen Beschäftigten sitzt wahrscheinlich nicht in der obersten Manageretage eines namhaften Riesenunternehmens. Und will es eben auch gar nicht. Wieso also nicht erst einmal da ansetzen, wo es dem Großteil der berufstätigen Frauen zugute käme? Tatsächlich beträgt die Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen in Deutschland 23 Prozent. Das ist enorm. Und erschreckend. Noch erschreckender ist, dass sie im Alter sogar bei fast 60 Prozent liegt. Wieso? Weil während all der potenziellen Arbeitszeit, die Frauen für die Sicherung ihrer Rente nutzen sollten, ein Kind „dazwischen kam“, ein Teilzeitjob, eine (gescheiterte) Ehe, und eben das niedrigere Gehalt.

Ich musste letztens folgende Aussage mit anhören: „Ich brauche eine neue Putzfrau, weil ich keine Freundin mehr habe.“ Wie bitte? Wo leben wir eigentlich? Für mich persönlich ist es kein Problem, auch schäme ich mich nicht dafür, keinen Managerposten anzustreben. Aber ich schäme mich für Aussagen wie diese, die unverblümt zeigen, dass wir trotz Feminismus offenbar immer noch nicht in einer Gesellschaft leben, die Frauen als gleichwertig ansieht. Und in der manch ein Mann seine Freundin offenbar nur als preisgünstige Haushaltshilfe ansieht.

Ich streite nicht ab, dass Frauen anders sind als Männer. Sie sind es aber nicht in ihrem Fleiß, ihrem Wissen, ihren Leistungen. Sie sind es, weil sie sensibler sind und vielleicht gerade wegen der immer noch vorherrschenden Geschlechterdifferenzen viel eher für ihre Ziele kämpfen und sich gegen Vorurteile stark machen müssen. Sie sind emotionaler und in ihren Entscheidungen möglicherweise eher von subjektiven Eindrücken geleitet, sie haben andere Prioritäten als ihre männlichen Kollegen, aber ist das grundsätzlich schlecht? Kann es nicht ein Zugewinn für ein Unternehmen sein, Teams sowohl aus Männern als auch aus Frauen zusammenzustellen? Das ist es, was sich in Unternehmer-Köpfen festigen muss.

Was bringt mir eine hohe Position, wenn ich sie nur dank einer Quote bekommen habe? Möchte ich als Frau eine bestimmte Position nicht viel lieber meiner Leistungen wegen erreichen? Und welcher Mann verknüpft mit einer erfolgreichen Frau nicht unterbewusst gleich das Vorurteil, sie habe sich eh nur hochgeschlafen? Bis sich das nicht ändert, sind wir vorerst verloren.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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