Für wen ziehen wir uns an?

Eine Redakteurin bot auf Emma.de den einst zum Trend-Teil erkorenen, nun aber abgelegten Bleistiftrock zum Tausch an. Grund: Das überflüssige Revival der Fünfziger eigne sich nur zum Rumstehen, große Schritte plane frau darin vergebens. Ein Nachteil, den wir so noch gar nicht bedacht haben und der die Frage aufwarf: Für wen ziehen sich Frauen eigentlich an? Für Männer, Frauen oder für sich selbst?

Wie es uns gefällt

von Ines

Macht euch keine Sorgen, ihr emanzipierten Frauen: Ich bin eine von euch. Ich halte nichts von Männern, die sich für fortschrittlich halten, weil sie zwei Monate Elternzeit nehmen – um dann eine Reise zu machen oder endlich das Buch „Erfolg kommt nicht von selbst“ fertig zu schreiben. Nein, ich will weder die Klamotten solcher Männer bügeln noch meine eigenen ihren Wünschen gemäß auswählen. Doch genauso wenig halte ich von Frauen, die nichts halten von Frauen, für die Kinder wichtiger sind als Karriere, die viel von Angela Merkel halten aus dem einzigen Grund, weil sie eine Frau ist – und sich selbst erst dann für eine Frau halten, wenn sie möglichst wenig wie eine aussehen.

Im Online-Magazin The European schrieb Birgit Kelle zur Sexismus-Debatte: „Regelmäßig bekomme ich dann das Argument zu hören: Ich mache das nur für mich. Ja, sicher, und die Erde ist eine Scheibe.“ Welche Frau schmeißt sich für einen Fernsehabend in Schale, allein daheim, nur für sich und die Chipstüte in der Hand? Eine gute Frage.

Wer das ernsthaft von sich behauptet, möge bitte zwei Fotos posten – eines vom Schlumpfabend auf dem Sofa, eines vom Date mit dem Typen, der haargenau aussieht wie Ryan Gosling. Ich kenne nur eine Frau, bei der es unmöglich wäre, die Bilder zuzuordnen: meine beste Freundin. Die nämlich sieht immer gleich aus, egal ob sie gerade mit dem Hund aus dem Wald kommt oder in zwei Minuten das wichtigste Vorstellungsgespräch ihres Lebens hat. Und sie sieht immer gleich toll aus. Paradoxerweise auf eine Art, die Modefeministinnen wohl als unemanzipiert bezeichnen würden. Schöne Beine in hohen Schuhen, super Kurven, die durchaus zu sehen sind, rundum ästhetische Gesamterscheinung. Sexy, klar. Sie ist ein Blickfang, und zwar von der Sorte, bei der misstrauische Emanzen meinen: Diese Kleidung trägt man nur für Männer. Dass sie ausschließlich für das eigene Wohlbefinden die Lippen auf Küssmich-Modus bringt und Killer-Heels anzieht, die scheinbar nur dafür da sind, sie für einen Mann ganz schnell wieder auszuziehen, beweist sie, indem sie dasselbe Outfit trägt, wenn ich sonntagnachmittags spontan auf einen Kaffee vorbeischaue. Ultra-feministisch, finde ich.

Was uns mal wieder zeigt: Man sollte nicht aufs Äußere achten. Genau das jedoch tun die Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen, weil sie kein Shirt besitzen, das näher als drei Zentimeter an ihren Körper herankommt. Ab und zu herrscht nun einmal Harmonie zwischen Männertraum und Modewelt. Bei den Sommertrends 2013 ist einiges dabei für Männer, denen Frauen gefallen, und Frauen, die Männern gefallen wollen: transparente Kleidchen, kühler Geisha-Look, süße Volants oder femininer Fifties-Stil. Ist das schlimm? Sollen wir Styles hypen, die Männer hässlich finden – und ignorieren, sobald sie ihnen zusagen könnten? Irgendwie haben wir immer noch Angst davor, ihnen zu sehr zu gefallen, diesen schrecklichen haarigen Biestern, die alles antatschen müssen und dabei alle nur dasselbe wollen von einem Mädchen: 54 Jahre vor der Sexismus-Debatte brachte Jack Lemmon es auf den Punkt. Dabei brauchen wir uns gar nicht zu fürchten. So genau schauen die sowieso nicht hin. Männer mögen Mode, meinen sie. In Wahrheit aber mögen Männer das, was sie für Mode halten – ohne den Hauch einer Ahnung zu haben, was Mode ist. Frauen haben nicht immer die besseren Augen, aber meist den besseren Blick. Wenn wir uns in Schuhläden herumtreiben, um exakt den Ton unserer Handtasche zu finden, tun wir das für die Kollegin mit dem schicken Style, die uns stählern-stirnrunzelnd zunickt – statt für den charmanten Kollegen, der uns grübchenlächelnd begrüßt. Denn um es kurz zu machen: Sich abzumühen, einem Mann zu gefallen, hat keinen Sinn. Sich abzumühen, ihm nicht zu gefallen, genauso wenig.

 

Ist Mode feministisch?

von Jana

„Kann ich so gehen?“ Eine Frage, die es nicht schadet, seinem, sofern vorhanden, männlichen Mitbewohner zu stellen, bevor frau das Haus verlässt. Mäntel in Egg-Shape, Ballerinas, Bubikragen, Oversize-Oberteile, übergroße Nerdbrillen, Hosen mit floralem Aufdruck: Überflüssig zu sagen, was die (meisten) Männer davon halten. Mode ist vieles – aber nicht unbedingt sexy. Zu schätzen weiß die Mühe nur: eine andere Frau.

Für wen ziehen wir uns dann eigentlich an? Für Frauen, für Männer? Antwort: Kommt auf die Frau an. Genauer: ihr Modebewusstsein. Diejenigen, die sich für Mode interessieren, checken andere Frauen auf It-Pieces bei Kleidung und Accessoires ab, ein anerkennendes: „Ach, wie schön, wo hast du das gekauft?“ wiegt mehr als jeder Bauarbeiter-Nachpfiff. Details sehen ohnehin nur Frauen. Chelsea Boots oder Stiefeletten im Biker Look? Egal. Schwarze flache Stiefel halt. Chanel Particulière auf den Nägeln? Merkwürdig grau-brauner Lack im besten Fall, „mal wieder im Schlamm gewühlt?“ im schlechteren, während wir ehrfurchtsvoll von „taupe“ sprechen.

Natürlich geben Frauen das nicht zu. Das mache ich doch nur für mich, tönt es in schöner Regelmäßigkeit. Doch für mich heißt auch immer: meinem ästhetischen Bedürfnis entsprechend. Und das folgt einem Ziel: Ich kann modern sein, jedem Trend hinterher rennen oder meine Vorzüge ins rechte Licht rücken wollen, um, ja, Männer zu beeindrucken. Ob ich zum sonntäglichen Kaffeetrinken gehe oder zum Date mit Ryan Gosling – ich bin immer eine Frau, die entweder Frauen oder Männern gefallen will. Ob die Frau an sich eine Augenweide ist, spielt dabei keine Rolle: Jede arbeitet mit dem, was sie hat; auch die schönsten Beine werden durch Ugg-Boots verunstaltet, es fällt nur nicht so sehr ins Gewicht. Und den Frauen ist es schlichtweg egal, was Männer von ihrem Outfit halten. Möglicherweise ist Mode sogar feministisch, weil der trendbewussten Frau nichts daran liegt, für Männer attraktiv zu sein.

Doch wenn dem so ist: Warum wollen Frauen überhaupt andere Frauen beeindrucken, deren Bewunderung und ja, Neid auf sich ziehen? Vielleicht um innerhalb dieses Trend-Pools doch wieder die Schönste zu sein? Weil heute wie im Mittelalter der Topos gilt: Der Beste kriegt die Schönste, also die schönste Frau den besten Mann? Musste schon Siegfried seine Tapferkeit beweisen, um Kriemhild gerecht zu werden, bestätigt heute der Blick auf die Yellow Press, dass immer noch die Formel Status gegen Schönheit gilt; genauso wie die Tatsache, dass hoch qualifizierte Frauen bei der Partnerwahl schlechte Karte haben, weil sie sich im Gegensatz zu Männern noch immer „nach oben“ orientieren.

Vorläufiges Fazit: Frauen ziehen sich immer für Männer an. Es variieren nur die Mittel. Und wer weiß: Vielleicht ist bei den Modetrends 2013 einiges dabei, was Männern und Frauen gefällt. Tatsächlich entsteht dabei, rein zufällig, ab und zu eine kleine Schnittmenge, die beiden zusagt. Last but not least: Männer gewöhnen sich an alles. War bei der Röhrenjeans ja auch so.

 

 

 

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