Ganz schön dreist

Jeder kennt sie. Nicht jeder will sie kennen. Andere sind froh sie zu kennen. Wieder andere möchten schon gar nicht so sein wie sie. Ein bisschen bewundernswert sind sie aber doch: Menschen, die es mit Dreistigkeit durchs Leben schaffen. Ines und Charlotte gehören beide nicht zu diesem Schlag. Das Für und Wider können sie trotzdem diskutieren.

Von Ignoranten und Regeln

von Charlotte

Vor ein paar Wochen waren wir mit Freunden in Holland, die zu unserem Vorteil über den Luxus verfügen, im Garten ihres Wochenendhauses ein Motorboot liegen zu haben. Um damit aufs Ijsselmeer zu kommen, muss eben dieses aber erst durch eine Schleuse. Ich habe keine Ahnung von Motorbooten, auch nicht von Segelbooten, genau genommen nicht mal wirklich von Gummibooten. Und schon gar nicht von den Verkehrsregeln, die so herrschen auf Hollands Wasserstraßen und Meeren. Als wir auf die Schleuse zufuhren, wurde mir aber relativ schnell bewusst, dass die links und rechts angebundenen Motor- und Segelboote nicht dort lagen, um die schöne Aussicht und den spannenden Schleusen-Betrieb zu beobachten. Sie lagen dort, weil man sich – ebenso wie an der Supermarktkasse, am Konzert-Einlass oder im Stau – hinten anstellt. Noch bewusster wurde mir das Ganze, als unser Boot in aller Seelen Ruhe an den brav am Rand liegenden Booten vorbeischipperte und uns recht bald entsprechend genervte, ja sagen wir treffender beleidigende Kommentare zuteil wurden. Dummerweise saß ich – bis dahin friedlich und zufrieden – vorne auf dem bequemen Polster, lieber hätte ich mich in dem Moment unter Deck versteckt. Wahrscheinlich bin ich vor lauter Scham rot angelaufen. Ein Wunder, dass mich niemand mit der roten Ampel verwechselt hat, die die Einfahrt der einzelnen Schiffe regelt (und derzeit eindeutig „Stopp“ signalisierte. Wir waren trotzdem schon ganz vorne mit dabei). Ich hatte vollstes Verständnis für alle, die unser Vordrängeln lautstark kritisierten. Als ich unseren Kapitän darauf ansprach, sagte er knallhart: „Hättest du Lust gehabt, eine Stunde zu warten, bis wir in die Schleuse können? Dreistigkeit siegt!“ Aha. Damit war das Thema beendet. Und ich stand da mit der Frage im Kopf: „Siegt Dreistigkeit wirklich immer? Oder habe ich langfristig mehr davon, wenn ich nach den Regeln spiele und nett bin?“

Ich ziehe meinen Hut vor allen, die mit nichts was am Hut haben (auch nicht mit meinem gezogenen Hut wahrscheinlich). Klar, für diese Ellbogen-Gesellschaft bin ich definitiv nicht gewappnet, Ines wohl auch nicht. Dafür sind wir zu nett, das kann man nicht anders ausdrücken. Und ich muss sagen, dass mein Verständnis für allzu viel Dreistigkeit auch recht eingeschränkt ist. Denn irgendwie schadet es ja doch meistens den anderen. Sicher, in unserer Gesellschaft ist alles geregelt, für alles Mögliche braucht man Genehmigungen: wie viele Minuten ein Auto stehen muss, um zu parken und nicht bloß zu stehen ist festgelegt, wie viele Meter ein Haus vom nächsten entfernt gebaut werden muss und wie oft man im eigenen Garten grillen darf. Manches davon mag überzogen sein und es verwundert, dass manch anderes in Deutschland dagegen nicht geregelt ist. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass es Regeln nicht umsonst gibt. Eben: Wie würde es vor der Schleuse wohl ablaufen, wenn einfach jeder reinführe? Das reinste Chaos und wahrscheinlich auch jede Menge Materialschaden. Wie bei einem Konzert mit freier Platzwahl, da kann es schon mal unübersichtlich werden.

Dreistigkeit mag mutig sein, durchaus aber auch frech, egoistisch und anmaßend. Und vor allem unfair allen gegenüber, die sich an die sorgsam aufgestellten Regeln halten.

 

Dreistigkeit siegt! Und warum auch nicht?

von Ines

Charlotte und ich, wir sind beide das, was man nette Mädchen nennt. Und Nettsein ist ja auch schön und gut – für die anderen. Ich gebe meinen Eltern die Schuld. Die haben mich und meine Geschwister nämlich erzogen, und zwar leider weder zu Ordnung noch zu Pünktlichkeit, dafür aber zu furchtbar höflichen, schrecklich braven, entsetzlich anständigen Menschen. So ein Mist.

Als Kind habe ich die dreisten Helden am meisten geliebt. Rasmus und Pontus, Pippi Langstrumpf, Gustav mit der Hupe, je frecher, desto besser. Einen großen, dicken Schwertschlucker zu fragen, ob man zum halben Preis zuschauen dürfe, wenn man verspricht, nur mit einem Auge zu kucken – das hätte ich mich nie getraut. Ich hätte meine Kröten gezählt, enttäuscht festgestellt, dass es für den Eintritt nicht reichen würde, und mich dann in mein Kämmerlein verkrochen, wo ich sehnsüchtig ein Buch über Kinder verschlungen hätte, die mutiger, die dreister waren als ich. Gut, Rasmus und Pontus wurden fortgejagt vom Schwertschlucker, der später erst sie selbst und dann ihren Dackel Toker gekidnappt und beinahe getötet hätte, wenn sie nicht … aber das ist eine andere Geschichte.

Dreist sein, ohne anzuecken, frech sein, ohne frech zu kommen: Das ist eine Kunst. Eine Bekannte von mir hat diese Kunst perfektioniert. Sie ist knappe 1,55 Meter groß, stammt aus einem alten Adelsgeschlecht, zählt prominente Politiker zu ihren besten Freunden und geht schnurstracks auf die neunzig zu. Ihrem Charme kann niemand widerstehen. Kein Politiker, kein Adelsherr und auch kein italienischer Pförtner, den sie mit freundlichstem Lächeln bittet, unsere zehnköpfige Reisegruppe trotz groß und deutlich an der Tür des Klosters hängenden Schildes „Mittwochs geschlossen“ doch rasch eine Privatführung zu ermöglichen. Kein schwäbischer Verkäufer im Porzellanladen, an dessen Tür etwas kleiner, aber ebenso deutlich das Schild hängt: „Hunde verboten“ – was für sie natürlich kein Hindernis ist und erst recht kein Grund, Pudel Emil draußen festzubinden, sondern lediglich ein Grund mehr, die Charme-Offensive zu starten und die Lächel-Waffe einzusetzen, mit Erfolg, versteht sich. Draußen fühle sich Emil so einsam, ihr schlagendes Argument.

Dreist sein, ohne dreist zu wirken. Niemanden auf den Schlips zu treten und erst recht nicht auf die Füße. Niemandem zu schaden, ja, das ist das Geheimnis – oder höchstens ein ganz kleines bisschen.

Ich stand mal am Flughafen von Toronto in einer unglaublich langen Schlange, die über mehrere abgetrennte Reihen verlief. Es dauerte und dauerte und ich begann mir schon Sorgen um meinen Flug zu machen, als auf einmal eine Frau mit einem „Sorry, spät dran, sorry, spät dran“ von Reihe zu Reihe huschte, unter einer Absperrung zur nächsten durchkrabbelte. Jeder der netten Kanadier ließ sie natürlich gerne durch, natürlich auch ich, ebenfalls nett. Als sie in der Reihe vor mir kurz stehenblieb, erhaschte ich einen Blick auf ihr Flugticket – die Dame wollte auf denselben Flug wie ich! Ich sprach sie an, fragte, ob die Zeit wirklich so knapp sei, kurzentschlossen zog sie mich unter der Leine durch und mit sich von Reihe zu Reihe. Was soll ich sagen, wir haben den Flug bekommen. Gerade noch so.

Hatte jemand einen Schaden erlitten durch unser dreistes Drängeln? Jeder einzelne in der Schlange kam unseretwegen vielleicht fünf Minuten später zum Zug, nein, Flug. Wir dagegen hatten uns anderthalb Stunden gespart – plus die vier Stunden, die wir auf den nächsten Flieger hätten warten müssen.

Ich bin ein großer Fan von Höflichkeit. Dazu haben meine Eltern mich erzogen. Ich würde jeden, der mich fragt, ihn vorzulassen, diese Bitte erfüllen. Und ganz ehrlich: Ja, ich fühlte mich gut, dank der kanadischen Dame auch mal selbst davon zu profitieren – als Trittbrettfahrer ihrer Dreistigkeit.

Das Geheimnis der Dreistigkeit (und das hat Charlottes befreundeter Motorboot-Besitzer in der Eile wohl vergessen) sind die Zauberwörter Bitte, Danke, Entschuldigung. Die Kunst der Dreistigkeit ist es zu fragen, zu lächeln. Charmant, höflich und nett.

 

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation

javaversion1