Geschriebene Worte

Geschriebene Worte: Warum Schreiben doch nicht so dumm ist.

Letzte Woche hat unser Gastautor Aaron seine Meinung zum Thema „Schreiben oder Reden?“ kundgetan. Diese Woche gibt’s die andere Seite der Medaille. Warum das geschriebene Wort manchmal doch besser ist und Schreiben auch ganz nett sein kann…

von Charlotte

Ich habe Sprachwissenschaften und Germanistik studiert. Damit befinde ich mich schon mal ganz grundlegend in einem Dilemma: Ich liebe die deutsche Sprache und kann Sprachpuristen eigentlich sogar ganz gut verstehen (die Germanistin in mir). Ich muss aber auch realistisch sein und der Sprache ihre Wandelbarkeit, ihre Anpassungsfähigkeit zugestehen (die Sprachwissenschaftlerin in mir). Richtig Aaron, Zeiten ändern sich. Das ist nicht immer gut, aber auch nicht grundsätzlich schlecht. Auch ich bin in einer Zeit groß geworden, in der es noch in Ordnung war, kein Handy zu haben. In der man in Jungendzeitschriften noch nach Brieffreunden suchte und sie sogar fand. Heute habe ich aber so Vieles, das ich meinem Brieffreund mal eben schreiben oder mitteilen oder zeigen möchte, dass es schade wäre, damit mehrere Wochen bis zum nächsten Brief zu warten.

Ich gebe zu: Ich schreibe mehr als ich telefoniere.  Alleine schon, weil es manchmal seinen Mitmenschen gegenüber angebrachter ist, zu schreiben und das viele Pendeln wenig Zeit für ausführliche Telefongespräche lässt.

Tatsächlich gibt es Dinge, die man besser schreiben und andere, die man besser aussprechen kann. Ich mag das geschriebene Wort. Ich mag es sogar so sehr, dass ich in SMS und Co. ebenso akribisch auf meine Rechtschreibung (ja, auch Groß- und Kleinschreibung!) achte, wie in allen anderen Texten (wenngleich sich auch bei mir ab und an Fehler einschleichen). In der Sprachwissenschaft spricht man von Medium und Konzept. Ein Telefonat ist sowohl medial als auch konzeptionell mündlich. Ein förmlicher Brief ist medial schriftlich und konzeptionell ebenfalls schriftlich. Ein Brief zwischen Brieffreunden ist medial schriftlich, aber konzeptionell ein Stück weit mündlich. Eine Nachricht in einem Messenger ist medial schriftlich und konzeptionell eindeutig mündlich. Diese Theorie braucht niemand zu kennen, weil es jedem ohnehin klar ist. Was sie aber auch zeigt: Bestimmte Inhalte würden außerhalb eines Messengers in einem Telefonat nicht funktionieren, weil sie dann medial mündlich, aber konzeptionell immer noch gewissermaßen schriftlich wären. In der Theorie möglich, in der Praxis bisher merkwürdig. Dabei kenne ich genügend Leute, die auch in einem persönlichen Gespräch die ursprünglich rein schriftlichen Emotionsausrufe „lol“ oder „rofl“ benutzen.

Es ist ok, dass sich Sprache verändert. Und es ist auch ok, dass wir uns hin zu einer eher schriftlichen Kommunikation entwickeln. Ich rede gerne, Ines redet noch viel lieber. Aber in Situationen, in denen gerade keine mir bekannte Person bei mir ist, möchte ich lieber jemandem schreiben, als mit mir selbst zu reden. Es gibt Situationen, in denen ich jemanden kurz etwas fragen möchte, in denen ich etwas Schönes entdeckt habe oder etwas Lustiges. Früher wollte ich zum Hörer greifen und es gleich jemandem erzählen. Heute greife ich zum Smartphone und schreibe es jemandem. Jemandem, der meine Frage beantworten kann, jemandem, dem das Schöne auch gefallen könnte oder jemandem, der denselben Humor hat und den ich so zum Lachen bringen kann. Viele meiner Freunde sehe ich viel zu selten. Sie haben anstrengende Jobs, große Familien oder beides. Ein paar Worte zwischendurch schreiben wir uns trotzdem und wissen: Unsere Verbindung ist nicht abgerissen. Ich finde das gut!

Heute kann ich viel mehr kommunizieren. Und andere können mehr mit mir kommunizieren. Auf eine andere Weise als „früher“, ja! Aber eben mehr. Und so können sie auch kommunizieren, wenn sie sich bei einer Verabredung verspäten. Man könnte dem entgegensetzen, man habe sich früher einfach nicht verspätet. Aber wer öffentliche Verkehrsmittel nutzt, weiß, dass das nicht stimmen kann. Die kamen auch früher schon zu spät.

Eines muss aber auch ich gestehen: Beim Schreiben kann es zu Missverständnissen kommen. Denn wie das Geschriebene aufgenommen wird, hängt mitunter auch von der Laune und Interpretationsfähigkeit des Empfängers ab. Wer einen schlechten Tag hat, wird etwas neutral Geschriebenes eher negativ auffassen. Wer einen schlechten Tag hat und am Telefon eine vertraute und fröhliche Stimme hört, wird sich von ihr anstecken lassen.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation