Gutes Wetter und miese Politik

Gutes Wetter und schlechte Politik: Wann darf man worüber reden?

Politik, Religion oder gar intimste Details? Gibt es Themen, die nicht immer und überall und mit jedem Gesprächspartner angebracht sind? Oder den idealen Rahmen für bestimmte Themen? Wir wollten’s wissen und sind – wie sollte es anders sein? – unterschiedlicher Meinung.

Too much information

von Charlotte

Bis zu einem bestimmten Grad bin ich relativ offen gegenüber allen möglichen Gesprächsthemen. Unangenehm wird es dann, wenn ich keine Ahnung habe oder meine Meinung lieber nicht laut sagen sollte oder beides.

Als der Sommer noch Sommer war, waren wir zum Grillen eingeladen. Wir freuten uns auf einen netten Nachmittag in mehr oder weniger illustrer Runde bei gutem Essen, herrlichstem Sonnenschein und einem wunderbaren Ausblick. Was ganz harmlos begann, endete irgendwann in einer zu politischen Diskussion, bei der sich ein Paar vor lauter konträren Argumenten für und gegen CDU-Politik und Angela Merkel so sehr aufschaukelte, ja schier battlete wie es die US-amerikanische HipHop-Szene artikulieren würde, dass es für alle anderen an der Biertisch-Garnitur unangenehm wurde. Bei eben diesen anderen kehrte auch recht schnell Ruhe ein, man enthielt sich lieber dieser Diskussion und widmete seine Aufmerksamkeit lieber dem exzellenten Grillgut. Auch ich hielt mich lieber zurück, weil ich vor allem auch fürchtete, mich in irgendeiner Hinsicht zu outen und anschließend für immer unten durch zu sein. Lieber nichts sagen, als das Falsche. Das mag feige sein, dient aber so gesehen dem Allgemeinwohl und auch meinem eigenen Wohl.

Vor rund einem Jahr war ich zudem auf einer Baby-Party eingeladen, die für eine werdende Mutter ausgerichtet wurde. Eine herrliche Atmosphäre, alles erstrahlte in Baby-Blau, überall waren süße Kinder-Deko-Accessoires aufgestellt, es gab Torte und lustige Spiele und es waren ausschließlich weibliche Gäste zugegen. Bis irgendwann der Vater des Kindes dazu kam und – es war kurz vor der letzten Bundestagswahl – die Anwesenden von seiner Favoriten-Partei zu überzeugen versuchte. Wieder so eine Situation, in der ich lieber unauffällig auf dem Boden davon gerobbt, mich hinter der in Baby-Bauch-Form gebackenen und mit blauem Marzipan überzogenen Torte versteckt oder aus dem Fenster abgeseilt hätte. Auch hierbei kam es bald zur Eskalation, weil eine der Anwesenden anderer Meinung war und anders als ich die Konfrontation nicht scheute. Ich zähle in solchen Momenten auf meine Selbsteinschätzung, ein eher unauffälliger Typ zu sein und mangels Aussagen auch gar nicht erst involviert zu werden. Schade, dass der werdende Vater mir gegenüber saß.

Es gibt sie eben doch, diese Themen, über die man nicht unbedingt immer und überall reden muss. Manchmal habe selbst ich das Bedürfnis, mit Wildfremden zu kommunizieren, meistens dann, wenn eine Standardansage mich und all meine Leidensgenossen über einen Zugausfall aufklärt. Krisen schweißen zusammen, weiß man ja! Und ich bin übrigens nach wie vor der Meinung, dass das Wetter dagegen ein wirklich wunderbares Thema ist, das IMMER, wirklich IMMER passend ist und mit dem man nichts falsch machen kann.

Auch, was den Rahmen anbelangt, gibt es Grenzen. Ich fände es unangebracht, auf einer Hochzeit über eine Scheidung zu sprechen, nur als Beispiel. Ich finde es auch unpassend, dass in den RTLII-News (gut, es sind die RTLII-News, die ich auch nur gucke, wenn im Anschluss eine interessante Sendung läuft, aber es sind News!) wahnsinnig schlechte Kinofilm-Vorstellungen gebracht werden. In welchem Zusammenhang steht das zum Ukraine-Konflikt, zu Waffenlieferungen in Krisengebiete, zu Ebola-Quarantänemaßnahmen und zur Aufklärung der NSU-Mordserie? Und so sollte das kritischste Thema in einem Fashion- und Beauty-Magazin auch lediglich sein, ob die neueste Wimperntusche in den Augen brennt oder nicht.

Als gäbe es nicht genügend andere Themen, über die es sich reden lässt. Die Zukunftspläne, den Job, die neue Frisur, meinetwegen auch die Hausfinanzierung oder gerne eben auch das gute alte Wetter!

 

Rede lieber ungewöhnlich

von Ines

Das Leben ist zu kurz, um langweilige Gespräche zu führen. Das Leben ist zu kurz, um seine Meinung nicht zu sagen – nur weil man vielleicht keine Ahnung hat. Nach diesen beiden Devisen lebe ich und rede ich. Heißt in der Praxis: Ich rede sehr gerne mit Menschen, die ich nicht besonders gut kenne, über Themen, mit denen ich mich nicht besonders gut auskenne, an Orten, die nicht besonders geeignet dafür sind. Nichts ist unterhaltsamer und inspirierender, als eine Einladung, sagen wir, zum Kaffeklatsch, die zäh, einschläfernd und belanglos zu werden droht und sich dann unverhofft verwandelt in ein Konglomerat aus Stimmen, aus Meinungen, aus Ideen, Gedanken, Argumenten, Anregungen – zustimmend, ergänzend, widersprechend, egal.

Ich liebe es, wenn sich ein Haufen Menschen unverhofft für ein Thema begeistert, auch wenn, nein, gerade weil dieses Thema vielleicht dem Rahmen gemäß als nicht passend erscheint. Wenn eine Gruppe Freunde am See liegt und anhand eines Schwarms fliegender Fische versucht, die Gesetze der Schwerkraft zu ergründen. Wenn eine Grillparty aufgrund strömenden Regens auf den Wohnzimmerfußboden verlagert und zum Anlass genommen wird, mal so richtig laienhaft, aber leidenschaftlich den Klimawandel zu erörtern. Wenn bei einer ursprünglich steifen Black-Tie-Veranstaltung auf einmal einer anfängt, auf den Kapitalismus zu schimpfen und, unterstützt von ebenfalls strömendem Champagner, daraus eine lebhafte Diskussion über den (Un-)Sinn der FDP erblüht. Und ja, da will ich mitmachen.

Und nein, ich will nicht für die plakative, sich behaglich und stur im Kreis drehende Debatte auf Stammtisch-Niveau argumentieren, im Gegenteil. Ich glaube vielmehr, dass aus solch unerwarteten, auch mal unorthodoxen Streitgesprächen Standpunkte entwickelt, Horizonte erweitert und Gedankengänge bereichert werden können. Ich glaube, dass, wer nicht wagt, nicht gewinnt – auch nicht die Chance, sich eines Besseren belehren zu lassen und ein Stückchen schlauer, ein Stückchen reflektierter nachhause zu gehen. Ich glaube nicht an das Tabu, genauer: Ich glaube, dass es nichts schadet, es auch mal zu brechen.

In der April-Ausgabe der Cosmopolitan (04/2014) sprachen fünf Frauen darüber, wie sie vergewaltigt wurden. Damit wollte die Zeitschrift darauf aufmerksam machen, dass Frauen nicht nur weit weg, in Indien zum Beispiel, Opfer sexueller Angriffe werden, sondern auch hier. Bei uns. Und damit zeigte die Cosmopolitan, dass sie heute (meiner Meinung nach vor allem dank Chefredakteurin Kerstin Weng, die seit anderthalb Jahren an der Spitze steht) mehr ist als nur die beste Adresse für hippe Lippenstifte und heiße Sexstellungen.

Die Reaktionen in meinem Kolleginnenkreis waren gemischt. Manche fanden, dass solche Themen in einem solchen Magazin nichts zu suchen hätten. Manche fanden, dass der Spiegel ja auch nicht über brennende Wimperntusche schreibt – und jeder Schuster bei seinem Leisten bleiben solle.

Ich finde: Es gibt keinen falschen Ort, keine falsche Plattform, um Themen zu diskutieren, die richtig sind, die wichtig sind. In einer Zeitschrift für Frauen sollte es um Frauen gehen. Um alle Themen, die Frauen beunruhigenbewegen, betreffen, berühren. Ich finde: Es ist besser, sich ein paar Gedanken mehr zu machen, ein paar Gedanken mehr anzuregen und anzustoßen, als auf diese Gedanken von Vorneherein zu verzichten, weil es vielleicht „gerade nicht passt“. Weil Leute Angst haben, sich zu blamieren, weil Leute Angst haben, anderen auf die Füße zu treten, weil Leute Angst haben, zu etwas anderem ihre Meinung zu äußern als zur Frage, ob der Sommer wohl nochmal wiederkommt oder eher nicht.

Es gibt keine falschen Themen. Es gibt nur falsche Tabus.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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