Handy, Hektik, Hampelmänner

Handy, Hektik, Hampelmänner: Wieso das Handy am Arbeitsplatz nicht unbedingt etwas zu suchen haben muss.

Den einen sind sie ein Dorn im Auge, die anderen wollen gar nicht drauf verzichten: Handy, Internet, ständige Erreichbarkeit! Wie soll es denn nun sein: Wir sollen die Arbeit bestenfalls als Privatvergnügen sehen, das eigene Smartphone dürfen wir dafür aber nicht benutzen?

Fummeln verboten!

von Charlotte

Ich gestehe es offen: Auch ich gehöre zu den Fummlern. Zu den notorischen Handyfummlern. Als Ines kürzlich eine Rundmail schrieb, dass ihr Handy kaputt gegangen sei, führte ich mir ein Szenario vor Augen, das im ersten Augenblick nicht schlimmer sein könnte: Was zur Hölle würde ich nur ohne Handy tun?! Es ist mein Telefonbuch, mein mobiler Chat, mein Kalender, meine Fotogalerie, meine Zeitung, mein Wissensspeicher,642-813
mein Notizblock, mein Shoppingcenter, meine Kamera, meine Wettervorhersage, mein Bahnfahrplan, meine Landkarte, mein Navigationsgerät, mein Übersetzter, ja sogar meine Taschenlampe. Die WLAN-Wüste Deutschland, eine einzige Katastrophe! Im zweiten Augenblick dachte ich: Ich wäre viel entspannter, konzentrierter und wahrscheinlich auch leistungsfähiger ohne Handy! Ständige Erreichbarkeit hin oder her, irgendwie ist sie nämlich auch stressig und nervig! Ich gehe mir schon selbst auf den Zeiger, weil ich dauernd aufs Handy schaue, als könnte ich die letzten fünf Minuten etwas Weltbewegendes verpasst haben.

Ehrlich gesagt finde ich Debatten darüber, ob man am Arbeitsplatz das Handy oder das Internet für private Zwecke benutzen darf, ziemlich unsinnig. Warum? Weil ich bis dato davon ausgegangen bin, dass die private Handy- und Internetnutzung am Arbeitsplatz ohnehin untersagt sei.

Gut: Ich arbeite (noch) in einer Branche, in der das Smartphone tatsächlich ein Arbeitsmittel ist. Wir müssen Apps testen, mobile Newsletter analysieren und innovative Internetseiten ausfindig machen, die durch optische Tricks und Kniffe unser Unterbewusstsein zum Kauf von Produkten verleiten. Nebenbei muss EX200 exam ich durch meine redaktionelle Tätigkeit auch noch die Augen offen halten nach interessanten Themen. Natürlich stoße ich dabei ab und zu auf Themen, die mich auch privat interessieren. Die Grenze zwischen privatem und beruflichem Surfen im Netz ist entsprechend schwammig, genau genommen lässt sie sich nicht definieren.

Dennoch: Ich bin ein Freund von klaren Grenzen. Wahrscheinlich ist es eben eine Frage der Berufssparte, in der man unterwegs ist. Wer Versicherungen verkauft oder in einer Bank arbeitet, wird wohl kaum rechtfertigen können, dass er sich auf Lifestyle-Seiten oder in Onlineshops herumtreibt. Ich kenne Betriebe, in denen Seiten wie Facebook blockiert sind, damit ja niemand während der Arbeitszeit andere Leute observiert oder gehaltlose Posts formuliert. Das finde ich ok. Denn jeder, der behauptet, Facebook und Co. würden nicht ablenken, lügt! Vor mir liegt eine (Arbeits)Zeit, in der ich höchstwahrscheinlich nur selten in den Genuss der Smartphone-Vorzüge kommen werde. Aber: ich freue mich darauf. Weil ich mich dann endlich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren kann. Weil ich für acht bis neun Stunden am Tag kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich XY noch nicht bei WhatsApp geantwortet habe. Weil ich dann vielleicht nicht mehr so unkontrolliert Online-Einkäufe tätige. Weil mir der radikale Entzug vielleicht auch privat zu weniger Handy-Konsum verhilft. Und weil die Grenze zwischen Arbeit und Privatem wieder hergestellt wäre. Allen trendigen und hippen Berufsfeldern zum Trotz gibt es nämlich noch Menschen, die nicht nur aus Spaß an der Freude arbeiten, sondern um sich das leisten zu können, was außerhalb der Arbeit stattfindet: Das Leben.

Bei klaren Grenzen sollte es aber auch eine klare Regel geben: Wenn ich auf der Arbeit nicht für private Kontakte erreichbar bin, sollte ich umgekehrt nämlich auch im Privaten nicht für rein berufliche Kontakte erreichbar sein. So einfach ist das!

 

Schummeln erlaubt!

von Ines

Mein Handy ist kaputtgegangen, stimmt. Es ist mir heruntergefallen, das kann vorkommen – manchmal fallen mir eben Sachen herunter, ich stehe dazu. Jetzt hab ich ein neues Handy. Das kann, wie es häufig der Fall ist mit neuen Handys, alles, was das alte auch konnte und noch viel mehr. Shoppen, fotografieren, Wissen speichern, Wetter vorhersagen, navigieren, übersetzen und mich durchs Dunkel der Nacht leuchten? Ich hab‘s noch nicht probiert, bin aber sicher: Garantiert kann es das. Und ich bin sicher: Wahrscheinlich werde ich es auch nicht probieren. Ich nutze das Handy immer noch genauso wie vor zehn Jahren – vornehmlich zur Kommunikation. Ich habe genau zwei Apps installiert, WhatsApp und Tagesschau. Und die Tagesschau sehe ich dann doch lieber auf dem Laptop, da ist das Bild größer und der Ton deutlicher.

Vielleicht aber ist das der Kern des Problems, warum Chefs immer unmutiger zusehen, wie Mitarbeiter an ihren Handys rumfummeln. Früher war klar: Wer zum Telefon griff, wollte telefonieren. Sich mal kurz erkundigen, was die Kids, die Katze oder die Schwiegermama so machen, ob noch alle Tassen im Schrank stehen oder wer denn nun eigentlich die Milch mitbringt. Heute ist gar nichts mehr klar. Wenn ich in der Bahn sitze und zur Arbeit fahre, sehe ich, wie ältere Leute jüngeren missbilligende Blicke zuwerfen, sobald diese ihr Handy zücken. Schon wieder diese Fummelei, wollen die Blicke sagen, können die mal was Gescheites machen? Ein Buch lesen oder die Zeitung? Ich habe in der U-Bahn schon Komplimente von alten Mütterlein bekommen, weil ich in einen ziemlich seichten Krimi vertieft war oder mit meiner ZEIT dreist vier Sitzreihen für mich beanspruchte. Doch wer weiß schließlich schon, ob das Mädchen mit dem iPad nicht gerade Kafkas Prozess liest, ob der Typ mit seinem Smartphone die Wirtschaftsnews der FAZ studiert?

Umgekehrt weiß der Chef, sobald er seine Mitarbeiter fummeln sieht, nicht, was die tatsächlich tun. Schreiben sie ihrer zehnjährigen Tochter eine Whatsapp: „Ich liebe dich, Suppe ist im Kühlschrank, vergiss Mathe nicht“? Oder legen sie ein kleines Porno-Päuschen ein und surfen auf einschlägigen Seiten?

Charlotte hat Recht: Wir nennen es Arbeit – was viele als Freizeitvergnügen bezeichnen würden. Aber was soll ich machen, um das zu ändern? Soll ich mir, wenn ich die Schuhtrends 2014 recherchiere, die Augen zuhalten, sobald ich zufällig ein Paar Stiefel sehe, was ich mir selbst zulegen möchte? Soll ich auf Skype und Facebook den dicken roten „Beschäftigt“-Button aktivieren, damit nur ja niemand auf die Idee kommt, mir „Hallo, wie geht’s“ zu schreiben?

Ich bin ein großer Fan davon, erwachsene Menschen wie erwachsene Menschen zu behandeln – in der Hoffnung, dass sie sich dann auch wie erwachsene Menschen benehmen. Wenn ich sehe, wie eine Kollegin ihr Handy zur Hand nimmt, gehe ich davon aus, dass sie sich erkundigen will, wie es den Kids, der Milch oder den heimischen Tassen geht, und dass sie wenige Minuten später genauso konzentriert arbeitet wie zuvor. Wenn ich einer Freundin, die ich lange nicht gehört habe, via Facebook „Gut, und dir? Nächste Woche mal telefonieren?“ zurückschreibe, muss das okay sein. Ebenso wie es okay ist, beim Surfen nach Feierabend den Facebook-Post zur News des Tages mal kurz zu überprüfen. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps? Früher hatten die Bürohengste ihr Whiskeyfläschchen im Rollcontainer, heute ist es eben unser neues Suchtmittel Nummer eins: das Handy. Wohl bekomm’s.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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