Home is where the heart is?

Was ist Heimat?

Was ist Heimat – und wenn ja, wie viele? Der Ort, an dem wir geboren sind? Der Ort, an dem wir aufgewachsen sind? Der Ort, an dem wir uns niedergelassen haben? Oder kann Heimat sogar mehrere Orte sein?

Mein Herz tanzt

von Charlotte

„Man weiß nicht, was man an der Heimat hat, bis man in die Ferne kommt.“ lautet ein deutsches Sprichwort. Dass mir Reisen mitunter auch wichtig sind, um mein trautes Heim schätzen zu können, habe ich erst kürzlich erzählt. Tatsächlich beschränkte sich mein Horizont für eine sehr lange Zeit auf einen sehr kleinen Radius. Bonn ist meine Heimat. Als ich klein war, war selbst Köln für mich ewig weit weg. Ein Ausflug in den Kölner Zoo fühlte sich damals an, wie eine Fernreise. Und ich muss zugeben: Es hat lange gedauert, bis sich das geändert hat. Tatsächlich liegen keine 30km zwischen Bonn und Köln.

Als mich mein Studium raus aus meiner Heimatstadt und rein in das wüste Getümmel von Köln zwang, musste ich mich meiner Panik vor der fremden Umgebung stellen. Das habe ich zwar geschafft, musste aber auch feststellen, wie sehr ich mich jedes Mal nach Unischluss darauf freute, nach Bonn zurückzukommen. Es hat rund drei Jahre gedauert, bis ich mich halbwegs wohl in Köln gefühlt habe und mich mit dem Gedanken anfreunden konnte, nach dem Studium dort zu arbeiten. Inzwischen fahre ich wie selbstverständlich jeden Tag nach Köln. Aber erst kürzlich habe ich zu meinem Freund gesagt, dass ich niemals dort wohnen wollen würde. Und auch sonst nirgendwo.

Mir gefällt Berlin. Hamburg hat mich umgehauen. Und Dresden ist für mich eine absolute Traumstadt in genau der richtigen Dimension. Aber ich weiß, dass ich unfassbar lange brauchen würde, mich dort wie zuhause zu fühlen. Ich bin unglaublich unflexibel, ich weiß. Ist das so schlimm? Wahrscheinlich schon, weil ich dadurch eine Menge großartiger Chancen verschenke, tolle Orte verpasse und interessante Menschen. Ich konnte mich selbst in der Schule nie zu einem Schüleraustausch hinreißen lassen, geschweige denn anschließend ein Au Pair Jahr oder Work&Travel machen. Ich wollte nicht einmal eine Klasse überspringen, weil ich nicht aus meiner gewohnten Umgebung gerissen und in ein Haifischbecken voller Frühpubertärer geworfen werden wollte.

Ich bewundere alle, die das wagen. Ich habe mit angesehen, wie viele es gewagt haben, denen man es nie zugetraut hätte, und die völlig verändert und über die Maßen selbstbewusst wieder kamen. Aber ich habe schon damals gesagt: Ich kann diese Länder später noch bereisen. Natürlich besteht immer die Gefahr, dass es kein „später“ gibt und ich weiß, dass eine Reise nicht dasselbe ist, wie ein zeitweises Leben dort. Aber mir reicht das. Ich habe mich auch so entwickeln können. Ein bisschen mehr Selbstvertrauen täte mir zwar trotzdem gut, aber mittlerweile schäme ich mich nicht mehr dafür, mich nicht als absoluter Anpassungskünstler und Globetrotter bezeichnen zu können (letzteres zumindest nicht für länger als wenige Wochen).

Nach meinem Studium habe ich mir erträumt, wie es wäre, in Bonn zu arbeiten. Es wäre mit einer ganz anderen Motivation verbunden, ich würde mit einem ganz anderen Gefühl arbeiten. Wenn ich in Köln bin und den Dom sehe, bin ich jedes Mal überwältigt. Aber ich spüre, dass es ein Bauwerk ist, das ich wie eine Touristin ansehe. Durch Bonn gehe ich mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie nur Bonner haben. Aber es gibt diese Momente, in denen ich stolz bin. Wenn ich das alte Rathaus ansehe und mir ausmale, dort vielleicht einmal zu heiraten. Oder die Touristen belächle, die das Beethovendenkmal vor der schönen alten Post fotografieren. Oder wenn ich im Sommer im Biergarten am alten Zoll sitze und rheinaufwärts Richtung Siebengebirge schaue. Was gibt es Schöneres, als zu wissen, wofür das Herz schlägt? Für mich ist Heimat die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Ich kann mir nicht vorstellen, ein solches Gefühl mal in einer anderen Stadt zu erfahren, geschweige denn an gleich mehreren Orten. Aber es ist definitiv besser zu wissen, dass man eine Heimat hat, als gänzlich heimatlos zu sein. Seneca sagte: „Für ein Schiff ohne Hafen, ist kein Wind der richtige.“

 

Mein Herz fliegt – vielleicht

von Ines

„I’m like a bird, I’ll only fly away. I don’t know where my soul is, I don’t know where my home is.“

Heimat – wer weiß heute schon so genau, wo das ist? Was das überhaupt ist? Nelly Furtado jedenfalls nicht. Und ich leider manchmal auch nicht. Vor ein paar Tagen erinnerte Charlotte mich daran, dass ich im Blog mal meinen Wohnort aktualisieren müsste. Köln steht da immer noch. Seit einem halben Jahr lebe ich nicht mehr in Köln – und innerhalb dieses halben Jahrs bin ich nun schon zum zweiten Mal umgezogen.

Ich ziehe oft um und zuweilen auch ganz gerne. In der aktuellen Madame (03/2014) schreibe ich über ein Lebensgefühl: Life is light. Vor 30 Jahren kam in Deutschland die erste Cola light auf den Markt und mit ihr das Versprechen, dass alles möglich ist. Die Ahnung, dass nicht auf jedes Wenn ein Aber folgen muss. Wir wählen süße, koffeinhaltige Softdrinks statt verdauungsfördernden Kräutertee oder schnödes Leitungswasser. Und nehmen Zucker und Kalorien nicht länger in Kauf als unvermeidbare Nebenwirkung, sondern freuen uns, dass es auch anders geht. Dass es leichter geht. Das ist die Geschichte der Cola light, die nach einem Märchen klingt, einem modernen Marketing-Märchen. Light suggeriert eine Faszination, der wir uns nicht entziehen können – weil Light Genuss verheißt, ohne dass wir dafür auf irgendetwas verzichten müssen.

Ich trinke keine Cola light, aber diese Faszination kenne ich nur zu gut. Ich will nämlich auch immer alles auf einmal. Ich will den aufregenden Job und die stabile Beziehung. Ich will neue Leute kennenlernen und alte Freunde behalten. Ich will Sicherheit, ich will Abwechslung, ich will die Ruhe des Vertrauten und den Reiz des Unbekannten. Wenn Heimat dort ist, wo das Herz ist, schlagen in meiner Brust zwei, drei oder vier Herzen zugleich. Es ist ein Dilemma und mein einziger Trost ist: Ich bin nicht die einzige, der es so geht.

Freiheit, Leichtigkeit, Flexibilität. Auf allen Ebenen spiegelt es sich wider. Immer leichtere Joggingschuhe oder Rennräder helfen uns, immer schneller zu laufen, immer weiter zu kommen, immer höher zu steigen. Monumentale Kunstmusik wird zu Minimal Music, die Wucht eines Beethovens wird zur Stille von John Cage. Moderne Technologien machen es einfacher denn je, ohne Lasten durchs Leben zu gehen. Bücher mit Lederband und Goldschnitt, Schallplatten, Familienalben, Truhen voller Liebesbriefe und Urlaubskarten werden ersetzt durch ein einziges Gerät: möglichst flach, möglichst smart, möglichst leicht. Denn der solide Eichenschrank (ein Familienerbstück), der fette Schweinebraten (nach Omas Geheimrezept) oder die reichhaltige Gesichtscreme (von führenden Apothekern empfohlen) – das alles belastet uns nur unnötig.

Doch wenn man mal ehrlich ist: Die Stabilität, die uns der Eichenschrank schenkt, ist auch ein Versprechen, so fest wie die sprichwörtliche Eiche. Hier bin ich und hier bleibe ich. Wenn uns eine schwäbische Bausparkasse versichert, dass wir auf diese Steine bauen können, dann sind diese Steine der Fels in der Brandung: My home is my castle.

Bei aller Liebe zur Leichtigkeit, irgendwann nämlich kommt der Punkt, an dem sie verdammt anstrengend wird. An dem wir unsere ach so mobile, ach so flexible Gesellschaft verfluchen, keine Lust mehr haben, permanent mitzuflattern, dynamisch, agil, spontan, überall und allzeit verfügbar zu sein. Die Gefahr? Immer nur an der Oberfläche zu bleiben, sich nie auf etwas festzulegen. Und wer sich keine Verbindlichkeit zutraut, bekommt auch keine zurück. Das kann auf Dauer einsam machen.

Früher wogen allein die Koffer aus wuchtigem Leder so viel, wie heute das gesamte Handgepäck umfassen darf. Heute werfen wir unsere sieben Sachen in einen Trolley, der es leicht macht, mit ihm von dannen zu ziehen, wann immer uns der Sinn danach steht. So marginal diese Änderung erscheinen mag, bedeutet sie doch eines: Sie erleichtert uns nicht nur das Gepäck, sondern auch unser Leben. Scheinbar zumindest.

Doch etwas zu erleichtern, bedeutet nicht zwangsläufig, es zu vereinfachen, ganz im Gegenteil. Was früher schon aus Gründen des Gewichts festgelegt wurde, liegt heute in unserer eigenen Hand. Nichts hindert uns mehr daran zu fliegen. Nichts hindert uns mehr daran zu gehen. Nur: Wollen wir das auch wirklich immer?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation

javaversion1