Huch, schon wieder Weihnachten

Huch, schon wieder Weihnachten!

34 000 Euro. Das ist die Zahl, die wir Deutschen laut eines Buchs über uns Deutsche im Laufe unseres Lebens für Weihnachtsgeschenke ausgeben werden (Wir. Alles, was man über uns Deutsche wissen muss, Immler/Kuhn/Steinhäuser). Weihnachtsgeschenke sind ein Mysterium, dem man sich schwer entziehen kann, das viele Nerven kostet und viel Freude schenkt. Mehr oder weniger? Früher oder später? Mitmachen oder aussteigen? Das sind hier die Fragen …

Oh weh, du fröhliche

von Ines

„Dieses Jahr schenken wir uns mal nichts.“ An diesem Satz ist genauso viel Wahres wie an der Tatkraft eines Hamlets oder der Treue eines Don Juans. Trotzdem fällt er alle Jahre wieder, sicher nicht nur im Kreise meiner Familie. Und trotzdem stürzen wir uns alle Jahre wieder altruistisch mit dem Rest der Menschheit ins vorweihnachtliche Getümmel.

Kurz nach Neujahr, noch trunken von Champagner und Konsumrausch, beschließen wir im Angesicht der Berge an Schleifchen, Tütchen, Kärtchen, das nächste Mal ernsthaft enthaltsam zu bleiben. Im Frühling fällt uns der Entschluss wieder ein, wir gratulieren uns, dieses Jahr nicht zu den mit schlechtem Gewissen im Nacken und purer Panik in den Augen durch Kaufhäuser, Boutiquen, Buchhandlungen, Spielzeuggeschäfte, Delikatessenläden und Shoppingcenter stürmenden Massen zu gehören. Frühmorgens am 24. Dezember dann hämmert unweigerlich mit grimmiger Miene das Christkind an die Tür, wir zucken ertappt zusammen – und kapitulieren einmal mehr vor dem übermächtigen Druck einer konsumorientierten Gesellschaft, in der Liebe erkauft wird, ein neues Kleid die Seele tröstet und Freundschaft nichts so sehr erhält wie kleine Geschenke.

Rund eine Million Euro werden wir im Laufe unseres Lebens durchschnittlich ausgeben. Hochgerechnet auf Deutschland sind das mehr als achtzig Millionen. Dafür muss Angelina Jolie fünf Filme drehen oder knapp neun Mal Fotos von ihren Zwillingen zeigen. Damit könnte nicht mal ein Zehntausendstel von Spanien gerettet werden. Achtzig Millionen Euro der durch Planungsfehler entstandene Schaden beim Bau des Berliner Flughafens. Achtzig Millionen Euro für den Versuch, die Praktiker-Insolvenz aufzuhalten, 80 Millionen mehr in den Kassen der Öffentlich-Rechtlichen, 80 Millionen für 650 Kilo geschmuggeltes Kokain.

Wie immer also eine reine Frage der Perspektive. Was ist viel Geld, was ist wenig? Wo ist Geld sinnvoll investiert? Und wie schenkt Geld tatsächlich Freude? 34 000 Euro ist viel für den durchschnittsdeutschen Bürger, keine Frage. Andererseits: ein Dreißigstel der Gesamtsumme, die wir im Laufe unseres Lebens verprassen werden. Ein Dreißigstel davon nicht für schnelle Autos, schöne Häuser, sichere Rente oder sündige Schuhe auszugeben, sondern für den alljährlichen Versuch, die Menschen um uns herum zu beglücken – das Verkehrteste ist das nicht. Nur: Muss es immer alles an einem einzigen Tag sein?

Ich bin nicht gläubig, ich glaube, ich erwähnte es bereits. Darum bedeutet Weihnachten seit frühester Kindheit für mich vor allem eines: Geschenke. „Potlatch“, sagt mein Vater immer, und meint damit: viel zu viel. Was eben so zusammenkommt, wenn zwei Mal Eltern, zwei Mal Großeltern und fünf Mal Kinder jeder jedem zwei, drei oder vier zärtlich verpackte Präsente überreicht, was am Ende des heiligen Abends einen heiligen Haufen wollüstig zerrissenen grün-rot-golden glänzenden Papiers ergibt.

Ich bin ein Schenker, ich liebe Schenken (und bekomme natürlich auch gerne geschenkt). Doch ich tue mich schwer damit, auf Knopfdruck das perfekte Geschenk für Oma Lotte, Tante Gerda und die beste Freundin aus dem Ärmel zu zaubern. Also mache ich das, was ich immer mache: erst mal ganz lang gar nichts, dann ganz schnell alles auf einmal. Dass der Geschenkerausch so keinen Spaß macht, ist klar.

Die Lösung wäre, kurz nach Silvester anzufangen, um das gesamte Jahr zu nutzen. Damit tue ich mich allerdings auch schwer. Zum einen, weil ich mich zu diesem Zeitpunkt noch in der Verleugnungsphase finde („Dieses Jahr schenken wir uns wirklich nichts!“). Zum anderen, weil es Menschen gibt, die im März Listen mit Weihnachtsgeschenken anlegen, im Sommer beginnen, Geschäfte abzuklappern, Anfang Oktober alles beisammen und Mitte Oktober alles verpackt und mit Weihnachtskärtchen versehen haben. Die Arbeiten nie auf den letzten Drücker erledigen, mit 20 eine Berufsunfähigkeitsversicherung haben und mit 25 ein Eigenheim, weil Miete zahlen sich auf lange Sicht ja nicht lohnt. Kurz gesagt, Menschen, die in der Lage sind, über den Moment hinaus zu denken und zu handeln.

Und dann gibt es noch Menschen wie mich. Die alle Jahre wieder vergessen, dass irgendwann Weihnachten sein wird, die alle Jahre wieder von dieser Erkenntnis überrascht, überrollt werden, hilflos dastehen angesichts dieser alljährlich unvermeidlichen, aber irgendwie vorhersehbaren Naturgewalt. Für Menschen wie mich wurde der Satz erfunden: „Dieses Jahr schenken wir uns mal nichts.“ Und dieses Jahr ziehen wir das durch. Ehrlich.

 

Das Fest der Liebe

von Charlotte

Weihnachten, das Fest der Liebe. Nicht bei uns. Meistens bricht an Weihnachten das totale Chaos aus und irgendetwas läuft schief. Dennoch freue ich mich jedes Jahr aufs Neue darauf. Nicht auf das Chaos. Eigentlich nicht einmal Heilig Abend wegen, sondern eher, weil die Vorweihnachtszeit so wunderbar ist. Geschmückte Straßen, Weihnachtsmärkte, überfüllte Läden, die Vorfreude auf einen der wenigen Tage im Jahr, an dem wir alle zusammen sind, ich liebe das.

Beim Füllstatus der Geschäfte bin ich schmerzfrei: Wenn man vor lauter Kaufwütigen nicht mehr treten kann, geht mir fast das Herz auf. Das liegt aber vor allem daran, dass ich zu dieser Zeit schon alles hinter mir habe. Und es hat vielleicht auch ein bisschen was von Schadenfreude, weil es doch recht unterhaltsam ist, den teils panischen Einkaufsmarathon der Anderen mit anzusehen. Die Berufsunfähigkeitsversicherung habe ich noch nicht, das Eigenheim schaffe ich bis zu meinem 25. Lebensjahr auch nicht mehr, das liegt aber vor allem an meinem eigentlich ganz untypisch inkonsequenten Lebenslauf. Sonst gerne, ich hätte schon längst das Eigenheim bezogen und würde es mir jetzt vor meinem eigenen Kamin gemütlich machen. Die Weihnachtsgeschenke plane ich aber definitiv schon zum Sommerende.

Wenngleich mein finanzielles Spektrum begrenzt ist, zähle ich mich zu den Menschen, die nicht geizen, wenn es um das kleine Glück der Anderen geht. Ich werde gerne beschenkt. Noch lieber aber schenke ich selbst. Ich mache mir gerne Gedanken darüber, was andere erfreuen könnte, ich diskutiere alle möglichen Geschenk-Aspekte mit meiner Mutter und ich mache aus dem Verpacken ein Event. Die Geschenke habe ich soweit zusammen, verpackt sind sie aber noch nicht. Denn auch wenn ich gerne vorausschauend handle (was mir auch nicht immer gelingt), gehört das Verpacken für mich in die Weihnachtszeit. Das ist wie Plätzchenbacken, damit fange ich auch nicht schon im Sommer an. Kurz vor Weihnachten habe ich meist ein paar Tage frei und einen dieser Tage verbringe ich mit dem Geschenkeverpacken. Inzwischen haben es meine Verpackungskünste zu einer familieninternen Berühmtheit geschafft, gerne werden sie auftragsweise in Anspruch genommen. Das bringt ein Problem mit sich: Wenn ich mir dann aus Zeitgründen mal weniger Mühe geben würde, wären alle gleich enttäuscht. Was die meisten Beschenkten besonders tragisch finden ist, dass sie die Geschenke, um ihren Inhalt zu entdecken, aufreißen, das Kunstwerk zerstören müssen. Für mich ist das kein Problem: Zum einen weil ich darauf gefasst bin, zum anderen, weil ich die meisten Päckchen vor ihrer Verwüstung noch einmal fotografiere.

Ein Weihnachten ohne Geschenke kann ich mir gar nicht vorstellen (obwohl es sicherlich auch in unserer Familie einmal so kommen wird). Weihnachtsgeschenke haben nämlich nicht nur einen materiellen Wert. Sie sind auch eine Kindheitserinnerung. Als kleines Mädchen war Weihnachten etwas Magisches. Das sagenumwobene Christkind, das lange Warten auf die Bescherung, die Aufregung. Heute sind wir einige Jahre älter, an das Christkind glauben wir schon lange nicht mehr, aber Kinder sind wir immer noch und werden wir auch immer bleiben. Wir finden uns schon früh am 24. Dezember bei meinen Eltern ein, bereiten zusammen das Essen vor, schmücken den (inzwischen künstlichen) Weihnachtsbaum und schmeißen uns (unnötigerweise) in Schale, nur um uns später am Abend wieder in einem bequemeren Outfit vorzufinden. Das ist doch wunderbar! Und irgendwie ja doch ein bisschen „Fest der Liebe“.

Ein Gedanke zu “Huch, schon wieder Weihnachten

  1. Leser No 1 on 9. Dezember 2013 at 13:28 said:

    Jedes mal aufs Neue: Ein Gedankenschmaus für Hirn und Herz! Großartig, weiter so!

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