Kein Regen, keine Blumen.

Ohne all die nervenaufreibenden Situationen im Leben wüssten wir doch gar nicht, was es alles Schönes gibt. Fensterputzen kann auch toll sein. Warum? Eine Liebeserklärung an all die kleinen Dinge im Leben…

von Charlotte

Lange war es still, jetzt sind wir wieder da. Zumindest ein wenig öfter, so der Plan. Was für ein verrücktes Jahr. Voller Prüfungen, solche, die man in der Fachhochschule schreibt und solche, die das Leben ab und an für einen bereithält. Ich habe es überlebt und ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Selten habe ich etwas so Nervenaufreibendes wie die letzten drei Monate Fachhochschule erlebt. Zwischenzeitig habe ich sie für ein Sozial-Experiment unseres Psychologie-Dozenten gehalten, der testen wollte, wie lange es wohl dauert und wie viel Stress es wohl braucht, bis wir Studenten uns gegenseitig zerfetzen. Bisher hat der gute Mann sich nicht zu erkennen gegeben, vielleicht ist dieses wahnsinnig studentenfeindliche Studium doch bloß eine Laune frustrierter Prüfungssteller. Am ersten Tag dieses Studienabschnitts (man kündigte ihn uns schon ein Jahr zuvor mit den Worten an „im nächsten Jahr können Sie sich von Ihren Hobbies komplett verabschieden. Wenn sie dann auch noch die sozialen Kontakte reduzieren, könnten Sie es schaffen!“) dachten wir noch: Es sind doch nur drei Monate. Eine Woche später lagen unsere Nerven schon blank, die Überforderung stand uns ins Gesicht geschrieben, der ein oder andere verzichtete sogar schon auf ToDo-Listen. Sie seien zu frustrierend, man käme eh nicht hinterher. Die ersten Selbstschutzmaßnahmen sozusagen.

Aber wie gesagt: wir haben es überlebt. Und eines haben wir tatsächlich gelernt in dieser kurzen Zeit: auch Fensterputzen kann glücklich machen. Im Sommer sagte ich zu meiner Lieblings-Kommilitonin: „wenn man sich schon drauf freut, am Ende des Jahres endlich wieder Zeit fürs Fensterputzen zu haben, dann ist man schon tief gesunken.“ Ihr könnt euch vorstellen, wie meine Fenster aussehen!

Wir haben zwei Wochen Prüfungsphase hinter uns, alle zwei Tage Klausuren, Prüfungen über zehn Fächer, es war ein Fest der (negativen) Gefühle und ich möchte mich an dieser Stelle einmal schützend vor alle Studenten werfen, die sich immer wieder anhören müssen, was das Studentenleben doch für eine tolle Zeit sein muss. Nein, ist es nicht. Wir waren nicht mehr feiern, wir haben unsere Freunde kaum noch gesehen, wir haben selbst den freien 11.11. (im Rheinland so eine Art hochheiliger Feiertag) in der Fachhochschule verbracht, um Hausarbeiten zu schreiben, wir haben zum Einschlafen das SGB gelesen, wir haben uns wie empfohlen von unseren Hobbies verabschiedet, haben den Fernseher nur noch für die Nachrichten angeschaltet und uns immer wieder gesagt „es sind doch nur drei Monate“.

Es gab diese Momente, in denen ich mir Sonntage wünschte, an denen ich mich in meine Kuscheldecke einmummele und einfach drei sinnlose Filme hintereinander schaue. Ich wünschte mir Tage, an denen Zeit genug wäre, in Ruhe den Hausputz zu machen. An denen wir ins Schwimmbad fahren oder ich meine Eltern und Großeltern besuchen könnte. An denen ich meinen Freunden nicht sagen musste „ich kann nicht, ich muss lernen“ (merkwürdigerweise glaubt einem das keiner…). An denen ich ohne Eile durch die Stadt bummeln oder mir einen Kino-Besuch gönnen könnte. Ich habe Sorge, die Eil-Losigkeit verlernt zu haben! Es ist früh morgens und wahnsinnig ungewohnt, einfach das tun zu können, worauf ich Lust habe. Das Skurrile ist: wir sind an so viele Regeln gebunden, ob geschriebene oder ungeschriebene. Und trotzdem habe ich mich nie freier gefühlt als jetzt. Was mir das sagt? Es sind eben doch die kleinen Dinge im Leben, die es sich zu genießen lohnt und die einen glücklich machen, eine Unterhaltung, ein Stück Kuchen, ein Spaziergang, ein gutes Buch. Vor allen Dingen ist es aber: Zeit!

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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