Kino, Kunstwelt und Klischees

Wer ins Kino geht, weiß, was er sich erwartet: im besten Fall ein paar unterhaltsame Stunden, im individuellen Fall Spannung, Grusel, Action, Blut, Spaß, Liebe oder Heiterkeit. Manchmal allerdings geht man ins Kino und merkt rasch, was einen erwartet. Immer dasselbe nämlich. Immer dieselben Kulissen, Charaktere, Klischees. Gähnende Langeweile also – oder beruhigende Erfüllung unserer Sehnsüchte?

„Hab ich’s doch gleich gesagt!“

von Ines

Es gibt Klischees und es gibt Klischees. Ich möchte das gerne erläutern.

Ein Klischee ist es, wenn am Ende einer Geschichte alle glücklicher sind als am Anfang (zumindest die Guten).

Ein Klischee ist es auch, wenn überhaupt ein Ende der Geschichte existiert – ein geschlossener Schluss, ein ideales und erstaunlich ungebrochenes Happy End.

Ein Klischee ist es, wenn Leute das tun, was man von ihnen erwartet, wenn sie so aussehen, reden, handeln, wie man es in jedem Moment von ihnen annimmt.

Ich gehe sehr gerne ins Kino. Ich mag das, weil ich mich dort wohlfühle, gerade in diesen kruschteligen, kleinen Kinosälen, ich mag das, weil mir die Atmosphäre gefällt, weil es mir gefällt, wenn ein gut gefüllter Raum voller Menschen gemeinsam amüsiert und fasziniert wird, überrascht, erschüttert und berührt wird, gemeinsam lacht, gemeinsam weint, gemeinsam trauert, schauert oder erschrickt. Ich mag es, wenn nach dem Abspann alle gemeinsam minutenlang wie paralysiert auf ihren Sitz gefesselt sind, dann gemeinsam den Saal verlassen, immer noch völlig im Bann dessen, was auf der Leinwand gerade passiert ist, wenn sich all diese Kinobesucher in der ganzen Stadt verteilen und den Rest des Abends nicht in der Lage sind, an etwas anderes zu denken, über etwas anderes zu reden, schließlich einschlafen, einer nach dem anderen, und im Traum das Gesehene, das Quasi-Geschehene weiterspinnen. Was ich nicht mag? Wenn ein Raum voller Menschen gemeinsam unauffällig das Handy zückt, um herauszufinden, wie viele der angekündigten 127 Minuten wohl schon vergangen sind, gemeinsam gähnt, gemeinsam einschläft und am Schluss gemeinsam den Saal verlässt mit den Worten: „Hab ich’s doch gleich gesagt!“

Zwei der Filme, die ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe, waren: Blue Jasmine und Sein letztes Rennen.

Was beide Filme eint: Sie berühren zuweilen, sie amüsieren zuweilen, sind zuweilen lustig und traurig. Was sie auch vereint: Sie benutzen zuweilen Klischees. Was sie unterscheidet: Bei Blue Jasmine ist das egal. Bei Sein letztes Rennen nicht. Sein letztes Rennen hat ein großes Problem. Jeder Zuschauer, der nicht zum ersten Mal in seinem Leben im Kino ist, weiß genau, was passieren wird. Permanent.

Der Film macht es sich selbst schwer, weil die Kulisse ein (nicht mehr ganz so) neo-populäres Film-Klischee ist: das Altersheim. Weil die Figuren Klischees ihrer selbst sind, perfekt passend zur Szenerie: der sture Alte, das treue Weib, die verlorene Tochter, der erbitterte Gegner, die spießige Bastelgruppen- und Kirchenchor-Vorsitzende, die spaßbefreite Heimleiterin, der rebellische Pfleger … Und weil sie alle genau das tun, was diese Charaktere immer tun: Die Frau steht ihm zur Seite, stirbt später aber leider, die Tochter wird häuslich, der Gegner wird zum Retter, die Heimleiterin ist eigentlich doch ganz nett. Und der Alte? Kommt natürlich in und an sein Ziel.

Blue Jasmine zeigt, dass es auch anders geht. Auch Blue Jasmine enthält Klischees, spielt sogar mit ihnen. Das Trophy Wife, im freien Fall von ganz oben nach ganz unten. Ihr zwielichtiger Ehemann, der die Welt um Milliarden betrügt und seine Frau mit dem französischen Au-Pair, mon Dieu. Der Diplomat, der ihr Tor zurück in die High Society sein soll. Ja, selbst der Zahnarzt sieht aufs Haar aus wie mein eigener Zahnarzt: dunkelhaarig, ein wenig pausbäckig, auf der Nase eine Schuljungen-Brille.

Was beweist: Natürlich bergen Klischees stets ein mal mehr, mal weniger üppiges Quantum an Wahrheit in sich, genauer: basieren auf Wahrheit, auf Wirklichkeit. Und natürlich haben Klischees ihre Berechtigung, genauso wie Berufsunfähigkeitsversicherungen, Sudoku-Weltmeisterschaften oder Tage der offenen Tür regionalgeschichtlicher Archive. Sie alle haben ihren Sinn, Zweck und ihre Zielgruppe. Doch man sollte sie nicht zum Zentrum seines Lebens machen, nicht zum Zentrum des Handelns, Denkens und Tuns.

Woody Allen weiß das. Darum spielt es bei Blue Jasmine keine Rolle, was passiert. Es geht nicht darum, wie der Film endet, denn er endet nicht. Es geht nicht darum, ob am Schluss alle glücklich sind, denn es gibt keinen Schluss und es gibt kein Ever After. Es geht bei einem guten Film, bei einer guten Geschichte nicht darum, sein Publikum so oft wie möglich eiskalt zu erwischen. Es geht darum, sein Publikum nicht zu langweilen. Das ist die Kunst – jenseits des Klischees.

 

Offenbar berechenbar

von Charlotte

Wann ich das letzte Mal im Kino war, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich glaube, es war mit dir Ines, in Gangster Squad, erinnerst du dich? Das ist inzwischen schon eine ganze Weile her. Auch ich gehe eigentlich gerne ins Kino, da es in der Bornheimer Peripherie aber kein wirklich nahes Kino gibt, schaffe ich es erstaunlich selten in eines.

Als großer und bekennender Fan von romantischen Komödien nehme ich berechenbare Handlungen relativ bewusst in Kauf. Tatsächlich beginnen die meisten Filme gleich und enden auch genauso, wie ich es erwartet habe. Bei manchen Filmen finde ich das unglaublich nervend, bei anderen stört es mich nicht, weil das Dazwischen so charmant und amüsant verpackt ist. Ab und an sehe auch ich mir gerne Filme an, die einen tieferen Sinn, irgendeine Botschaft und eine komplexere Handlung haben. Meistens bin ich aber ganz dankbar dafür, meinen Kopf nicht unnötig belasten und für ein paar Stunden ganz bewusst abschalten zu können. Und das funktioniert bei wenig anspruchsvollen und dafür umso berechenbareren Filmen einfach am besten.

Ich habe in der Uni mal ein Seminar besucht, in dem es um Drehbücher ging. Es gibt eine Theorie, nach der alle Filme gleich aufgebaut sind. Sie beginnen immer auf die gleiche Weise, sie haben immer den gleichen Zwischenteil und gewissermaßen auch das gleiche Ende. Wir haben allerlei Filme aus den unterschiedlichsten Genres zusammengetragen und tatsächlich festgestellt, dass jeder Film genau so aufgebaut ist, heile Welt trifft auf Konflikt und findet sich in irgendeiner Form von Konfliktlösung wieder. Was diesen Aufbau anbelangt ist also ohnehin jeder Film (oder zumindest ein beachtlich großer Teil) berechenbar. Und auch die Charaktere haben häufig Parallelen. Langweilig wird es dann, wenn man genau weiß, was als nächstes gesagt wird.

Manchmal ärgere auch ich mich, weil ich alles genau vorhersehen kann und wünsche mir dann etwas mehr Einfallsreichtum seitens der Filmemacher. Auf der anderen Seite funktionieren viele Filme einfach trotzdem sehr gut oder vielleicht auch gerade deshalb. Nicht zuletzt die romantischen Komödien leben auch ein bisschen von ihrer Offensichtlichkeit und ihren Happy Endings. Und solange es sie gibt, weiß ich, dass es auch noch genügend romantisch denkende Zuschauer außer mir gibt und genügend Menschen, die an bedingungslose Liebe und Happy Endings glauben.

Ein Film kann noch so berechenbar sein: Solange ich im Anschluss das Gefühl habe, er war einnehmend, unterhaltsam, lustig, ablenkend, spannend, solange ich mich nicht bewusst über seine Berechenbarkeit geärgert oder Langeweile empfunden habe, kann es trotzdem ein guter Film gewesen sein.

Und eines muss man ja auch mal zugeben: Besonders spannende Filme können bisweilen auch recht anstrengend für das eigene Nervenkostüm sein. Mit dem Grundgedanken im Hinterkopf „nein, die Hauptfigur kann nicht schon nach 20 Minuten sterben“ lässt es sich doch zugegebenermaßen entspannter Filme schauen, oder?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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