Leistungsshow Leben

Können wir nicht mehr genießen, weil wir nur noch damit beschäftigt sind, uns selbst zu optimieren? Weil wir uns lieber gesund ernähren und unablässig Sport treiben, statt alles ein wenig entspannter zu sehen? Ist Selbstoptimierungswahn der neue Magerwahn? Wieso gesund leben auch zur Belastung werden kann.

Genuss und Verlust

von Charlotte

Ich bin nicht besonders gut im Genießen, das gestehe ich. Ich mache mir permanent Sorgen und Gedanken um irgendwas. Die Schulzeit habe ich nicht sonderlich genossen (wenngleich ich sie geliebt habe), weil ich mich oft selbst einem unnötigen Druck ausgesetzt habe. Die Uni-Zeit habe ich nicht richtig genossen, weil es mir in erster Linie darum ging, halbwegs in der Regelstudienzeit durchzukommen. Die Berufszeit habe ich bisher wenig genossen, weil sich finanziell zwischen Uni und Beruf erschreckend wenig getan hat. Aber eines genieße ich wirklich: Essen!

Es gibt kaum etwas Besseres, als ein leckeres Essen, wenn man so richtig Hunger hat. Und ich gestehe noch etwas: Gesund ist das nicht immer. Ich versuche zwar, mich bewusst zu ernähren, ich verschmähe Fast Food Restaurants, ich esse auch gerne Obst und Gemüse. Aber ebenso gerne esse ich Schokolade und Pasta mit Sahne-Sauce. Na und? Ich habe keine Lust, mich dauernd verrückt zu machen, überall darauf zu achten, dass ich bloß nichts Ungesundes esse. Was ist schon gesund? Sich auf einmal nur noch von Tomaten zu ernähren wahrscheinlich auch nicht! Ich habe dabei einen entscheidenden Vorteil, der gleichzeitig auch ein Nachteil ist (dazu später mehr): ich kann es mir erlauben. Ich wurde genetisch scheinbar sehr günstig ausgestattet, sodass ich nie wirklich auf meine Figur achten und immer schon essen konnte, was ich wollte. Es graut mir allerdings vor dem Tag, an dem sich mein Hormoncocktail aus irgendwelchen Gründen verändert und ich die erste Diät meines Lebens werde machen müssen.

Was der Nachteil dabei ist, keinen Jojo-Effekt zu kennen, mit Low-Carb und Kohlsuppendiät nichts anfangen zu können? Ich habe manchmal Appetit auf Salat! Das klingt komisch, aber neben Pasta bin ich auch ein echter Salat-Fan. Frisches, knackiges Gemüse, leckere Salatsaucen oder auch die ultimative Verschmelzung der beiden geliebten Nahrungsmittel: Nudel-Salat. Das hat aber in keiner Weise etwas mit gesunder Ernährung zu tun, ich esse Salat einfach gerne. Punkt. Das Problem dabei: So wie Übergewichtige an der Supermarktkasse schief angeguckt werden, weil sie Chips und Schokolade aufs Band legen, werde ich schief angeguckt, wenn wir aus essen gehen, weil ich – trotz meiner schlanken Körperausmaße – einen Salat bestelle. „Aha, sie ist wohl eine von denen, die Kalorien zählt.“, denkt sich bestimmt so Mancher.

Tue ich nicht! Denn dafür esse ich eben auch viel zu gerne allerlei anderes Zeug und backe sehr, sehr gerne. Ich backe keinen Kuchen und mache mir schon vorher Gedanken darüber, wie viel Sport ich treiben muss, um diese Kalorien wieder los zu werden. Ich backe ihn, weil mir der Sinn danach steht, weil ich Lust auf einen leckeren Kuchen habe und weil mir eben sonst niemand einen Kuchen backt.

Was ist nur unsere Genussgesellschaft geblieben? Manchmal habe ich den Eindruck, aus meinem menschlichen Drumherum ist eine einzige Leistungsshow geworden, die nur noch ein Mantra kennt: Selbstoptimierung. Zu jeder Zeit, an jedem Ort, immer und überall. Das macht doch keinen Spaß. So viele Koch- und Backblogs es im Netz gibt, so viele Fitness-, Low-Carb- und Gesundheitsblogs gibt es. Ich habe einen Bekannten, der mir regelmäßig erzählt, wie viel Sport er schon gemacht hat (und das um zehn Uhr morgens), wie viel er noch machen wird (um acht Uhr abends) und was für wunderbar gesundes Essen er sich kocht. Erwische ich ihn dann mal mit einer Portion Pommes, rechtfertigt er sich am nächsten Tag dafür. Ist das normal? Muss man sich wirklich dafür rechtfertigen, dass man einfach mal etwas gemacht oder gegessen hat, weil einem der Sinn danach stand? Ich glaube, Fitness und gesunde Ernährung können süchtig machen. Aber eine Sucht ist meist nichts Gutes. Und wie diverse Fälle belegen, bewahren einen Sport und gesunde Ernährung noch lange nicht vor Herzinfarkten, Schlaganfällen, Knochenleiden und Co. Wer viel Sport treibt und sich gesund ernährt, lebt länger. Wie lange sollen wir denn leben? Und wer schreibt mir eigentlich vor, dass ich ewig lange leben will? Was, wenn es mir im Alter – trotz Sport und gesunder Ernährung – schlecht geht, und ich es bereue, dafür mein gesamtes Leben lang allem Genuss, allem Faulsein Einhalt geboten zu haben?

Sportlicher, gesünder, besser! Früher wollten Mädchen nur dünn sein, heute wollen sie fit sein, gesund sein, schön sein. Selbstoptimierungswahn ist der neue Magerwahn. Wenn ich permanent damit beschäftigt wäre, Sport zu treiben, im Supermarkt diszipliniert einen großen Bogen um die Süßigkeitenabteilung zu machen und mit Freunden nur noch in Restaurants gehen zu können, die sich ausschließlich gesundem Essen verschrieben haben, dann hätte das Leben für mich kaum noch eine erfreuliche Komponente. Ich fände das unglaublich anstrengend. Man darf doch auch genießen können, oder? Wir wurden nicht umsonst mit einem Geschmackssinn ausgestattet. Und unsere Muskeln dienen nicht nur dazu, uns jeden Abend im Laufschritt durch den Park zu bugsieren, sondern auch um mit anderen zu lachen, zu tanzen, Spaß zu haben.

 

Krankhaft gesund?

von Ines

Die Frage lautet wohl weniger: Können wir nicht mehr genießen? Sondern vielmehr: Dürfen wir noch genießen? Tatsächlich wird es heutzutage mit Argwohn betrachtet, mit Misstrauen bedacht, wenn es einem Mitmenschen schlichtweg egal ist, wie schlank, schön, fit und gesund er ist. Vegetarisch war gestern, heute lebt man vegan – oder gleich nur noch von rohem Zeug, von Nahrung, mit der schon die Steinzeitmenschen nicht gerade alt wurden, oder von grasgrünen Smoothies. Raw Food, Paelo, Detox oder was auch immer, letztlich läuft es auf dasselbe hinaus: auf Beschränkungen, Einschränkungen, Grenzen. Darauf, nicht einfach zu tun und zu essen, wonach einem der Sinn steht.

Wer sich durch die Welten und Weiten des Internets wühlt, stellt eine Tendenz fest: weg von wahlloser Ästhetik hin zum knallharten Konzept. Statt drei Löffeln gemischter Beeren zu einem Löffel Joghurt, verziert mit drei Getreidekörnern (Frühstück), einem kleinen Stück Fisch, angerichtet auf einem großen Blatt Spinat (Mittagessen) sowie liebevoll mit Karottenscheibchen dekoriertem Kohlrabi (Abendessen) gibt es jetzt Hypes. Ob Ernährung oder Fitness, für alles existiert ein Programm, ein Plan, eine Liste, mit Dos and Don’ts, mit detaillierten Rezepten und ausgeklügelten Trainingszielen. Nichts wird mehr dem Zufall überlassen im neuen Spiel aus Wahn und Wahnsinn.

Denn ja: Auch das Streben nach Gesundheit kann krankhaft werden. Wie alles, was übertrieben wird, was obsessiv wird, was vor lauter Regeln und Maßregeln keinen Raum mehr fürs Leben lässt. Orthorexia nervosa heißt diese nicht-mehr-ganz-neue Form der Essstörung. Während die lahmen Hunde früher lediglich mit sämtlichen Mitteln versuchten, so dünn wie möglich zu sein, versuchen wir heute mit wortwörtlich ganzer Kraft alles auf einmal: nicht nur schlank, sondern auch straff und stark, energiegeladen, topfit und unerträglich gesund. Wer keine Muskeln vorzuweisen hat, keine Top-Leberwerte, einen fantastischen Blutdruck und einen unterirdisch niedrigen Cholesterinspiegeln, der hat den Gong der Selbstoptimierungsstunde wohl überhört.

Nun ist eine Diskussion über die Vor- oder Nachteile des Schlank- und Fitseins aus meinem Mund natürlich ziemlich so, wie wenn ein Analphabet darüber redet, ob Goethe gnadenlos überschätzt wird. Ich bin, anders als Charlotte, weder besonders schlank noch besonders fit. Ich esse, ebenso wie Charlotte, gerne Salat, am liebsten jedoch zu Ziegenkäse, zu einer Scheibe Brot – oder zu einer Pizza. Und wer jetzt denkt, so kann das ja auch nichts werden, der hat natürlich Recht. Kann es nicht. Und wird’s auch nicht. Aber was denn überhaupt? Irgendwie verliert man bei diesem Thema allzu schnell den Fokus. Vergisst, wozu, wieso und warum man etwas macht – und für wen eigentlich nochmal?

Da lobe ich mir F, der für dieses Problem eine ganz einfache Lösung gefunden hat: Nachdem er bei den ersten Sonnenstrahlen des Jahres feststellen musste, dass sämtliche T-Shirts um die Leibesmitte herum allzu eng saßen, fasste er einen monumentalen Entschluss. Nein, er setzte sich weder auf strenge Diät noch fünf Mal die Woche auf den Hometrainer. Er kaufte sich einfach neue T-Shirts – eine Nummer größer.

 

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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