Let’s talk numbers!

Sollten wir mit Freunden, Kollegen, dem Partner über Geld sprechen?

Oder lieber doch nicht? Ob man mit Kollegen, Freunden, Partner über die Nullen auf seinem Gehaltzettel reden sollte, bei dieser Frage scheiden sich die Geister. Über Geld spricht man nicht, bei Geld hört die Freundschaft auf, und lieber reich und gesund als arm und krank? Zum Thema Moneten gibt es viele Meinungen. Hier exklusiv und noch nie dagewesen: die unsrigen.

Unwissen ist ein sanftes Ruhekissen

von Ines

Kürzlich suchte die taz einen Chef vom Dienst. Ich mag die taz, weil die Chefredakteurin Ines heißt, weil sie alternativ ist (die taz, nicht die Chefredakteurin, aber die wahrscheinlich auch), und weil sie (die taz, nicht die Chefredakteurin) manchmal von nicht-sympathischen Menschen verklagt wird, das gefällt mir. Aus Neugierde klickte ich die Anzeige an, in der es hieß, dass die Stelle nach Haustarif 5 bezahlt wird. Aus Neugierde klickte ich dann die Tabelle an, in der man herausfindet, was Haustarif 5 bedeutet: mit fünf, sechs Jahren Berufserfahrung 1886,50 Euro. Brutto. Plus mögliche Zulagen.

Wahrscheinlich ist die taz das einzige Unternehmen, das seine Gehaltszettel derart öffentlich machen kann, ohne dass der Aufstand geprobt wird und eine Neidwelle das Büro überflutet. Zwar verdienen alle wenig. Aber alle ungefähr gleich wenig. Zwischen der niedrigsten Stufe und der höchsten liegen keine tausend Euro Unterschied. Brutto. Das ist, man muss es neidlos anerkennen, Genossenschaftsfairness vom Feinsten.

Nicht ohne Grund gehört es in den meisten anderen Unternehmen zur vertraglichen Standardfloskel, dass über das Gehalt strengstes Stillschweigen zu bewahren ist. Nichts ist schädlicher für die Motivation als das Wissen, dass der Kollege vom Schreibtisch gegenüber, der den ganzen Tag nichts anderes macht, als mit seiner Mutter zu telefonieren, in der Nase zu bohren und Sudokus zu lösen, 285,30 Euro mehr im Monat nachhause trägt als man selbst. Schließlich glauben wir doch so ziemlich alle, dass wir unseren Job so ziemlich am besten, fleißigsten und gewissenhaftesten erledigen. Folglich dürfte, wenn es gerecht zugeht (was auf der Welt leider selten der Fall ist), so ziemlich niemand auch nur einen Cent mehr verdienen als wir selbst.

Was schon im Kollegenkreis beunruhigt, ist im Privaten fatal. Denn Geld ist völlig relativ. Jeder hat verschieden viel, jeder braucht verschieden viel. Für den einen zählt es zu den unverbrüchlichen Grundrechten, drei Mal im Jahr an einem exotischen Ort Urlaub zu machen. Für den anderen wäre ein Leben ohne schnelle Autos und flachbildige Fernseher undenkbar. Ein dritter wiederum fühlt sich rundum wohlversorgt, solange er die Miete für sein WG-Zimmer – zwölf Quadratmeter, Küchenmitbenutzung – zahlen kann.

Ich weiß von allen guten Freunden im Groben, was sie verdienen. Und sobald man Vergleiche hat, ordnet man sich ein. Darum fühle ich mich fast immer schlecht. Ich verdiene mehr als die meisten, die in derselben Branche arbeiten, aber weniger als die meisten, die in anderen Branchen arbeiten. Darum habe ich Gewissensbisse gegenüber den einen, weil ich doch gar nicht mehr geleistet habe als sie, fühle mich benachteiligt gegenüber den anderen, weil ich doch gar nicht weniger geleistet habe als die. Eine klassische Lose-Lose-Situation.

Global betrachtet bin ich wohl so mittendrin. Fair ist das aber nicht, soviel ist klar. Im Vergleich zu Krankenpflegern, Rettungskräften oder Erziehern bin ich hoffnungslos überbezahlt. Im Vergleich zu Unternehmensberatern, Investmentbankern und Fußballern finde ich mich gnadenlos unterbezahlt. Nur: Was nutzt mir diese Erkenntnis? Und nach welchen Maßstäben wird fair überhaupt definiert? Ist es fair, wenn am meisten bekommt, wer am fleißigsten arbeitet? Ist es fair, wenn am meisten bekommt, wer am längsten studiert hat? Ist es fair, wenn am meisten bekommt, wer am besten verhandelt? Ist es fair, wenn am meisten bekommt, wer den stressigsten Job hat? Den nervigsten Job hat? Den härtesten Job hat? Die beste Leistung erbringt? Die größte Verantwortung trägt? Die meisten Menschen beglückt? Die sinnvollsten Aufgaben erfüllt? Am meisten zum Allgemeinwohl beiträgt? Wie viel ist ein Lehrer wert? Ein Krankenpfleger? Ein Chirurg? Ein Intendant? Ein Ingenieur? Ein Politiker? Wie viel ist eigentlich der Papst wert? Und was ist ein wahrhaft nützlicher Job?

Solange unklar bleibt, was für wen eine faire Bezahlung wäre, ist jedes Gehalt unfair. Und solange ist es mir persönlich lieber, in meinem eigenen Süppchen halbwegs zufrieden zu sein, als permanent neidisch über den Tellerrand zu starren. Vielleicht bewerbe ich mich ja mal bei der taz. Dann weiß ich zumindest, was ich wert bin: Soviel und so wenig wie jeder andere. Ist doch fair, finde ich.

 

Vergleich macht reich?

von Charlotte

In einer Werbung heißt es „Vergleich macht reich“. Das mag für Versicherungen womöglich zutreffen, geht es ums Gehalt, trägt diese vermeintliche Weisheit nur noch wenig. Denn – da gebe ich dir Recht, Ines – aus einem Gehaltsvergleich gehe ich meistens eher deprimiert hervor als motiviert. Ich bin von Natur aus ein sehr bescheidener Mensch und stelle meine „Fähigkeiten“ nie über die anderer. Im Gegenteil, ich neige eher zum Tiefstapeln, was wiederum zur Folge hat, dass ich für gewöhnlich sehr unsicher bin und oft das Gefühl habe, ich könne so richtig eigentlich eh nichts. „Du schreibst doch nur Texte“ musste ich mir einmal von einer Person anhören, die nicht unerheblich zu verantworten hat, dass ich ein inzwischen sehr negatives Bild von der Branche habe, der ich bisweilen angehöre. Richtig, ich schreibe nur Texte. Sie möglichst fehlerfrei und in einer Weise zu verfassen, die potenziellen Lesern zumindest halbwegs eine Freude macht, übersteigt aber durchaus schon andern Leutes Fähigkeiten.

Aus meinem Gehalt habe ich eigentlich nie ein Geheimnis gemacht. Das liegt vor allem daran, dass man das Gehalt der anderen zumeist nur dann erfährt, wenn man auch sein eigenes offen legt. Und da meins für gewöhnlich unter dem der anderen liegt, haben die meisten auch kein Problem damit, mir ihres zu offenbaren. Wüsste ich nicht um die Gehälter der anderen, ginge es mir vielleicht besser, aber ich wüsste nicht, was ich potenziell verdienen könnte und würde mich gehaltstechnisch vermutlich ein Leben lang unter den Scheffel stellen.

In einer Partnerschaft sind die Gehälter erst dann relevant, wenn man ein gemeinsames Leben plant. Eine gemeinsame Wohnung, vielleicht eine Heirat oder ein Hausbau. Oder wenn man den anderen als arme Bafög-Empfängerin mitfinanzieren muss, um an den gemeinsamen Wochenenden etwas auf dem Teller zu haben (das ist mir so jedenfalls schon mal passiert!). Über Geld spricht man nicht, heißt es. Wieso eigentlich? Weil es erschreckend wenig sein könnte? Weil es verstörend viel sein könnte? Weil man einfach Geheimnisse haben will? Weil man um Neid fürchtet? Oder darum, sich vor anderen als gesellschaftlicher Versager zu outen? Kurioserweise habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass ausgerechnet die, die wenig verdienen, kein Geheimnis daraus machen. Dabei müssten – aus gesellschaftlicher Sicht – doch gerade die (mich eingeschlossen) theoretisch am wenigsten Gründe haben, ihr Gehalt offenzulegen. Tatsächlich aber besteht bei einem geringen Gehalt viel eher die Notwendigkeit, insbesondere mit dem Partner darüber zu reden.

Wer viel Geld hat, wer möglicherweise sogar zu viel Geld hat, muss sich ohnehin weniger Sorgen machen, während weniger Geld gleichzeitig einen gewissen Kalkulationsbedarf mit sich bringt. Und vor allem, wenn die Gehälter der beiden Partner stark voneinander abweichen, besteht Redebedarf. Denn unterschiedliche Gehälter verursachen fast zwangsweise die Kollision zweier komplett verschiedener Lebensweisen. Das kann mitunter anstrengend und auch problematisch sein. Würde man nicht gerne gleichviel in die gemeinsame Zukunft investieren können? Gleichwertigkeit innerhalb einer Beziehung hat nämlich – so meine ich – auch etwas mit dem Gehalt zu tun. Fühlt sich nicht der Geringverdienende dem Vielverdienenden gegenüber immer irgendwie verpflichtet? Und andersherum der Vielverdienende dem Geringverdienenden gegenüber immer irgendwie verantwortlich? Was das wieder einmal zeigt: Geld macht doch glücklich. Oder zumindest ein Stück weit unbeschwerter und unkomplizierter. Dass beide Partner gleich viel verdienen, trifft in Deutschland gerade einmal auf jede vierte Beziehung zu. Wer von beiden meistens besser verdient, muss ich wohl kaum erwähnen. Und je größer der Gehaltsunterschied, desto größer auch das Konfliktpotenzial. Also lieber nicht drüber reden? Doch: Denn Geheimnisse – zumindest solche, die die Beziehung gewissermaßen tangieren – machen eine Partnerschaft auch nicht gerade besser.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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