Wiki-Wissen für alle

Wiki wer? Schon die Sesamstraße sang von den drei großen Ws: Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm! Heute fragen wir am liebsten die drei kleinen ws: 72 % aller Internetnutzer vertrauen auf Online-Lexika, vermeldete das Bundesamt für Statistik 2012. Wikipedia macht das Leben leichter, vielleicht auch oberflächlicher. Sollten wir uns lieber zurück in die Tiefen und Untiefen von Bibliotheken stürzen? Oder ist es legitim, zu nutzen und auszunutzen, was praktisch, wenn auch nicht völlig zuverlässig ist?  Können Millionen Ameisen irren?

„Ein Onlinelexikon ist eine Datenbank, die als abfragbare Inhalte ein elektronisches Lexikon […] anbietet, und die ,online‘ (im Internet) bereitgestellt wird“, so definiert das bekannteste Werk dieser Art sich selbst und seine Verwandten. Klingt überzeugend? Sollte es auch – denn schließlich nutzen wir alle am liebsten Wikipedia und Konsorten, um herauszufinden, wann eigentlich Johann Sebastian Bach geboren wurde, was ein Kawasaki-Syndrom ist, wie viele Einwohner Reykjavík und wie viele Beine ein Tausendfüßer hat. Und das Wichtigste: Wir glauben, was wir dort lesen. Meistens. Der berüchtigte elfte Vorname des Freiherrn zu Guttenberg, der Seigenthaler-Skandal, durch den ein Journalist als Verdächtiger der Kennedy-Morde gebrandmarkt wurde: Die Wiki-Fehler haben es ins Reich der Legenden geschafft.

Dabei ist das System, Infos von vielen, über viele und für viele zu sammeln, extrem effektiv und erfolgreich. Wiki-Wissen für alle. Hatten wir früher allein aus Prestigegründen unseren Brockhaus im Regal stehen, sind die Lederbände mit Goldschnitt heute genauso vom Aussterben bedroht wie der Schneeleopard oder das Wattenmeer. Letztes Wochenende habe ich meine Eltern besucht, sie kamen mir entgegen mit einer Plastikbadewanne voll hübscher blauer Bücher: „Kannst du die gebrauchen? Sonst kommen sie in den Bücherschrank!“ (Diese nette, nützliche Erfindung, bei der öffentlich Literatur getauscht wird – und die es bald auch nicht mehr gibt, weil nur noch E-Books in Foren ihre Besitzer wechseln.) Viel Glück damit, ich brauch sie nicht. Bin ja gerade selbst am Überlegen, ob mein zwanzigbändiges ZEIT-Lexikon noch einen anderen Sinn hat, als farbige Ordnung in mein kunterbuntes Bücherregal zu bringen. Falls es jemals einen anderen Sinn hatte; hineingeschaut habe ich zwei Mal. Einmal, um für ein Referat herauszufinden, ob irgendwas über Alfred Hitchcock drinsteht, was nicht auf Wiki zu finden ist (nein), das zweite Mal gerade eben, um nachzusehen, ob man tatsächlich Tausendfüßer statt Tausendfüßler sagt (beides ist richtig).

Vor allem in Deutschland können und wollen wir auf das Mitmach-Lexikon nicht mehr verzichten. Die deutsche Version ist nach der englischen die weltweit ausführlichste, mit mehr als einer Million Artikel. Und mit dem Hochkaräter Encyclopædia Britannica kann Wikipedia durchaus mithalten: Im direkten Vergleich schnitt der Umsonst-Unterricht kaum schlechter ab. Dass trotzdem immer wieder grobe Schnitzer auftauchen, liegt daran, dass a) zu wenig Leute mitmachen und b) teils die falschen. Wikipedia wächst, die Autorenzahl nimmt ab. Nicht nur neue Artikel müssen verfasst, nein, auch die vorhandenen aktualisiert, überarbeitet, erweitert sowie vor Vandalen und Skandalen behütet werden. Ob Wahlkampf via Wikipedia oder Sperrdrohungen durch den Geheimdienst: Wirbel um Wiki gibt es ständig. Dass nämlich Junge, Alte, Schlaue, Dumme, Gebildete, Ungebildete, ernsthafte Mitarbeiter und scherzhafte Kekse gleichermaßen ihr Wissen, oft auch Vermutungen, Ansichten, Meinungen, mit der Menschheit teilen können, ist eine gewagte Idee – die erstaunlich gut funktioniert. In Anbetracht aller Möglichkeiten zum Unfug ist die Fehlerquote sensationell gering und unsere Treue gerechtfertigt. Vertrauen, erklärt Wikipedia, ist „die subjektive Überzeugung (auch Glaube) von der Richtigkeit, Wahrheit bzw. Redlichkeit von Handlungen, Einsichten und Aussagen“. Und mal ganz subjektiv gesagt: Ein Leben ohne Wiki ist möglich, aber sinnlos.

 

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