Mein Lieblingsbuch und ich?

Lieblingsbuch

Otfried Preußler ist tot und in memoriam erklären nun viele: Mein absolutes Lieblingsbuch war Räuber Hotzenplotz, war Die kleine Hexe, war Das kleine Gespenst. War – oder ist? Im Laufe des Lebens begegnen uns viele Bücher, viele wunderbare Bücher. Welche sind es wert, im Regal und im Herzen ihren Platz zu behaupten? Sollte jeder ein absolutes Lieblingsbuch haben? Oder gibt es zu viele, zu viele immer neue, um sich dauerhaft festzulegen?

Always was, always will be

von Ines

Die F.A.Z. suchte vor neun Jahren in der Sommerreihe Mein Lieblingsbuch die All-time Favorites von großen Lesern  und Schreibern wie Marcel Reich-Ranicki, Elke Heidenreich, Felicitas Hoppe oder Frank Schirrmacher. Und begann die Serie mit den Worten: „Wer viel liest, kann kein Lieblingsbuch haben.“ Ich lese viel und ich habe eines. Mein Lieblingsbuch ist das erste Buch, das ich in meinem Leben selbst gelesen habe: Jim Knopf von Michael Ende. Always was, always will be. Die erste Entdeckung dessen, was gute, geradezu hohe Literatur vermag, faszinierte mich, weckte die Hoffnung auf mehr. Und befriedigte diese in langen Kolonnen an Büchern, die durch mein Leben zogen, mich immer wieder faszinierten, manchmal auch enttäuschten. Mehr gibt es und mehr wird es hoffentlich immer geben.

Mit dreizehn las ich alles von und über Anne Frank, was ich in die Finger bekam, mit siebzehn packte mich jeder gute Krimi mehr als Kafka – und jeder schlechte eigentlich auch. Mit einundzwanzig stellte ich fest, dass Thomas Mann gar nicht so langweilig ist, wie uns der Deutsch-LK hat glauben lassen, mit dreiundzwanzig schrieb ich in meiner Masterarbeit zum ersten Mal über Lukas und Jim, mit neunundzwanzig in meiner Doktorarbeit zum zweiten Mal. Selbst Frank Schirrmacher kam übrigens nicht umhin, Jim Knopf in seine Liste aufzunehmen – auch wenn er sich schließlich für ein Buch entschied, das alle Sinne raubt. Was ein Lieblingsbuch ausmacht, die Diskussion rief der Atheist Brecht hervor, indem er die Bibel zu dem seinen deklarierte. Ist es das Buch, was einen im stärksten Maße begleitet, beschäftigt, betrifft, begeistert, bewegt, befriedigt, bestätigt, berührt? Sich festzulegen, erscheint immer einschränkend, ausgrenzend und irgendwie unfair. Trotzdem ist es wichtig – denn ein Lieblingsbuch gibt Halt. Gibt Rat, gibt Sicherheit, ist tatsächlich wie eine Bibel, an der man sich im Zweifelsfall festklammern kann. Ist ein Stück Identität, ist Vergangenheit, klar, aber auch beruhigende Gegenwart und verheißende Zukunft.

Die ganz hohe Literatur war nie mein Ding, doch deutschsprachige Autoren wie Max Frisch, Harald Martenstein, Erich Kästner, Anna Seghers, Axel Hacke, Cornelia Funke, Christine Nöstlinger, Judith Hermann, Rafik Schami und selbstverständlich auch Otfried Preußler und sein Häuber Rotzenplotz, nein, Potzenlotz, nein, Plotzenhotz: Sie alle stellten Jim Knopf auf harte Proben. Dass der am Schluss doch immer gewann, hat sicher auch nostalgische Gründe. Die Kinderbuch-Debatte zeigt, dass bei Ende ebenso wie bei Preußler und vielen ihrer Zeitgenossen partiell Renovierungsbedarf besteht, dass die Autoren aus anderen Welten kommen, mit anderen Worten, anderen Wirklichkeiten. Dennoch, viele Wahrheiten gelten immer noch. Jetzt fahren wir erst mal hin und sehen uns die Sache an, sagt Lukas zu Jim, wenn sie im Barbarischen Meer, beim Tal der Dämmerung oder in der Wüste feststecken. Sagt mein Vater zu mir, wenn ich einmal wieder versuche, den fünften Schritt vor dem zweiten zu planen. Dann atme ich tief durch, seh mir die Sache an – und stelle fest, dass Tur Tur ja nur ein Scheinriese ist, dass Lokomotiven nicht nur schwimmen, sondern auch fliegen können, und dass Drachen mehr Weisheit besitzen als alle Chinesen zusammen.

 

Lesen, leben, lieben: Immer wieder neu

von Jana

Wer viel liest, kann kein Lieblingsbuch haben. Und zwar deswegen, weil sich nicht nur die Lektüre ändert, sondern vor allem: wir selbst. Bücher begleiten uns  in verschiedenen Phasen unseres Lebens. Mag sein, dass die Weisheit des Lokomotivführers universell ist – unsere Lebensumstände sind es nicht. Ein Lieblingsbuch ist, was mich am stärksten betrifft, begleitet, bestätigt und berührt. Was das genau ist, ändert sich aber. Alles fließt, sagt der Philosoph Heraklit. Wir steigen niemals in denselben Fluss. Und meint damit, dass wir heute nicht mehr der Mensch sind, der wir gestern waren.

Als Schülerin las ich Liebesleben von Zeruya Shalev, ein Buch über den Kampf der Liebe im Alltag, über das Zerrissensein zwischen Gewohnheit und  Abenteuerlust. Ein Buch, von dem die Buchhändlerin, nur wenig älter als ich, schwärmte. Ein Buch, das ich damals nicht verstand – und enttäuscht weglegte. Wenige Jahre später fesselte es mich. Und heute lege ich es wieder beiseite, weil ich mir achselzuckend denke: Na und?! So isses halt.

Natürlich gibt es Bücher, die ich liebe, heute wie damals. Büchners Woyzeck berührt mich heute genauso wie vor zehn Jahren. Weil seine Weisheiten universell und leider noch immer brandaktuell sind. Das trifft aber auf so viele Bücher zu, auf zu viele, als dass ich mich auf eines festlegen könnte.

Eines davon ist Was ich liebte von Siri Hustvedt. Ein Mann blickt auf seine Liebe, seine Freundschaften zurück, die allesamt zerbrachen und doch sein Leben prägten. Was ich liebte, bleibt. Was ich liebe – das ändert sich. Denn ein Buch tröstet, erheitert mich. Je nach Stimmung greife ich zu einem anderen. Manchmal auch nur aus nostalgischen Gründen. Ein Lieblingsbuch kann ein Freund sein. Und davon habe ich auch mehrere (nix für ungut).

Der Mensch strebt so lang er lebt, meint Goethe in Faust. Er ist immer auf der Suche. Und hat damit vollkommen Recht, wie ich finde. Egal ob es um Glück, Liebe, Freundschaft – oder Lieblingsbücher geht.

 

2 Gedanken zu “Mein Lieblingsbuch und ich?

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