Multitasker vs. Eine-Sache-Tuer

Die einen tun alles gleichzeitig, die anderen alles nacheinander. Sind Ausschließlich-Tuer Langweiler und Multitasker Konzentrationsmuffel? Wir können ein Liedchen davon singen und versuchen zu erklären, warum das eine besser (oder schlechter) als das andere ist.

Alles nacheinander

von Charlotte

Was zeitweise die Top-Fähigkeit für einen vorbildlichen und einsatzbereiten Mitarbeiter war, ist heute nur noch eines: ein Mythos. Denn Studien belegen, dass das Gehirn keineswegs in der Lage ist, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Zumindest keine komplexen. Telefonieren und laufen, das geht. Telefonieren und dabei einen Brief schreiben, wird dem Großteil von uns sicher schwer fallen. Denn was im ersten Moment wie Gleichzeitigkeit wirkt, ist eigentlich nur ein schneller Wechsel zwischen den Tätigkeiten und führt dazu, dass man für die Aufgaben im wahrsten Sinne des Wortes nur geteilte Aufmerksamkeit hat. Tatsächlich können Multitasker Aufgaben schlechter erledigen, sie sind unkonzentrierter, sie verlieren das Wesentliche aus den Augen, weil sich ihre Aufmerksamkeit zu breit auf alle vorhandenen Informationen verteilt. Im Arbeitsalltag keine besonders förderliche Eigenschaft.

Und sonst? Ich habe letztens während des Zähneputzens die Spülmaschine ausgeräumt. Mehr oder weniger, denn eigentlich habe ich mir nur zuerst die Zahnbürste in den Mund gesteckt, mir eine kurze Weile die Zähne geputzt, dann die Spülmaschine (mit Zahnbürste im Mund) ausgeräumt und anschließend meine Zähne weiter geputzt. Das ist nicht wirklich Multitasking. Ich habe es eigentlich getan, um Zeit zu sparen, geklappt hat es im Endeffekt eben nicht, seitdem mache ich lieber doch alles nacheinander (bevor ich bei so einer Aktion noch stolpere und sich meine Horrorvision von der Zahnbürste im Hals bewahrheitet).

Aktuell sitze ich mit meinem Freund auf der Couch. Er schaut fern, ich schreibe diesen Beitrag. Und weil ich mich absolut nicht aufs Schreiben konzentrieren kann, während der Fernseher läuft, habe ich mir Ohropax in die Ohren gestopft. Es hilft, um mich zumindest auditiv abzuschirmen. Das flackernde Bild des Fernsehers, das ich aus dem Augenwinkel noch wahrnehme, schränkt meine Aufmerksamkeit schon erschreckend ein. Ansonsten kriege ich aber tatsächlich nichts mehr mit, im Lippenlesen bin ich auch nicht besonders geübt. Wahrscheinlich macht mein Freund sich gerade lustig über mich und beleidigt mich am laufenden Band, nur um zu testen, ob ich WIRKLICH nichts höre. Tue ich nicht und solange er dabei nett lächelt, wird es wohl nicht so schlimm sein.

Wenn ich lernen muss, habe ich es zwar gerne gemütlich, aber alles, was mich ablenken könnte, muss vor einer Lernphase aus meinem Sichtfeld verschwinden (außer Getränken und – ganz wichtig! – Nervennahrung, begründet durch meine Ur-Angst vor einem Versorgungsloch). Ich höre grundsätzlich viel Radio, gerne auch, während ich mich schminke, die Wohnung putze oder koche, aber beim Lernen geht nicht einmal das.

Nicht mal unterhalten kann ich mich in jeder Lebenslage. An und für sich unterhalte ich mich eigentlich ganz gerne (nicht so gerne und so viel wie Ines, aber schon ganz gerne). Während ich Auto fahre, geht das leider nicht besonders gut. Bei meinem Ex-Freund habe ich einmal (und das einzige Mal!!!) vor Schreck körperliche Gewalt in Form einer saftigen Backpfeife angewendet, weil er urplötzlich angefangen hat, ein Lied laut mitzugrölen, während ich gefahren bin. Spätestens seitdem konzentriere ich mich lieber ausschließlich aufs Autofahren. Radio ist dagegen okay, das wird im Normalfall nicht plötzlich lauter und lenkt mich für gewöhnlich nicht allzu sehr vom Verkehrsgeschehen ab. Aber ich kenne mich inzwischen ganz gut und habe mich damit abgefunden, dass manche Dinge gleichzeitig zu tun für mich im Bereich des Unmöglichen liegt.

Struktur! Das ist genau das, was ich brauche. Wenn ich viele Dinge mehr oder weniger gleichzeitig tue, habe ich zwar das Gefühl, viel getan zu haben, aber nichts richtig. Ich widme den Dingen lieber meine volle Konzentration (ja, ab jetzt auch wieder dem Zähneputzen!).

 

Alles durcheinander

von Ines

Mit 17 machte ich meine erste böse Erfahrung mit Multitasking. Ich war gerade im Bad, um mir die Beine zu rasieren. Mein noch sehr frischer Freund sollte jeden Moment vorbeikommen, als das Telefon klingelte. Am Apparat: eine Freundin mit schrecklichem Liebeskummer. In meinem Dilemma tat ich das einzige, was mir sinnvoll erschien: Ich nahm das Telefon mit in die Dusche. Just in diesem Augenblick klingelte es an der Tür, ich erschrak, ließ Rasierer sowie Freundin fallen – und das Telefon war kaputt. Mein Vater hat mir das bis heute nicht verziehen.

Es war nicht meine Schuld. Es liegt einfach an meinem Hirn. Das nämlich ruft quasi in Endlosschleife: „Oh, schau mal, ein Vögelchen!“ Seine Aufmerksamkeitsspanne ist extrem begrenzt und es braucht ständig neue Reize. Was zuweilen recht kuriose Konsequenzen und Kombinationen mit sich bringt.

Zum Beispiel

–       lese ich bei allem, was ich tue, und wenn ich sage, bei allem, meine ich auch bei allem. Beim Zähneputzen. Beim Fernsehen. Beim Blumengießen (hupps, daneben). Beim Arbeiten (ja, auch gerade jetzt). Als Kind hatte ich, wenn ich Geige üben sollte, immer heimlich ein Buch mit auf dem Notenpult. Auch dabei ging natürlich einiges daneben – insbesondere die Töne.

Zum Beispiel

–       schwimme ich gerne. Da das berüchtigte Fliesenzählen für mein Hirn die reinste Qual bedeutet und Vögelchen unter Wasser leider spärlich gesät sind, habe ich mir angewöhnt, im Rhythmus des Kraulschlags englische Liedtexte ins Italienische zu übersetzen. Alternativ erstelle ich beim Schwimmen, Joggen oder Radfahren permanent Listen, von der Farbskala meiner Nagellacke bis hin zu meinen Lieblingsfruchteissorten in aufsteigender Reihenfolge.

Zum Beispiel

–       denke ich immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig. Wenn ich rede, denke ich das, was ich gerade sage (meist zeitgleich, da erst denken, dann reden nicht zu meinen Stärken gehört). Wenn ich mich auf das, was ich gerade sage oder denke, konzentrieren muss, singe ich geistig vor mich hin oder rattere (wenn ich mich wirklich konzentrieren muss) Zahlenreihen im Kopf herunter.

Neulich habe ich gekocht, nur Schokoladenpudding aus der Packung, was für mich aber durchaus eine Herausforderung ist (Zitat F: „Ines macht da immer so tolle Klümpchen rein!“ Das Wunderbare an F ist, dass er die Klümpchen wirklich mag. Und darum mag ich ihn).

Ein Freund, der mit in der Küche saß, lachte sich erst kaputt und wollte dann wissen, warum ich noch keine eigene Kochshow hätte. Offenbar ist es extrem lustig, mir dabei zuzuschauen, wie ich Pudding anrühre.

Berichten von Augenzeugen zufolge koche ich übrigens nicht nur lustig, sondern sehe auch bei anderen Sachen, bei denen normale Menschen vollkommen normal aussehen, irgendwie seltsam aus. Ich vermute, das Lustige daran ist, dass ich alles gleichzeitig mache. Ich rühre also nicht nur Pulver in Milch, sondern rühre Pulver in Milch, während ich synchron Johannisbeeren für die Deko aus dem Kühlschrank hole, die Gäste mit Anekdoten aus meinem Leben entertaine, zwischendurch anfange, die Arbeitsplatte zu säubern, was ich dann aber wieder sein lasse, weil sie sowieso gleich wieder dreckig wird, verzweifelt eine ausreichende Anzahl an kleinen Schüsseln und kleinen Löffeln zusammensuche, an denen es in diesem Haushalt stets und ständig mangelt, egal wie oft und wie viele man kauft – kurz, mein übliches Chaos rundherum verbreite. Muss man gesehen haben. Offenbar.

Es stimmt: Multitasking-Bashing ist momentan sehr beliebt. Ungesund sei es, unproduktiv und uneffektiv noch dazu. Und es stimmt: Schneller macht Multitasking nicht. Meist erledigt man die Aufgaben tatsächlich nicht nebeneinander, sondern einfach nur durcheinander. Heißt: mal fünf Minuten das eine, dann fünf Minuten das andere, und zwischenrein eine Stippvisite zum dritten. Ja, dabei macht man mehr Fehler, dabei passieren Malheure und Missgeschicke, dabei gehen Dinge in die Hose – oder gar zu Bruch. Aber, und das wissen die wenigsten der braven Allesnacheineinandererlediger, man hat dabei auch mehr Spaß. Sowohl selbst als auch die Zuschauer.

Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, dass meine Art, Sachen zu machen, besser ist, gesünder, produktiver, effektiver, zeitsparender, optimierter oder erfolgreicher als die anderer Menschen. Eines jedoch ist sie garantiert: lustiger.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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