Music was my first love …

Was entscheidet bei Musik, Ton oder Text?

Wir haben über Mode und Medien geschrieben, über Filme und Bücher, Männer und Tiere. Nun wollen wir über das reden, was die Menschheit angeblich am meisten berührt: Musik. Doch was daran berührt uns eigentlich so? Wieso trifft eine kleine Zeile oft genau ins Schwarze – und ein einziger Ton direkt ins Herz?

Der Text macht die Musik

von Ines

It’s okay to be scared sometimes.

Ich war bei einem Konzert von Ezio und ich hatte Angst. Ich stand da in einem kleinen, eher schäbigen Club, inmitten der Menge, junge und alte, lauthals gröhlende, sanft summende, schöne und hässliche, übermütige und melancholische, abgehalfterte und grünspundige Menschen, die übliche Mischung also. Ich hatte ein paar Stunden zuvor eine Entscheidung getroffen, die Auswirkungen haben würde. In welcher Form, ob gut, ob schlecht, ob kleine, große, sofort oder langfristig, ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass sich etwas ändern würde, und so sehr ich Änderungen mag: Es machte mir Angst.

Und dann stand er da, Ezio Lunedei. Dieser kleine Mann mit strähniger Rockstarfrisur, italienischen Wurzeln und einem Gesicht, das davon zeugt, dass es nicht die ganz großen Bühnen braucht, um ein Leben mit Musik gut, gründlich und radikal zu leben. Daneben Booga, sein Gitarrist. Dieses Schwergewicht mit dem Kindergesicht, der Clownsmähne und dem Rhythmus in den Fingerspitzen. „It’s okay to be scared sometimes“, sang Ezio, zupfte Booga. Und ich dachte: Wenn dieser kleine Mann, der aussieht, als ob er erlebt hat, was es auf der Welt zu erleben gilt, durchgemacht hat, was es im Leben durchzumachen gilt, dieser Mann, der sehr oft fucking sagt und manchmal bloody, wenn dieser Mann meint, es sei okay, sich zu fürchten – dann ist es wahrscheinlich okay.

Musik ist die Sprache, für die es keine Worte braucht, Musik sagt das, was wir nicht aussprechen können, und der ganze Kram, ich weiß. Das ist doch, um es mit Ezio zu sagen, verzeiht: bloody bullshit. E- und F-Musik mal ausgenommen (wobei erstere tatsächlich ohne Worte berührt, letztere mich ohnehin selten), bin ich der Meinung: Das Schönste an Musik sind die Worte. Ich liebe Lyrics, die wirklich wie Gedichte sind, nur noch besser, weil verbunden mit Melodien. Ich liebe Lyrics, die mir was vom Leben erzählen, etwas, das ich schon wusste, aber ganz genauso empfinde, mich endlich verstanden fühle. Etwas, das ich noch nicht wusste, aber alles erklärt, alles auf einmal offenbar wird. Etwas, worüber ich noch nie nachgedacht habe, aber was eine neue Perspektive eröffnet, eine neue Möglichkeit. Ich liebe Lyrics, weil ich erfahren möchte, worum es eigentlich geht. (Und na gut, ich liebe sie, weil ich es liebe, unter der Dusche mitzusingen.)

Immer wieder gibt es Worte, die mich treffen. Nicht immer sind das Worte, die mich mein Leben lang begleiten. Oft passt es nur für den einen Moment. Darum bin ich froh, dass mir noch nie betrunken die geniale Idee gekommen ist, einen dieser Lebensfetzen verewigen zu lassen. Vom Tic Tac Toeschen „Sch-sch-sch-sch-sch-sch-scheiße“ einmal quer über den Oberarm bis zu Green Days „I am one of those melodramatic fools“, was sich gut auf meinem Schulterblatt gemacht hätte, wäre heute alles dabei. Aber Lyrics sind vergänglich – und sich den aktuellen Ohrwurm auf die Brust oder Stirn zu tätowieren, ein ebenso dummer Einfall, wie für immer den Namen einer flüchtigen Liebschaft mit sich herumzutragen.

Mit siebzehn fand ich eine andere Lösung, schrieb statt mit schwarzer Tattoo-Tinte mit silbernem Stabilo auf transparentes Papier, klebte auf meine grau-lila Mädchenlautsprecher, was mir wichtig erschien und was ich nicht vergessen wollte. „Now I’m saving all my loving for someone who’s loving me“, so meine Warnung an mich selbst, nachdem die dritte meiner Freundinnen schmählich sitzengelassen worden war. Es war beruhigend, dass in all diesen Songs von unseren eigenen Gedanken, Gefühlen, Verletzungen erzählt wurde. Denn wenn wir wissen, den anderen geht es auch so, wenn wir wissen, egal ob Groupie oder Rockstar, die anderen fürchten sich auch, dann fühlen wir uns nicht mehr so allein. Dann haben wir keine Angst mehr.

Dafür: Fucking thanks, Ezio.

 

Der Ton macht die Musik

von Charlotte

Als besonders musikalisch würde ich mich nicht bezeichnen. Ich war mal im Kinderchor und habe mal Querflöte gespielt, aber in beidem war ich nicht sonderlich talentiert und meine Freude daran hielt sich meist in Grenzen.

Heute mag ich Musik. Solange ich sie nicht selbst mache. Singen tue ich eigentlich nur im Auto als Beifahrerin, wenn mein Freund die Musik (mitunter aus Selbstschutz) so laut aufdreht, dass man mich nicht mehr hört. Auch ich mag schöne Texte und freue mich immer wieder, wenn ich eine schlaue Weisheit aufschnappe. Aber ein Text ist für mich nicht entscheidend, ob ein Lied gut ist oder nicht. Andersherum muss ich zugeben, dass ein schlechter Text durchaus verantworten kann, dass es ein Lied nicht in meine Favoritenliste schafft. Wenngleich mich das keineswegs davon abhält, es dennoch im Auto laut mit zu grölen. Ein Beispiel: Rihannas Umbrella. Die Melodie als solche ist relativ neutral, überzeugt mich persönlich zwar auch nicht wirklich, aber der Text…gibt mir den absoluten Rest und hinterlässt in mir eine Frage: Hört sich das für einen Englisch-Muttersprachler wirklich gut an? Man überlege sich einmal, wie das Ganze auf Deutsch klingen würde. Grauenhaft!

Meistens höre ich bei einem neuen Song zuerst auf die Melodie, dann auf den Text. Der ganz wunderbare Song „Fantasy“ von Ms Mr z.B. hat mich zu allererst durch die einzigartige Melodie und die tolle Stimme der Sängerin ergriffen. Klar, nicht zuletzt wegen Textzeilen wie „existing and living are not the same“ wird der Song erst komplett. Sie regen mich zum Denken an. Vielleicht sollte auch ich mehr leben und weniger existieren. Weniger daran denken, was andere über mich denken oder von mir erwarten. Aber was wäre ein einfallsreicher Text ohne eine Melodie, die die Botschaft transportiert?

Schlauerweise wählen die meisten Interpreten eine zum Inhalt passende Melodie. Dass ein Trauerlied nach gutgelaunter Beach-Atmosphäre klingt hört man selten. Obwohl es mal ein gewagtes Experiment wäre. Ich mag Lieder, die mich in gute Laune versetzen oder zum Denken anregen, die nach ausgelassener Stimmung oder echten Emotionen klingen, die eine spritzige Melodie haben und deren Wirkung mich den ganzen Tag nicht mehr los lässt. Zuerst von einer Melodie eingenommen zu werden, hat fast eine evolutionäre Komponente: Denn bevor der Mensch die Sprache erlernt, ist er in der Lage Laute wahrzunehmen, Stimmen zuzuordnen und Melodien zu hören. Auch wenn ich selbst nicht besonders spontan bin (und es eigentlich auch gerade wenig mit dieser Diskussion zu hat), freue ich mich außerdem besonders über ganz unerwartete Dinge: Dieser Moment z.B., wenn sich ein gestandener Mann von geschätzt Mitte Dreißig und offenbar viel Lebenserfahrung mit einer richtig starken Stimme plötzlich als Typ Milchbubi von gerade einmal 23 Jahren herausstellt, einfach großartig!

Gerade hat eine große deutsche Krankenkasse einen Beitrag zum Thema „Entspannen mit Musik“ veröffentlicht und erklärt, weshalb eine Melodie so wertvoll sein kann. Von einer starken emotionalen Verankerung des musikalischen Gedächtnisses ist die Rede und davon, dass bestimmte Melodien (nicht Texte!) Erinnerungen wachrufen können, ebenso wie es auch Gerüche tun. Wir verfügen über ein stabiles emotionales musikalisches Gedächtnis. Und das wird sicher jeder bestätigen können. Es gibt Lieder, die uns an unsere Kindheit erinnern, Lieder, die uns ans erste Verliebtsein erinnern, an eine Phase der inneren Unruhe oder an einen besonders schönen Tag im Leben.  Tatsächlich ist übrigens erwiesen, dass emotional bewegende Musik die Ausschüttung von Stresshormonen senkt. Und damit hat Musik auch eine therapeutische und entspannende Wirkung.

Während Gedichte oft nur einen (inzwischen) sehr begrenzten Teil unserer Gesellschaft erreichen, erreicht Musik jeden von uns. Bertold Auerbach, deutscher Schriftsteller, sagte einst: „Musik allein ist die Weltsprache und braucht nicht übersetzt zu werden.“ Recht hat er! Denn während wir ein Gedicht ohne die Kenntnis der jeweiligen Sprache (und selbst mit häufig nur schwerlich) verstehen, verstehen wir ein Lied anhand seiner Melodie. Ob tragisch, fröhlich, traurig oder euphorisch, allerlei Emotionen lassen sich nur anhand von Tönen transportieren. Was will man mehr?

 

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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