Nichtsnutz vs. Lebensretter

In ZEIT Campus schildert Ines das Protokoll eines Polizisten, der einen Bankräuber erschießen muss. Und wir sind einmal mehr dankbar dafür, einen derart irrelevanten Job zu haben. Die Polizei, dein Freund und Helfer, Halbgötter in Weiß und Advocatus diaboli: In manchen Berufen ist der Druck, ist die Verantwortung, aber auch die Chance, Leben zu retten und Leben zu ändern, viel höher als in anderen. Wo liegt das Glück: in sorgenfreier Belanglosigkeit oder in der Möglichkeit, Hilfe zu leisten – gepaart mit der Angst, Unheil zu bringen?

Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

von Ines

„Eines muss man uns lassen: Schaden tun wir nicht“, sagt mein Vater, von Beruf Musikwissenschaftler, der auch Theologie, Philosophie, Kunstgeschichte, Judaistik, Religions- und Literaturwissenschaften studierte. Natürlich ist das kokett, aber es ist auch wahr. Und irgendwie schade, wenn dies das Beste ist, was man über seinen Beruf sagen kann? Mit dem man immerhin den Großteil seines Lebens verbringt, mehr als mit Freunden, Familie und Freizeit.

Ich bin durchaus der Meinung, dass der Beruf auch Berufung sein sollte. Dass Dienst nach Vorschrift Erfüllung, Lust und Glück für das Kollektiv und das Individuum killt. Aber ich denke, dass Nutzen stets relativ ist, dass dieser Nutzen oft persönlich ist, persönlich sein darf, vielleicht sein muss. Keinem hilft es, wenn jemand, der kein Blut sehen kann, versucht, ein Schwein zu schlachten oder eine klaffende Wunde zusammenzunähen. Niemandem ist gedient, wenn jemand wie ich, mit zwei linken Händen und so viel Koordinationssinn wie ein Hampelmann, tagtäglich Feinmotoren zusammenbaut oder Geigenhälse schleift. Die Gesellschaft wird dadurch nicht besser, die Menschheit keinen Schritt vorangebracht. Das Gute: Man kann sich an alles gewöhnen, kann (fast) alles erlernen. Das noch Bessere: Man muss es nicht.

Ich bin froh, dass es Leute gibt, die in Versicherungen, Banken, Ämtern arbeiten, die Zahlen addieren, Finanzen regeln, Dokumente abheften. Ich bin froh, dass sie es tun, weil ich es dadurch nicht selbst tun muss. Und ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die Feuer löschen, Fluten eindämmen, Leben retten, vielleicht unter Einsatz des eigenen, die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, auch mal unpopuläre. Und ich bin insgeheim glücklich, dass ich nichts weiter machen muss, als ab und an darüber zu schreiben – über diese Menschen, diese Lebensretter, diese Helden der Gesellschaft. Voll Ehrfurcht vor ihren Taten, voller Bewunderung für ihren Mut, ihre Leidenschaft und ihre Fähigkeiten.

Selbstverständlich wäre ich gerne einer von ihnen, würde auch ich lieber wahrhaft nutzen. Selbstverständlich fühle ich mich manchmal schlecht angesichts meiner überwältigenden Bedeutungslosigkeit für die Welt und wünsche mir einen anderen Beruf. Das Problem ist nur: Ich weiß nicht, welchen. „Er hat viele Talente“, sagt der Ägypter Numerobis in Asterix und Kleopatra. „Ist er begabt?“, fragt Asterix. „Nein, er ist reich“, erklärt Numerobis, bezogen auf die altägyptische Währung. Ich mache das, was mir Spaß macht, weil ich mein Geld nicht mit etwas verdienen, meine Zeit nicht mit etwas verbringen will, was mir keinen Spaß macht – und weil ich gar nichts anderes kann. Doch in jedem Job gibt es Möglichkeiten, wenn man sie wirklich sucht. Journalisten berichten unter Einsatz ihres Lebens aus Krisengebieten, Musiker oder Schauspieler nutzen ihre Prominenz, um politisch Einfluss zu nehmen, Grafiker entwerfen Flyer für den Widerstand und Linguisten tragen bei zur Kommunikation zwischen Kulturen, zum Verständnis zwischen Völkern. „Kein Lehrer, sondern ein Lerner“ sei er, stellte Erich Kästner fest – obgleich er den Lehrerberuf stets für den wichtigsten, nützlichsten hielt, für den besten Beruf der Welt. Nicht jedoch für ihn, dessen Talente woanders lagen. Statt hinter den Katheder klemmte er sich hinter die Schreibmaschine, wurde Journalist und später Autor relevanter und einflussreicher, unterhaltender und belehrender Werke.

Vielleicht muss das Ziel auch gar nicht sein, den nützlichsten, den besten Beruf der Welt zu ergreifen. Sondern vielmehr, das meiste aus seiner Berufung zu machen, das Beste aus dem herauszuholen, was man tut. Der Zuckerwattenverkäufer auf dem Jahrmarkt, der das kleine Mädchen mit einer Extraportion rosa Watterausch glücklich macht. Der Erfinder einer coolen neuen App, dank der Freunde aus allen Ländern in Kontakt bleiben können. Der Florist, der den kunterbunten Blumenstrauß zum 90. Geburtstag der Großmutter bindet. Der Hersteller von chinesischen Glückskeksen, die uns genau das sagen, was wir gerade hören wollen. Nein, sie retten keine Leben. Aber sie retten den Alltag – machen das Leben ein bisschen lebenswerter.

 

Worte sind Waffen  

von Jana

„Aber wenigstens schaden wir keinem“? Dann kennt dein Vater wohl keine Boulevard-Journalisten. Dass ich niemandem mit meinem Beruf schade, kann ich nicht unbedingt behaupten. Im Gegenteil, ich habe jeden Tag ein schlechtes Gewissen, zumindest ein bisschen. Sei es bei einem Interview nur die pikanten Details herauszuarbeiten, sei es interessante berufliche Pläne zu unterschlagen oder Menschen und Ereignisse nur daraufhin zu überprüfen, ob sie eine Schlagzeile, eine Story liefern, und die Wahrheit zu Gunsten einer solchen zu überzeichnen. Menschen zu enttäuschen, zu verärgern und zu verletzen, ist mein tägliches Brot.

Worte sind Waffen, wie Cicero sagte. Und die können verletzen, und das nicht nur im Boulevard-Journalismus. Auch die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung kann verletzen, wenn Fremd- und Selbstwahrnehmung sich unterscheiden. Oder das Feuilleton, etwa bei einer vernichtenden Fernseh-, Theater- oder Filmkritik. „Journalisten klopfen einem ständig auf die Schulter – auf der Suche nach der Stelle, wo das Messer am leichtesten eindringt“,
sagte einmal Robert Lembke, einst Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks.

Natürlich hat der Journalismus auch andere Seiten: Service-Journalismus, um zu informieren und zu helfen, Themen wie Blumen, Beauty- und Mode, um zu inspirieren und den Alltag zu verschönern. Interessante Geschichten, die zum Nachdenken anregen, schöne, um dem Alltag zu entfliehen, spannende, um zu unterhalten. Eine sehr schöne Aufgabe, wie ich finde.

Und dennoch: Hast du, als du dich für diesen Beruf entschieden hast, nicht auch davon geträumt, wie Bob Woodward und Carl Bernstein die Watergate-Affäre aufzudecken? Und dafür, als Sahnehäubchen, noch mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet zu werden? Oder die Offshore Leaks-Daten auszuwerten wie die Süddeutsche Zeitung? Utopisch, ich weiß. Aber trotzdem: Vielleicht rettet unser Beruf keine Menschenleben. Aber er kann manchmal die Welt ein wenig besser machen. Und daran wäre ich, zumindest ein kleines bisschen, schon gerne dran beteiligt.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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