Plädoyer fürs Liegenbleiben

Um 6.18 Uhr klingelt durchschnittsdeutsch der Wecker. Um 6.18, 6.28 oder 6.38 Uhr (je nach Snooze-Funktion) erheben wir uns mürrisch, müde, motzend aus den Federn. Wieso eigentlich? Wir wissen doch ohnehin, was uns erwartet…

Jeden Morgen dasselbe Spiel. Ob penetrantes Schellen, piepsendes Crescendo, unser Lieblingssong, den wir früh am Morgen so überhaupt nicht lieben, oder die unerträglich wache „Einen wunderbaren guten Morgen“-Stimme des Morningshow-Moderators – schön ist es nie, dieses Geräusch. Schön ist es nicht, aus den Träumen in die Wirklichkeit gerissen zu werden, wieder einen langen Tag vor uns zu haben, der dasselbe bringen wird wie die langen Tage gestern, vorgestern und vor drei Wochen. Rush-Hour und nervtötendes Gehupe, mürrische Mienen in zum Bersten vollen U-Bahnen, zehn Stunden im Büro. Dann dasselbe retour, zuhause warten nach Fütterung schreiende Kinder, Katzen oder Kanarienvögel, warten der überquellende Mülleimer, die Schmutzwäsche und die unbezahlten Rechnungen…

Und spätestens in diesem Moment stellen wir uns die Frage: Warum tun wir das eigentlich? Wieso setzen wir jeden Morgen (um 6.18 Uhr, im Durchschnitt) diesen ewigen Kreislauf in Gang? In dem Augenblick, in dem wir den Wecker ausschalten und gleichzeitig ein Bein aus dem Bett schwingen (meistens auch noch das linke) – in diesem Augenblick fällt das erste Dominosteinchen mit einem leisen und erbarmungslosen Pling unaufhaltsam gegen das nächste, dies wiederum gegen das übernächste, bis wir am späten Abend (um 23.04 Uhr, im Durchschnitt) selbst fallen, und zwar erledigt ins Bett. In diesem Augenblick ist alles zu spät – die Chance, aus einem ganz normalen Dienstag, Mittwoch, Donnerstag etwas Magisches, etwas Außergewöhnliches, Erinnerungswürdiges zu machen.

Die Alternative? Liegenbleiben. Augen schließen, die Wirklichkeit ausschließen, zurück ins Kissen und in die Träume sinken, die so viel mehr zu bieten scheinen als die ewig gleiche Realität. Weiterschlafen, weiterträumen, die Welt und den Wecker ignorieren. Das Leben kann so schön sein. Und so einfach. Gute Nacht bzw. vielmehr: guten Morgen!

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