Qual der Moral

Auf Süddeutsche.de erschien ein Interview mit der amerikanischen Psychologin Melanie Joy. Anlass war die Pferdefleisch-Debatte, Grund ihre Erkenntnis, dass eigentlich niemand ein gutes Gefühl dabei hat, Tiere zu essen. Auch wenn’s die meisten tun. Jana isst gerne Bio-Fleisch, Ines gar keines – doch beide müssen feststellen: Zustimmung reicht immer nur bis zur Frage, ob man am eigenen Verhalten etwas ändern soll.

Fleischgefasel

von Ines Schweine sind doch eh doofe Tiere, meinte meine Freundin, Reiterin, Tierliebhaberin, Fleischfreundin, zur aktuellen Pferdefleisch-Debatte. Abgesehen davon, ob’s stimmt: Ist das ein Argument? Und wenn ja: Wo führt dieses Argument hin, wo endet es? Mein Nachbar ist auch ziemlich doof, muss ich sagen. Würde ich ihn essen, hätte ich irgendwie trotzdem ein schlechtes Gewissen. Als ich das Interview mit Melanie Joy las, nickte ich, nickte ich, nickte ich. Humanen Fleischkonsum gibt es nicht, Bio-Fleisch ist eine Farce und auch einen zu Lebzeiten noch so glücklichen Golden Retriever würden wir nicht auffressen wollen. Volle Zustimmung. Die Frau hat sowas von Recht. Bis ich zur vorletzten Frage kam: „Was halten Sie denn von Vegetariern?“ Frau Joy ist Veganerin und sagt, die Milchindustrie sei vielleicht sogar die brutalste Industrie überhaupt. Also keine Milch mehr, keinen Käse, keinen Joghurt? Uff. Würde mir schwer fallen. Keine Schokolade? Ein Ding der Unmöglichkeit. Aber hey: Ich bin ja durchaus human, kaufe Bio-Milch nur von glücklichen Kühen, Bio-Eier von glücklichen Hühnern. Dachte ich zumindest. Und ist es nicht in Wahrheit auch Sache der Politik, der Wirtschaft, der Lebensmittellobby und der Bauern selbst, die Grausamkeiten dieser Industrie zu ändern? Kann denn ich etwas dafür, dass die Realität anders aussieht, als sie könnte – und soll wirklich ich selbst dafür darben? Beim Thema Fleisch hört für manche der Spaß auf. Für andere fängt er, ehrlich gesagt, erst richtig an. Das grinsende Spanferkel auf dem Grill. Die duftenden Würstchen, die uns den lauen Sommerabend versüßen. Das deftige Steak, das wir uns nach einem anstrengenden Arbeitstag redlich verdient haben. Wer will uns diese Freuden verwehren? Und vor allem: Was sonst sollte unsere unbestreitbare Fleischeslust ebenso effektiv und befriedigend stillen? Mehr als tausend Tiere verspeist jeder Deutsche durchschnittlich im Laufe seines Lebens. Bereits ein Tag pro Woche, in dem wir unsere Fleischeslust zugunsten unserer Tierliebe unterdrücken, rettet jährlich knapp 160 Millionen Tiere vor dem Tod. Oder erweckt sie gar nicht erst zum Leben? Weder das Pferdefleisch noch die Fake-Bio-Eier werfen neue Fragen auf, wenn wir feststellen müssen, dass die Zucht per se ein Problem ist. Wie brutal ist es, ein Lebewesen nur für die Schlachtbank auf die Welt kommen zu lassen? Wie könnte es unser Klima verwandeln, wenn wir alle Veganer werden würden? Wie radikal müssen wir wirklich sein? Und wie steinzeitlich sind Menschen, die Burger, Bratwurst und Steak immer noch mit dem Verweis auf ausgewogene Ernährung in sich hineinschaufeln? Dass es möglich ist, für Gesundheit wie auch Genuss Ersatz zu suchen und zu finden, kann heute kaum noch bestritten werden. Die Frage bleibt: Inwieweit ist es notwendig? Gibt es zwischen striktem Vegetarismus und gemäßigter Fleischlust einen Idealweg: so wenig wie möglich, so viel wie nötig? Fleisch nicht als unreflektierten Bestandteil der täglichen Ernährung zu sehen, sondern es sich bewusst zu gönnen, selten und explizit? Ich esse kein Fleisch mehr, seit ich zehn bin und mir die Mutter meiner besten Freundin zum Mittagessen ein „ganz zartes Entenbrüstlein“ anbot. Köpflein in das Wasser, Schwänzlein in die Höh‘: So sah ich vor meinem starren Auge das zarte Entlein, das verzweifelt versucht, sein Brüstlein vorm Gefuttertwerden zu retten. Und der Appetit war mir vergangen. Um jedoch ehrlich zu sein: Für mich ist Fleischverzicht kein Verlust. Bereitet mir netterweise keine Mühe und strengt meine nicht sehr ausgeprägte Disziplin zum Glück überhaupt nicht an. Wenn mich, ungefähr einmal im Jahr, der Fleischflash überkommt, stille ich meine Gelüste ohne schlechtes Gewissen mit einer halben Bratwurst oder zwei Gabeln Spaghetti Bolognese. Manche schimpfen mich inkonsequent, andere loben mich, dass ich keine verbittert strenge, verbissen missionarische Vegetarierin sei. Und ich? Mach einfach, worauf ich Lust habe. „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“, sagte Kästner. Oder tut es nicht, indem man bewusst, vorsätzlich und schmerzhaft die eigenen Bedürfnisse zurücksteckt. Moral fängt erst dort an, wo die Bequemlichkeit aufhört. Wahrer Verzicht beginnt dort, wo er wehtut. Und ich, fürchte ich, muss doch erst mal wieder von meinem hohen Ross herabsteigen – hinunter zu all den anderen Pharisäern, Doppelmoralisten und Pferdefleischessern. Hm.  

Von Tieren und Menschen

von Jana Und in dieser illustren Gesellschaft kannst du dich gleich fragen: Wieso liegt dir nur das Wohl der Tiere am Herzen? Was ist mit dem Schutz von Menschen? Zum Beispiel Niedriglohn-Arbeit in Entwicklungsländern, nur damit wir bei H&M eine Jeans für 19,95 Euro haben können. Und wieso sind wir alle pro Natur und Nachhaltigkeit, nur genau bis zu dem Punkt, an dem wir uns einschränken müssen? Eben. Das Problem fängt doch dort an, wo es beginnt, uns weh zu tun und wir uns wirklich ändern müssten. Denn Klamotten kaufen wir trotzdem noch bei H&M, Zara und Co und stören uns nur am Made in Bangladesh-Schild, wenn es das zarte Häutchen kratzt. Und noch lieber stürzen wir uns bei Primark ins Getümmel und freuen uns diebisch über zehn T-Shirts für 12 Euro. Und verdrängen dabei, wie solche Preise zustande kommen. Beim Schnäppchen machen sind wir immer dabei, ja, aber Schuhe und Handtaschen – die müssen schon aus Leder sein, ist ja sonst billig, oder? Oder nimm den Naturkosmetik-Hype: Der reicht auch genau so lange, wie das Ergebnis stimmt. Wie viele benutzen nur BDIH geprüfte Naturkosmetik und schmieren sich fast selbstgelegte Eier ins schimmernde Haar, um Tiere zu schützen. Die Limited Edition von High End-Kosmetikmarken wird aber trotzdem fünf Monate im Voraus bestellt, weil der Lidschatten drei Tage und Nächte hält. Und verspricht eine Creme, deren INCIS länger sind als der Wocheneinkaufszettel einer Großfamilie, die perfekte Acht-in-Eins-Pflege, zucken sie nicht mit der dank Nanotechnologie High Definition-Mascrara getuschten Wimper. Du siehst: Die Liste unserer Verbrechen ist lang. Wo wir anfangen und wo wir aufhören sollen – ich weiß es auch nicht. Ja, ich versuche Bio zu essen und ein Käfig-Ei kommt mir niemals auf den Tisch. Aber fühle ich mich deshalb wie ein besserer Mensch? Nein. Weil es Schwachsinn und heuchlerisch wäre. Und  Heuchelei ist vor allem eins: Bewahrung des Status Quo.

Ein Gedanke zu “Qual der Moral

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