Rauchzeichen

Ist es okay, wenn Rauchern vom BGH vorgeschrieben wird, wann und auf welchem Balkon sie rauchen dürfen? Ist es okay, wenn Nichtraucher damit leben müssen, wenn es von unten qualmt? Die einen sagen so, die anderen so …

Friedenspfeife für alle!

von Ines

Ich bin kein Raucher. Aber ich bin ein toleranter Mensch. Und manchmal befürchte ich, beides zusammen geht nicht.

Als Nichtraucherin, als Vegetarierin, als fahrradfahrende, mülltrennende, jute-statt-plastik-tragende Umweltschützerin befinde ich mich viel zu oft in einer Gesellschaft, die mir unangenehm ist. Mit der ich mich – bei aller Liebe zu Mensch, Tier und Umwelt – absolut nicht identifizieren kann. Eine Gesellschaft, die militant für ihre lobenswerten Ziele kämpft, eine Gesellschaft, die missionarisch um Nachfolger buhlt und die mit durchgestrecktem Rücken und eisern-disziplinierter Miene mit unwahrscheinlich gutem Beispiel vorangeht.

Momentan reden zu Recht alle viel von Meinungsfreiheit. Und wie wäre es denn mit der Einfach-mal-machen-lassen-wenn-es-keinem-wirklich-schadet-Freiheit? Ich halte viel von Rücksicht, noch mehr aber halte ich von Nachsicht. Ich halte viel davon, dass Menschen sich darum kümmern, wie es anderen Menschen geht, aber noch mehr halte ich davon, dass sie sich einfach mal gegenseitig in Ruhe lassen.

Ich finde den Gedanken erschreckend, dass Leute vor Gericht ziehen, um ihren Nachbarn das Rauchen zu untersagen. In einer Mietwohnung gerät man sowieso allzu schnell in Gefahr, unter kritischer Beobachtung seiner Nächsten, allerdings nicht unbedingt Liebsten zu stehen. Eine Freundin von mir ist mit ihrem Freund in eine eher spießig-ruhige Vorortsiedlung gezogen, in der eher ältere Menschen leben und ein junges Paar per se misstrauisch beäugt wird. Sie lernte ihre neuen Nachbarn kennen, indem sie mit den Worten begrüßt wurde: „He, Sie sind doch die, die einen Weihnachtsbaum im Fahrstuhl transportiert haben! Und nur, dass Sie’s wissen: Man kann die Tannennadel-Spur bis zu Ihrer Wohnungstür verfolgen!“ Hänsel und Gretel, Sherlock Holmes oder Knecht Ruprecht? Die böse Hexe, der Privatdetektiv und der Erzieher vom Dienst – die lieben Nachbarn vereinen sie alle.

Abgesehen davon fiel es mir schon immer schwer, nachzuvollziehen, was manche Menschen (Nichtraucher) am Rauchen in freier Luft eigentlich so stört. Klar, in meinem Wohnzimmer habe ich auch keine Lust auf dicke, über mir hinwegwabernde Rauschwaden (vor allem deswegen nicht, weil ich in meiner Panik vor Feuer schnurstracks aus dem nächsten Fenster springen würde). Aber an der Bushaltestelle, an der ein Auto nach dem anderen vorbeirast? Am Bahnhof, wo der Geruch von Zigaretten nun bei weitem nicht das Schlimmste ist, was man so zu riechen bekommt, und ich es trotzdem regelmäßig erlebe, wie Menschen (Nichtraucher) andere Menschen (Raucher) in ihre Schranken, sprich, in ihre sorgfältig gelb aufgemalten kleinen Kästchen verweisen. Mit triumphaler Miene und ausgestrecktem, auf die unübersehbaren Schilder deutenden Zeigefinger. Wozu? Aus purem Prinzip? Aus reiner Freude daran, endlich einmal Macht, Möglichkeit und das schriftlich fixierte Gesetz im Rücken zu haben, einem anderen Menschen etwas sagen, erklären, verbieten zu können? Oder auch: Auf der Grillparty, auf der die rauchenden Zigaretten neben den qualmenden Holzkohlen ohnehin im fröhlichen Exzess untergehen? Im Zoo, in dem es neben dem Raubtiergehege viel stärker nach Löwe als nach allem anderen riecht? Oder: Auf dem ureigenen Balkon?

Wer nicht gerade in der ruhigsten, friedlichsten und idyllischsten aller Idyllen wohnt, irgendwo tief im Wald, hoch auf einem Berg oder mitten auf dem Land (wo er im Zweifelsfall außer ein paar Eichhörnchen, Schmetterlingen oder Kälbern sowieso keine Nachbarn zu befürchten hat), der wird zwangsläufig mit dem Krach, Schmutz, Gestank konfrontiert, den andere Menschen nun mal so produzieren. Darum heißen sie ja Mitmenschen, diese anderen Menschen, weil wir mit ihnen leben, mit ihnen auskommen müssen, am besten in einem (allem Krach, Schmutz, Gestank zum Trotz) möglichst ruhigen, möglichst friedlich-idyllischen Miteinander.

Und dieses Miteinander funktioniert nun mal besser, wenn wir nicht bei jeder kleinen Rauchschwade, bei jedem Pieps, den ein Kind von sich gibt, bei jeder Nadel, die ein Weihnachtsbaum verliert, bei jedem Lebenszeichen, das uns in unserer Illusion stört, auf einer menschenleeren Insel zu hausen, den Hauseigentümer, die Polizei oder den Bundesgerichtshof zur Hilfe rufen. Vielleicht sollte man es ja einfach mal ausprobieren: tolerant gegenüber Mitmenschen sein. Vielleicht sind sie dann irgendwann auch tolerant zu uns.

 

Wassereimer für mich!

von Charlotte

Toleranz hat auch Grenzen. Bei mir erreichen sehr viele Menschen diese Grenze sehr schnell. Allerdings bin ich zumindest Rauchern gegenüber sehr tolerant erzogen worden. Fast alle meine Freunde haben früher in der Schule geraucht, ich erinnere mich an zahlreiche Abende mit meinem ersten Freund, an denen ich als passionierte Passivraucherin neben ihm am offenen Fenster saß. Es macht mir nichts aus, im Straßencafé zu sitzen, während mein Gegenüber raucht, nicht einmal das Essen vermiest es mir und in manch eine Kneipe gehört(e) es einfach zum Ambiente, finde ich.

Umso erstaunter war ich über mich selbst, als ich mich jüngst mit gerümpfter Nase und meinen Unmut gegenüber meinem Freund kundtuend wiederfand. Allerdings nicht etwa am Bahnhof oder an der Bushaltestelle. Nein, in meiner eigenen Wohnung. Unter uns wohnen vielrauchende Mitmenschen, die sich vorbildlich auf die Terrasse verziehen, wenn es sie nach einem Zigarettchen gelüstet. Schade bloß, dass diese Terrasse genau unter unserem Badezimmer, Arbeitszimmer und Wohnzimmer liegt. Ich wurde kürzlich morgens wach, weil die Rauchschwaden in unser Schlafzimmer zogen. Das liegt auf der anderen Seite, dummerweise hatte ich das Fenster im Arbeitszimmer gekippt gelassen, meine Schuld. Leider haben wir nicht das Glück, eine Waschküche zu haben, deshalb hängt unsere Wäsche zum Trocknen auf einem Wäscheständer im Arbeitszimmer. Wo ich damit rechne darf es gerne nach Rauch riechen. Wenn es aber im Arbeitszimmer nach Weichspüler und im Bad nach Magnolien-Duschgel und Parfüm riechen sollte, ist der Rauchgeruch irritierend für meinen Riechkolben. Und wenn als Resultat des Ganzen weder die Wäsche noch ich frischgewaschen riechen, möchte ich der Nachbarin unter uns und ihrer Zigarette gerne einen Wassereimer über den Kopf gießen!

Mein Bruder wohnt in Köln, das ein klein wenig bewohnter ist als die fast ländliche Idylle, in der ich lebe. In dem Haus, in dem er wohnt, wohnen außerdem noch ungefähr neun andere Parteien. Man bekommt fast nichts voneinander mit. Im vierten Stock wohnt allerdings ein sehr leidenschaftlicher Raucher (es könnte auch eine Raucherin sein, aber auch das ist fraglich, der Großstadt-Anonymität sei Dank). Mit seiner/ihrer Leidenschaft schafft er/sie Leiden, und zwar für den Rest des Hauses. Denn was an Rauch nicht mehr in die Wohnung passt, bahnt sich seinen Weg in den Hausflur. Und wer meinen Bruder besucht, bringt auch gleich eine ordentliche Ladung Rauch mit in die Bude. Ich hätte es nie gedacht: aber auf Dauer könnte es stören, insbesondere wenn man als Nachbar keine Wahl hat. Ich kann mich im Café woanders hinsetzen, am Bahnhof woanders hinstellen, aber die Sachen packen und wegziehen? Das gestaltet sich dann etwas umständlicher.

Ich bin dagegen, Menschen ihre Entscheidungen abzunehmen. Wer noch nicht begriffen hat, dass Rauchen schädlich und längst nicht mehr cool ist (inzwischen raucht in meinem Freundeskreis niemand mehr), der ist es selbst Schuld. In einem Land der Meinungsfreiheit herrscht auch die Freiheit, entscheiden zu können, was man sich selbst zumuten will und was nicht. Ich bin dagegen, Polizei und Gerichte zu konsultieren, um derlei zu lösen. Ich bin nicht nur tolerant erzogen worden, sondern auch höflich. Und weil ich die Rechte und Freiheiten der anderen kenne, respektiere ich sie. Raucher sind schon gebeutelt genug, sie werden durch das Gesetz benachteiligt (Nichtraucherschutzgesetz) und zahlen für ihr Laster zusätzliche Steuern. Ich käme nicht auf die Idee, mich bei den Nachbarn zu beschweren. Eine menschenleere Insel würde mich dennoch reizen…nur könnte es da mit der Zeit sehr langweilig werden. Vorerst amüsiere ich mich dann also noch über BGH-Urteile und Zankereien. Auf ein Eigenheim ohne Raucher (und mit Waschküche) freue ich mich trotzdem.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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