Retouren ohne Reue

Seit 13. Juni gelten neue Rechte im Online-Handel. Größter Aufregerpunkt der fleißigen Konsumenten: Der Rückversand von Ware darf nun ihnen selbst zu Lasten gelegt werden. Grund zum Jammern – oder zum Jubeln? 

Online vs. Ladenschwelle

von Ines

Acht Klicks, acht T-Shirts: eins in Taupe, eins in Beige, eins in Mint, eins in Mocca … und dann dasselbe eine Größe kleiner, man weiß ja nie, ob diese fünf Kilo nicht zufällig doch mal über Nacht dahinschmelzen … Online-Shopping ist das einfachste der Welt. Jeder Trottel kann’s und jeder Trottel macht’s. Was nicht heißen soll, dass man ein Trottel sein muss, um Gefallen am Konsum via Klick zu finden. Natürlich gibt es immer wieder Skandale und Skandälchen, wenn mal wieder (oh Gott, so eine Überraschung!) ein Internet- oder Logistik-Riese als nicht ganz koscher im Herzen entlarvt wird.

Auch ich nehme mir jedes Mal neu vor, nun aber wirklich nichts mehr dort zu kaufen. Bis doch wieder irgendwas Lebensnotwendiges wie Druckertinte oder Kontaktlinsen oder lila-schwarz-gepunktete Ballerinas gebraucht wird – und wenn man dann erst … und nachher gibt’s das nicht … und das dauert ja mindestens … wenn nicht noch länger …

Obwohl ich nicht zu den Hundert-bestellt-neunundneunzig-zurück-Konsumenten gehöre, muss ich immer wieder feststellen: Drumherum kommt man ums Netzleben eben doch nicht mehr. Darum bin ich jetzt auch auf Facebook, darum schreibe ich Blog statt Tagebuch und darum finde ich nicht, dass es das Schlimmste ist, was man im Leben anstellen kann, per Mausklick shoppen zu gehen.

Aber: Darum sollte man sich auch bitte mal ehrlich überlegen, wo denn die Ursache für all die Skandale und Skandälchen um die Arbeitsbedingungen und Ausbeutermethoden der Internet-Riesen wirklich liegt. Genau: im selben Problem, dem alle Skandale rund um die moderne Sklaverei der Menschheit geschuldet ist, ob online oder offline, ob in Fast-Food-Ketten, Elektronik-Konzernen oder Textil-Unternehmen. Die Kunden wollen billig – sie kriegen billig. Wie, bleibt erstmal Nebensache.

Aber: Darum könnten die neuen Retoure-Rechte endlich der Beginn eines neuen Konsumverhaltens sein. Die Shopping-Hopping-Mentaliät beenden. Eine vernünftige, bewusste und langfristig vielleicht sogar skandalfreie Einkauf-Ära einläuten.

Was könnte passieren? Die Konsumenten, die nach jedem Skandal zu Boykotten und Protesten aufrufen, könnten die Kosten und Konsequenzen ihres Kaufrauschs einfach mal selbst übernehmen (und den Rausch damit auf Dauer sicherlich auch reduzieren).

Was passiert stattdessen? Noch bevor die EU-Richtlinien überhaupt in Kraft getreten waren, gaben große Firmen wie Otto, Zalando, Amazon oder H&M schon beruhigend bekannt, dass sie selbstverständlich weiterhin für die Rücksendungen aufkommen werden.

Was also wird passieren? Nicht viel. Konsumiert bei den Riesen wird wie bisher. Kleine Online-Shops, die es sich nicht leisten können, mitzuziehen, haben weiterhin oder sogar stärker noch das Nachsehen.

Was würde helfen? Anzuerkennen, dass es Arbeit macht, ein Paket von einem Ort zum anderen zu transportieren – und zwar egal, ob das Paket von der Lagerhalle zu uns wandert oder wieder zurück. Anzuerkennen, dass diese Arbeit bezahlt werden will und muss. Anzuerkennen, dass der vielbeschworene Kampf zwischen bösem Online und guten konventionellen Geschäften nicht den Kern trifft. Nur weil man eine Ladenschwelle betritt, erledigt sich nicht ein grundlegendes Problem – schließlich gibt es nicht nur die Diskrepanz zwischen Online-Riesen von A(mazon) bis Z(alando) und den süßen, schützenswerten Kruschtelläden, sondern auch im Online-Bereich selbst Abstufungen und Wettbewerbsverzerrungen. Und darum, liebe Leute, hilft langfristig wirklich nur eines: anzuerkennen, dass das Leben teurer ist als die Luft und die Liebe. Und dass, wenn nicht wir den Preis zahlen, es andere tun. Und zwar garantiert nicht die Herren Bezos oder Back.

 

Maßlosigkeit vs. Maßarbeit

von Charlotte

Ich gehöre zu den Online-Shopping-Trotteln. Was nicht heißt, dass ich nicht schon auch in einen Laden gehe und mir dort etwas kaufe. Zu meiner Verteidigung: Ich wohne in der Peripherie. Da gibt es keinen H&M und kein Schuhgeschäft und auch sonst recht wenig. Und ich bestelle auch keine acht T-Shirts in mehreren Größen und Farben. Ich bestelle viel, das gestehe ich. Aber ich schicke erstaunlich wenig zurück. Alleine schon, weil ich selbst keine Lust darauf habe, nachher wieder alles sachgerecht zu verpacken, zu bekleben und zur Post zu bringen. Mein Freund hat einen Ebay-Shop mit KFZ-Teilen. Er freut sich über das neue Gesetz, weil es unfassbar viele Deppen gibt, die den Inhalt einer Auktion einfach nicht richtig lesen und sich dann wundern, dass das bestellte Produkt nicht zu ihrem Fahrzeug passt. Überraschung! Das hat nichts mit einer ganz normalen Reklamation zu tun, sondern ist einfach ihrer Dummheit geschuldet. Und auch ein bisschen dem Phänomen, dass im Internet immer alles schnell gehen muss. Auch das Lesen und da können wichtige Informationen schon mal übersprungen werden. Und ja: Wer die Einstellung „ist doch egal, ich kann ja eh alles wieder zurückschicken“ schon zu sehr verinnerlicht hat, hat es auch einfach nicht nötig, eine Beschreibung allzu genau zu lesen.

Bevor ich mir eine Salat-Tupper-Dose bestelle, lese ich mir die Artikelbeschreibung genauestens durch, hole den Zollstock hervor und führe mir nicht nur die Maße besagter Tupper-Dose vor Augen, sondern messe notfalls auch noch den Schrank aus, um sicherzugehen, dass ich sie auch wirklich untergebracht bekomme. Warum? Um eine Rücksendung zu vermeiden.

Trotzdem: Wenn es nicht gerade um Tupper-Dosen, sondern um Kleidungsstücke geht, bei denen man nie so genau weiß, wie sie ausfallen, habe ich in eingeschränktem Maß Verständnis dafür, dass man sich mehrere Größen bestellt. Und dann verstehe ich es auch, dass große Händler ihren Kunden auch weiterhin einen kostenlosen Rückversand ermöglichen. Denn letztlich lebt das Online-Bekleidungsgeschäft davon und ist es nicht besser, wenn überhaupt bestellt und gekauft wird (wenn auch nur ein Bruchteil der ursprünglichen Bestellung), als wenn einfach gar nichts mehr bestellt wird, weil das Risiko, etwas auf eigene Kosten zurücksenden zu müssen, dann doch zu groß ist? Allerdings hat auch mein Verständnis Grenzen. Ich muss mir nicht sechs Paar Schuhe bestellen, um zuhause herauszufinden, welche am besten aussehen. Das sehe ich schon vorher, dafür gibt es Bilder.

Ich kenne diese Hundert-bestellt-neunundneunzig-zurück-Konsumenten. Wie wäre es denn mit einem Kompromiss: Wer viel bestellt, aber auch viel zurückschickt, muss zahlen. Wer viel bestellt, aber wenig zurückschickt, wird belohnt und darf auch weiterhin ab und an kostenfrei zurücksenden. Das würde den wahnsinnigen Kaufen-Zurücksenden-Prozess zumindest etwas regulieren.

Übrigens: Modehäuser wie H&M kalkulieren mit Rücksendungen. Sie berechnen nämlich pauschal über 5 Euro Versand, egal, was man kauft. Aber eine Kette passt auch in einen unversicherten Umschlag, dessen Versand einen solchen Riesen wahrscheinlich nur ein paar Cent kostet. Von dieser Praxis machen auch andere Online-Händler Gebrauch. Bei einer Mikro-Festplatte mit einem Wert von über 300 Euro finde ich das nicht mehr lustig.

Ich in meiner ländlichen Umgebung bin jedenfalls ganz froh, dass ich bequem online shoppen kann. Ich komme nicht so häufig in die Stadt und verbrate nicht unnötig Benzin. Das macht der Paketbote stattdessen für mich, aber der fährt ja nicht wegen meines Pakets eine Extra-Tour, sondern hat seinen Wagen ohnehin randvoll beladen. Oh und außerdem: Weniger Online-Käufe heißt auch weniger Pakete, heißt auch weniger Umsatz für Paketdienste. Also irgendjemand muss letztlich immer drunter leiden. Diesmal dann also der Kunde.

Ein Gedanke zu “Retouren ohne Reue

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