Schön zu sein, bedarf es wenig

Sich Körper oder Gesicht verschönern zu lassen, wird immer normaler in einer Zeit, in der es zum guten Ton und zum Lebenssinn gehört, stets das Beste aus sich herauszuholen. Ist ja auch völlig legitim – auch wenn manche, wie das Philosophiemagazin Hohe Luft, dies als gesellschaftliches Doping und unlauteren Wettbewerb verteufeln. Trotzdem: Verboten ist es sicher nicht. Wir fragen uns: Ist es denn nötig – und bringt das was? 

Wo fängt es an, wo hört es auf?

von Ines

„Das Aussehen ist das Erste, was man sieht“, stellte schon Big-Brother-Zlatko fest. Und bringt auf den Punkt, warum es eben nicht egal ist, wie schön, hübsch, gut aussehend, attraktiv, sexy, charmant, umwerfend jemand sein mag. Es ist nicht egal, weil es das Erste ist, was wir wahrnehmen. Und auch wenn der erste Eindruck revidiert werden kann (und sollte), dass er eine Rolle spielt, beweist allein, wie häufig wir uns daran erinnern. „Als ich dich das erste Mal sah, dachte ich …“, so beginnen Reminiszenzen zu rotweinschwangerer Stunde. Nicht immer endet die Nostalgiesession harmonisch. Denn nicht immer ist der erste Eindruck positiv.

An allen Ecken, Enden und Kanten versucht die Menschheit, sich zu verbessern. Selbstoptimierung ist das Stichwort, unter dem Apps oder Sensoren angepriesen werden, unter dessen diszipliniertes Kommando sich jeder begibt, der ein schlankerer, schnellerer, schlauerer Mensch werden will: Wie viele Schritte laufe ich am Tag, wie lange und wie effektiv schlafe ich, wie viel Geld gebe ich für Schokolade und Schuhe aus? Warum also sollten wir gerade dort aufhören, wo wir, wie es scheint, etwas bewirken. Wie fit oder faul wir sind, kriegt niemand mit außer uns selbst. Wie schön wir sind, das merken auch die anderen. Ob es Sinn und Spaß macht, ständig besser werden zu wollen, darüber lässt sich streiten. Aber ist schneller, schöner, schlauer denn überhaupt besser? Wer behauptet das, wer bestimmt das?

Jede Gesellschaft hat ihre Zwänge, jede Kultur strebt nach Schönheit. Dieses zutiefst menschliche Phänomen ist nicht verwerflich. Die Frage ist nur: Wo fängt es an, wo hört es aus? Wenn ich die Runzel rechts über der Augenbraue glätten lasse, fällt die Falte unter meinem Kinn umso mehr auf. Wenn meine Brüste schon gnadenlos straff sind, soll mein Po auch nicht lustlos herumhängen müssen. Beauty-OPs machen süchtig – dafür gibt es gerade unter Promis, denen die finanzielle Bremse fehlt, warnende Beispiele genug. Doch die Frage lautet auch: Was ist eigentlich schön? Schließlich gibt es zum Glück mehr als eine Gesellschaft, mehr als eine Kultur, und darum zum Glück auch mehr als ein Schönheitsideal. Was wir schön finden, ist nicht mehr als eine Momentaufnahme, veränderbar je nach Zeit und Raum. Venus oder Wonder Woman, Mona Lisa oder Marilyn Monroe, Jen oder Jolie. Vornehme Blässe oder knackige Bräune, große oder kleine Brüste, krause oder glatte Haare. Als schön gilt, was schwer zu erlangen ist – das ist kein Geheimnis. Da können uns Forscher noch so viele Schablonen hinlegen von universell schönen Gesichtern, die harmonisch und ebenmäßig und symmetrisch und unglaublich langweilig sind. Dennoch macht sich jede Kultur, vielleicht sogar jedes Individuum ein eigenes Bild – und das ist auch gut so.

Da hat man sich vielleicht gerade zwei Kilo Silikon einpflanzen lassen, reist nach Brasilien, um die neuen Errungenschaften räkelnderweise am Strand vorzuführen und sich neben den hübschesten Frauen der Welt im wörtlichen Sinne zu brüsten. Und muss dann feststellen, dass die Reaktionen eher irritiert als bewundernd sind. Allen gefallen zu wollen, ist nicht nur unmöglich, sondern auch mühsam, wenn man ehrlich ist. Ist mühsam, teuer und gefährlich – nicht nur, weil bei jeder OP etwas schiefgehen kann. Sondern riskant auch, weil die großen Erwartungen an das gloriose, hoffnungsumwobene, optimierte und optimale „Leben danach“ nicht immer erfüllt und oft enttäuscht werden.

Schließlich: Schön, hübsch, gut aussehend, attraktiv, sexy, charmant und umwerfend sind sieben völlig verschiedene Dinge. Darum macht eine Schönheits-OP im besten Falle schön – mehr aber auch nicht. Ob jemand die Ausstrahlung einer Scheibe Gouda hat und den Sex-Appeal einer Zwiebel (zum Heulen, ohne scharf zu sein), daran ändert das Skalpell rein gar nichts. Und darum ist es ein Irrtum, dem viele erliegen, wenn sie denken, sich Glück, Liebe, Sex erbasteln und erkaufen zu können, ein Irrtum, den sie teuer bezahlen. Unter anderem mit der Erkenntnis, dass Nase, Stirn oder Busen zwar auf einmal perfekt sind – das Leben aber immer noch nicht.

 

Harder, better, faster, stronger

von Charlotte

Besser geht immer. Um die Pubertät ist wohl niemand von uns drum herum gekommen. Und ebenso wie andere Mädchen, steckte auch ich mal in dieser Selbstfindungskrise. Wenngleich mich mein ungebrochener Realismus kopfmäßig schon früh relativ reif im Vergleich zu anderen hat scheinen lassen, war mein Körper eher vom Typ „Nachzügler“. Es war nicht immer leicht zu beobachten, wie sich die anderen Mädchen rasend schnell entwickelten, während ich quasi bis heute auf weiblichere Rundungen warte und lange hoffte, die Natur spiele mir nur einen gemeinen Streich und wolle mich anschließend nach dem Motto „Gutes braucht seine Zeit“ überraschen. Die Industrie mit der Schönheit boomt. Und so blieben auch mir die Möglichkeiten nicht unbekannt, mit denen man seinem optischen Schlamassel entrinnen und aus sich selbst mit dem nötigen finanziellen Background das machen lassen könnte, was man immer haben wollte. Einen weiblichen Körper, eine gerade Nase, volle Lippen.

Ich habe sie überstanden, die Pubertät. Unbeschadet. Und unoperiert. Denn schlauerweise darf man sich erst als Volljährige unters Messer legen, dann fehlen aber erst mal die finanziellen Mittel und bis man diese dann endlich hat, ist man in einem Alter angekommen, in dem man sich sagt „na jetzt lohnt es sich auch nicht mehr!“

Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass sich an mir nichts mehr ändern wird. Zumindest nicht zum Positiven. Mit Bedauern stelle ich fest, dass ich im Gegensatz zu manch anderer Altersgenossin recht viele Falten um die Augen habe. Was soll’s, erwiesenermaßen machen Lachfalten sympathisch und heißt das nicht, dass ich ein lustiger Mensch bin und immer viel zu lachen habe? Ist es nicht viel schöner, einen guten Charakter zu haben, als perfekt auszusehen? „Wer überall perfekt sein will, ist bloß feige.“ sagt Buchautor Klaus Werle in einem Interview mit dem Stern. Umso besser, ich bin nicht nur amüsant, sondern auch mutig!

Dass innere Werte zählen, hört man dauernd. Dabei bin ich von einem zutiefst überzeugt: Wer sich selbst optimiert, gelangt zu mehr Selbstbewusstsein! Gleichwohl muss ich dir Recht geben, Ines. Ich habe die Vermutung, dass es mit Schönheits-OPs so ist wie mit Tattoos. Ich habe einige Bekannte, die bis zum ersten Tattoo lange überlegt haben. Als sie eben dieses dann endlich hatten, war eine Hemmschwelle endgültig übertreten und unzählige Tattoos folgten, die nicht immer eine sinnvolle Bedeutung und nicht immer eine verschönernde Facette hatten. Einmal den Schritt zur Schönheit-OP getan und schon kann man sich nicht mehr zügeln, bis man völlig überoptimiert aussieht und das Auge dafür verliert, was noch als „natürlich“ durchgehen könnte. Dennoch: Ebenso wie meine Tattoo-Bekannten, kenne ich auch Menschen, die nicht den Mut haben, zu sagen „Ich bin, wie ich bin und so bleibe ich!“ Sie sind unzufrieden mit sich und zwar so stark, dass es sich auf ihr komplettes Leben auswirkt. Wenngleich sie zweifelsohne hübsche Frauen wären, fehlt es ihnen an Selbstbewusstsein. Weil ihre Brüste zu klein oder ihr Mund zu schmal ist. Sie fühlen sich unwohl in ihrem Körper, können zum Teil nicht einmal eine richtige Beziehung führen, weil sie sich für ihre Proportionen schämen oder ihr mangelndes Selbstwertgefühl zu krankhafter Eifersucht führt. Ist es nicht schön, dass wir heute die Mittel haben, um uns aus dieser psychischen Misere zu retten? Definitiv ja. Schade ist nur, weshalb wir überhaupt in diese Misere geraten. Denn das ist meistens nicht etwa die eigene Unzufriedenheit, sondern die Tatsache, dass wir überall suggeriert bekommen, wie die perfekte Frau auszusehen hat. Die Tatsache, dass wir mit mehr Oberweite, volleren Lippen und einer passenderen Nase für das andere Geschlecht attraktiver wären. Denn insgeheim wissen wir, dass auch heute noch ein evolutionäres Gesetz vorherrscht: Der am besten angepasste setzt sich durch. Und am besten angepasst ist, wer der breiten Masse gefällt, wer potenziell die besten Chancen und die größte Auswahl hätte. Wer glaubt schon einem Mann, der behauptet, er stehe auf kleine Brüste? Können wir es Männern überhaupt verübeln, dass sie insgeheim gegenteiliges wünschten, wenn die Werbeindustrie sie einer Gehirnwäsche unterzieht und sie permanent mit perfekten Körpern konfrontiert? Wer weiß schon, ob das anziehende Dessous-Model auf dem Plakat tatsächlich so volle Rundungen hat? Hier ein Schatten mehr, da ein bisschen mit Photoshop nachgeholfen und schon wird aus einem A-Körbchen ein C-Körbchen. Und das – oh Wunder – ganz ohne OP. Dafür aber mit umso größerer Wirkung.

Wir haben inzwischen ein Zeitalter erreicht, in dem Beauty-OPs nicht mehr verheimlicht werden. Und obwohl wir nun so weit sind, wenigstens dazu zu stehen, macht sich auch ein anderer Trend breit. Der nämlich, zu seiner Nicht-Perfektion zu stehen. Die Dove-Werbung macht’s vor, Werbungen für Naturprodukte machen’s nach und apropos Natur: Auch Bio-Produkte im Supermarkt erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, weil wir uns an all dem Künstlichen satt gegessen haben. Ebenso wie wir uns an all dem Künstlichen sattgesehen haben.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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