Schönes Cover vs. innere Werte?

Was müssen Bücher mitbringen? Ein schönes Cover oder innere Werte?

Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt, heißt es. Aber was macht ein gutes Buch aus, Aussehen, Inhalt, Sentimentalitäten? Worauf kommt es beim Bücherkauf tatsächlich an? Von Oberflächlichkeit und inneren Werten.

Der Glanz der Wahrheit

von Charlotte

Wenn ich eines in meinem jungen Leben gelernt habe, dann ist es, nicht oberflächlich zu sein. Ich habe viele Freundinnen, deren Äußeres kaum Aufschluss darüber gibt, wie ihr bezaubernder Charakter ist. Eine meiner Freundinnen erweckt mit ihrem Kleidungsstil und ihren kurzen Haaren den Eindruck, sie habe eine raue Persönlichkeit, die nichts erschüttern kann. Tatsächlich aber ist sie eher von einem sensiblen Gemüt und so liebenswert, dass es mir weh tut, wenn andere vorschnell über ihr Aussehen urteilen und sie in eine Schublade stecken. Eine andere Freundin gruppiert sich zu einem musikalischen Genre, das sie zu einem überwiegend schwarzen Kleidungsstil veranlasst (was übrigens nicht heißt, dass sie völlig unerwartet auch mal ein House-Lied zu ihren Favoriten zählt). Außerdem schaut sie mangels Sehhilfe manchmal etwas böse drein. Dabei hat sie eine Vorliebe für Glitzer, Blümchenmuster und die Farbe rosa. Ihr Lieblingsfilm ist Sissi und mit allem rund um Prinzessin Lillifee kann man ihr eine riesige Freude machen. Und wenn sie süße Hunde sieht („süß“ findet sie auch diese Art Hunde, die bei anderen Angst und Schrecken auslösen und/oder von einer respekteinflößenden Statur sind), scheint sie vor Verzückung zu platzen. Dass ich diese wunderbaren Seiten an meinen Freundinnen kenne, zeigt, wie wenig ich mich von Äußerlichkeiten irritieren lasse.

Was den Bücherkauf angeht, verhält es sich etwas anders. Ich liebe Buchhandlungen. Ich liebe alles Haptische an Büchern (weshalb man mir mit einem ebook-Reader auch keine Freude machen könnte). Wenn ich ein bisschen Zeit habe, gehe ich gerne einfach in eine Buchhandlung und schaue mir allerlei Bücher an. Ich nehme sie in die Hand und freue mich, wenn sie unerwartet leicht sind, ihr Cover aus besonderem Papier ist oder so riechen, wie nur neue Bücher riechen können. Und ich finde es toll, wenn sie ein ansprechendes Cover haben, ein tolles Motiv, eine witzige Figur oder auffallend bunte Farben. Tatsächlich ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich vor allem zu den Büchern greife, die einfach schön aussehen. Neuerdings gibt es auch Bücher, die seitlich bedruckt sind. Und ich meine nicht die Seite des Buchrückens. Genau in diesem Moment frage ich mich, ob die Gegenseite zum Buchrücken einen Namen hat…Buchbauch vielleicht? Wie dem auch sei: Ich fand das im ersten Moment unglaublich innovativ und war kurz davor, eines dieser nett bedruckten Bücher zu kaufen, einfach um es zu haben.

Ein schönes Buch reizt mich ungemein beim Kauf. Und das zeigt wieder einmal, wie unbewusst ich mich von ausgeklügelten Werbeideen lenken lasse. Natürlich lese auch ich mir den Klappentext durch. Um Bücher wie die des Diogenes Verlags oder Reclam mache ich aber meist von vornherein einen sehr großen Bogen. Sie sprechen mich nicht an, sie erwecken für mich den Eindruck, als wollten sie nicht gekauft werden. Das Drumherum gehört für mich zum Leseerlebnis einfach mit dazu. Ich besitze Bücher auch lieber, als sie mir zu leihen. Ich habe sie gerne im Regal stehen. Und gerade dann dürfen sie doch auch schön aussehen, oder?

Natürlich muss auch der Inhalt stimmen. Und selbstverständlich habe auch ich schon die Erfahrung gemacht, mit meiner Cover-Einschätzung daneben zu liegen: Wir hatten ewig lange ein Buch zuhause stehen, dessen Cover nicht im Geringsten meine Neugier geweckt hat. Meine Mutter hat es irgendwann gelesen und war unglaublich begeistert. Anschließend habe auch ich es gelesen und heute zähle ich es zweifelsohne zu meinen Lieblingsbüchern. Generell lese ich viele Bücher, weil ich sie empfohlen bekommen habe, ohne zu wissen, wie sie aussehen. Denn dass hinter einem guten Cover ein desaströs schlechtes Buch stecken kann, ist mir wohl auch bewusst. Prekärer ist es – und auch das tue ich oft genug – sich von Bestseller-Aufklebern und Empfehlungs-Stickern leiten zu lassen. Shades of Grey zeigt: Was sich gut verkauft, muss nicht auch gut sein. Ebenso wie ich werden dieses unfassbar schlechte Buch Millionen von Menschen nur gekauft haben, weil sie überall von dessen Hype gehört haben. Genau so landet ein Buch nämlich auf einer Bestsellerliste, weil wir Gruppenzwang-Gesteuerten es nur kaufen, um mitreden zu können. Vielleicht auch ein bisschen, um den Hype zu verstehen. Hoffentlich haben all die anderen beim Lesen eine ebenso herbe Enttäuschung erlebt wie ich!

 

Die Ästhetik der Wirklichkeit

von Ines

Ich bin überhaupt nicht eitel. Zumindest nicht, was mein Bücherregal angeht. Kunterbunt ist das Wort, was die meisten benutzen, die es zu Gesicht bekommen. Hier der Kanon von Reich-Ranicki, daneben der Ganz Große Sammelband von TKKG. Astrid Lindgren umarmt Thomas Mann, heitere Frauenromane schielen ängstlich zu düsteren Psycho-Thrillern rüber, die Hunger Games (geschenkt bekommen) wetteifern mit Harry Potter (selbst gekauft) um die Aufmerksamkeit des werten Betrachters.

Kunterbunt auch der Zustand, in dem sich meine gesammelte (Schund)-Literatur befindet, und das ist leider wörtlich gemeint. Ich gestehe: F hat nicht übertrieben, als er die zahlreichen Aktivitäten schilderte, die meine Bücher mitmachen müssen. Ich lese überall, wo es kaum möglich ist, etwas anderes zu tun – im Zug, in der Supermarktschlange, auf dem Riesenrad, zum Beispiel. Und ich lese überall, wo es möglich ist, es zu tun – während wichtiger Konferenzen (unterm Tisch), während langweiliger Fernsehabende (super übrigens auch der Dreiklang: fernsehen, dabei lesen, dabei Nägel lackieren), auf Vulkan-Wanderungen durch Island (Vorsicht: sobald in raschem Tempo rotes Gestein auf einen zurollt, besser kurz unterbrechen). Entsprechend kunterbunt die Farben meiner Bücher: rot (Vulkan), weiß (Zuckerwatte), gelb (zerbrochenes Senfglas) oder Chocolate-Cake-Dunkelbraun (meine neue Nagellackentdeckung). Kurz gesagt: Das Cover ist bei mir irrelevant, im Zweifel gestalte ich es sowieso neu.

Auch ich liebe es, echte Bücher in die Hand zu nehmen. Der Geruch aus dem Buchinneren, das Gewicht vom Buchrücken in der Hand, das Geräusch raschelnder Buchseiten. Ja, das viel beschworene haptische Gefühl von Büchern ist durch nichts zu ersetzen. (Meinst du vielleicht übrigens den Buchschnitt?) Gerade die Leute aber, die großen Wert auf die Ästhetik ihres Buchregals legen, greifen gerne zum E-Reader. So auch eine Freundin, studierte Lehramtsgermanistin, liest gerne Klassiker: Kafka, Kleist, Keller, die ganze Chose. Noch lieber jedoch liest sie erotische Sklavenromane, gegen die Shades of Grey sowas von einpacken kann. Weil die ihr intellektuell dekoriertes Wohnzimmer nicht verhunzen sollen und es auch einen eher schlechten Eindruck machen würde, von Schülern oder Kollegen damit an der Bushaltestelle ertappt zu werden, bedeutet der E-Reader für sie Freiheit. Die Freiheit, wann und wo sie will, in sexuellen Phantasien zu schwelgen, von denen ich ehrlich gesagt lieber nie erfahren hätte: zur Aufheiterung an einem Montagmorgen, zur Entspannung nach einem frustrierenden Vormittag oder zur Mobilisierung neuer Kräfte in der großen Pause. Seitdem hat sie bessere Laune, die Schüler eine gelassene Lehrerin und ihr Freund eine zufriedene und befriedigte Partnerin.

Der E-Reader macht alle gleich. Er ist die perfekte Illusion, die ideale Demokratie: Kafka liegt Coelho in den Armen, Sex im alten Rom wird nivelliert durch De Bello Gallico und Der Untertan könnte auch der Feder einer E. L. James entsprungen sein.

Doch für mich kommt die wahre Schönheit von innen, da bin ich sentimental. Ich stelle Reihen scheußlicher Plüschschildkröten in mein Schlafzimmer, die mir wohlmeinende Freunde und Verwandten zukommen lassen haben (nein, ich sammle kein Stoffschildkröten und habe auch noch nie welche gesammelt. Aber trotzdem danke, echt süß von euch). Ich hänge liebevoll gebastelte Collagen auf, selbst wenn sie seltsam nach Rotwein riechen, ich laufe auch mal ein Wochenende lang im von der Großtante eigenhändig gestrickten Häschenpulli rum („Rosa steht dir doch so gut!“). Und ich finde meine Freundinnen allesamt unglaublich hübsch, weil ich sie liebe, weil ich Erinnerungen mit ihnen verbinde, die wachwerden, sobald ich sie sehe. Genauso geht es mir mit Büchern. „Es kommt auf den Charakter an“, sagt Herr Müller-Lüdenscheidt. Und der entsteht nun mal erst durch kleine Schönheitsfehler.

 

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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