Schreibschrift abgeschrieben

In Finnland wird die Schreibschrift aus den Schulen verbannt. Viel liest man darüber. Verlust der Feinmotorik. Aufgabe eines alten Kulturguts. Ein tieferer Bewusstseinsprozess wird ohne Schreibschrift nicht mehr erreicht. Ist das wirklich so?

von Charlotte

Ich habe sie noch gelernt, die Schreibschrift. In meinen Erinnerungen sehe ich sie noch vor mir, diese speziell linierten Hefte, in denen wir akribisch einen Buchstaben nach dem anderen schreiben, ja zeichnen lernten. Was heute davon übrig ist? Nichts. Mit Schreibschrift hatte meine Schrift schon in der weiterführenden Schule nicht mehr viel zu tun. Sie hat sich derart vielen Modifikationen unterzogen, immer wieder andersartige, hübsche Buchstaben aus den schöneren Schriften meiner Mitschülerinnen aufgenommen und ist heute tatsächlich eher Druck- als Schreibschrift. Wie ich jüngst festgestellt habe, kann ich aber auch anders: Ich kann kursiv!

Das zeigt schon auf eindeutige Art und Weise, dass Vokabular und Schriftart des digitalen Zeitalters Einzug gehalten haben, selbst in die Handschrift (in meine zumindest). Ich erinnere mich kaum noch an die Schreibschrift selbst, auch nicht genau daran, an welchem Punkt in meiner Schülerlaufbahn sie mir abhandengekommen ist und warum überhaupt. Das Gefühl, dass ich mit meiner heutigen Schrift langsamer schreibe als andere, habe ich allerdings nicht und ich muss sagen: dafür überlebe ich ganz gut. Mein Schriftbild ist sauber (es sei denn, ich bin in Hektik, aber selbst dann lassen sich die Buchstaben noch erkennen).

Ein einheitliches Schriftbild soll die Schreibschrift bringen, eines, das allen Schülern gleich ist. Wenn ich mich recht erinnere, hielt diese Einheitlichkeit in meiner Klasse nicht lange an.

Was viele nicht wissen, die jetzt empört aufschreien: Selbst in Deutschland gibt es keine einheitliche Regelung. Seit 2004 wird offen gelassen, welche Schrift Schüler lernen sollen. Von einer gut lesbaren verbundenen Handschrift ist die Rede. Buchstaben dürfen verbunden werden, vier Schriftarten werden derzeit in Deutschlands Schulen gelehrt. Mit Einheitlichkeit hat das auch nicht viel zu tun. In Hamburg gehört die sogenannte Grundschrift im Wesentlichen bestehend aus handgeschriebenen Druckbuchstaben dagegen längst zum Schulalltag. Kleine Bögen am Buchstabenende ermöglichen es Schülern – so sie denn möchten – die Buchstaben miteinander zu verbinden. Fördert das nicht auch die Kreativität und die individuellen Bedürfnisse der Schüler?

Ästhetische Verarmung durch Abschaffung der Schreibschrift? Verkümmerung feinmotorischer Fähigkeiten? Ist das wirklich so? Empirische Erhebungen dazu sind rar gesät. Tatsächlich sind Tastaturen heute kaum noch aus dem Alltag wegzudenken. Ist es daher nicht nachvollziehbar, den Umgang mit der Technik zu lehren, statt sich in einer schönen, einheitlichen Schreibschrift zu üben? Zweifelsohne muss eine Handschrift gelehrt werden. Sie ist unerlässlich, auch heute noch. Noch brauchen wir sie um Formulare auszufüllen, Einkaufszettel und Klausuren zu schreiben, Notizen zu machen. Ich halte wenig davon, alles digital zu verarbeiten, weil ich selbst weiß, wie viel besser es sich lernt, wenn man selbst schreibt. Von der Art der Schrift hängt das – so meine Meinung – aber nicht ab. Muss es wirklich die gute alte Schreibschrift sein?

Stift und Papier verankern Wissen besser im Gehirn als digitale Medien. Das ist tatsächlich wissenschaftlich nachgewiesen und ein Argument dafür, eine Handschrift beizubehalten. Statt sich aber damit zu befassen, welche Schrift Kinder in der Schule lernen, sollte doch vielleicht lieber einmal die Methodik hinterfragt werden, mit der sie die Rechtschreibung (nicht) lernen.

Wir entwickeln uns weiter und ganz sicher gehören digitale Medien zu dieser Entwicklung dazu. Wir kommen nicht drum herum. Über ihre Nachteile lässt sich trefflich streiten, vieles machen sie dennoch einfacher, bequemer, schneller und eben auch für jeden lesbar. Es gab einmal eine Welt ohne Autos, ohne Radios, ohne Fernseher, ohne Telefone, selbst ohne Schrift. Freuen wir uns daran, schreiben und Gedanken zu Papier bringen zu können. Ist es nicht egal, ob das in Schreibschrift oder Druckbuchstaben geschieht?

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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