Sex & Drugs & Alcohol

Sex, drugs and alcohol? Können wir uns andere schön trinken?

Mehr als die Hälfte der deutschen Frauen, knapp die Hälfte der deutschen Männer haben am liebsten Sex, wenn sie beschwipst sind, belegte eine Umfrage von C-Date. Traurig oder wahr? Skandalös oder komplett nachvollziehbar? Ob Schöntrinken auch bei uns funktioniert – und ob das eigentlich gut oder schlecht ist. 

Rein ins Vergnügen

von Charlotte

In Anbetracht der Tatsache, dass ich in einer karnevalistisch sehr geprägten Region aufgewachsen bin, schockiert mich diese Studie eigentlich nicht. Die fünfte Jahreszeit ist sozusagen Hochsaison für Flirtwütige, Sexhungrige und Abenteuerlustige. An Karneval gekoppelt ist unweigerlich auch ein immenser Alkoholkonsum. Das kann an der gewöhnungsbedürftigen Musik liegen, die in nüchternem Zustand nur schwer zu ertragen ist. Oder an den vielen Gesichtern, die nicht immer schön, aber durchaus „willig“ sind. Mit dem einen oder anderen Bierchen intus ist schon aus so manchem hässlichen Entlein ein schöner Schwan geworden. Vorurteilsbehaftet wie ich bin, muss ich allerdings auch gestehen, dass ich sogar mehrere Paare in meinem Umfeld habe, die sich an Karneval kennen und lieben gelernt haben. Über ihre privaten Aktivitäten möchte ich gar nichts wissen, aber vielleicht sind sie der Grund, weshalb der alkoholisierte Zustand auch in der Beziehung beibehalten werden muss: Quasi um die ursprüngliche beschwipst-lockere Kennenlernstimmung weiterhin aufrechtzuerhalten.

Ich beneide viele Menschen. Zum Beispiel beneide ich Menschen, die von Natur aus weniger denken. Ihnen geht es meistens gut, sie kümmern sich meistens nicht um das, was um sie herum passiert und sie verfügen so gesehen unfreiwillig über die Gabe, alles Schlechte, Erschreckende, Zermürbende von sich fernzuhalten. Und ein wenig beneide ich auch all jene, bei denen das Prinzip „Schöntrinken“ funktioniert. Das hat so etwas Magisches, „ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“ sozusagen. Ist es nicht toll, wenn man frei von Erwartungen los ziehen kann und sich mit so einfachen Mitteln wie Wein, Bier, Cocktails und Co. alles schön machen kann? Gut, wer es übertreibt, muss tags darauf für all die temporäre Schönheit büßen und erleidet schlimmstenfalls ein Posttrauma, dessen Erholung in keiner Relation zu dem steht, was am Abend zuvor passiert ist.

Ich kann es selbst zwar nicht bestätigen, aber es ist tatsächlich erwiesen, dass man sich durch Alkohol andere Menschen schön trinken kann. Es gibt eine einfache und logische Erklärung dafür: Schön gilt, wer besonders symmetrisch ist. Je symmetrischer ein Gesicht, desto schöner finden wir es. Wer seine Sinne durch Alkohol manipuliert, der nimmt optische Irregularitäten in einem geringeren Maß wahr. Und Schwups, das Gegenüber sieht schon fast aus wie ein Topmodel. Allerdings wurde auch bereits ein anderes Phänomen unter Alkoholeinfluss festgestellt: Offenbar finden wir nicht nur andere mit ein paar Gläschen intus irgendwie toller, sondern auch uns selbst. Und das funktioniert praktischerweise sogar dann, wenn wir unwissend überhaupt keinen Alkohol getrunken haben. Warum? Alkohol soll in unseren Köpfen als „soziales Schmiermittel“ verankert sein. Bei mir werfen die beiden Ergebnisse aber folgende Frage auf: Während die anderen unter Alkoholeinfluss immer schöner werden, werde auch ich immer schöner. Die Spanne zwischen meiner eigenen Attraktivität und der Nichtattraktivität der anderen müsste dann doch unverändert bleiben, oder?

Na ja … dann ist es wohl doch eher dem Aspekt des zwischenmenschlichen Gleitmittels als dem der hemmungsabbauenden Substanz zuzuschreiben, dass offenbar viele lieber beschwipst im Bett oder sonst wo landen.

 

Raus aus den Betten

von Ines

„Du siehst mit diesem Trank im Leibe/ Bald Helenen in jedem Weibe“, verspricht Mephisto dem armen Faust, der sich ungeliebt und unbefriedigt fühlt. Und er hatte Recht: Je höher der Alkoholpegel, desto besser gefallen uns all diese entzückenden Leute, die nicht nur nett, sondern auch wunderschön sind. Der Schuft, der uns abfüllt, um danach mit unserer Handtasche den Abflug zu machen? Ein Rosenkavalier der alten Schule. Der gedrungene Typ mit Halbglatze und glitschigem Händedruck? Ein Adonis sondergleichen. Finden wir den Menschen in unserem Bett, ob einmaliges Gastspiel oder langjähriger Partner, etwa nur mit rosaroter Aperol-Brille attraktiv? Und zauberte auch Paris erst eine Obstbowle aus dem Zankapfel, bevor er sich an den Raub der schönen Helena wagte? Ein trauriges Zeugnis, nüchtern betrachtet.

Ich schreibe „wir“ und meine: euch. Denn auch bei mir hat Schöntrinken noch nie funktioniert. Und darüber bin ich ziemlich froh. Mit Karneval kann ich wenig anfangen, mit Fasching (so heißt das in der spaßbefreiten Gegend, aus der ich stamme) noch weniger. Wenn ich mir fünf Kölsch in fünf Minuten reinkippe (was ohnehin nie passiert, da ich sehr langsam trinke), dann hat das Auswirkungen auf mein Hirn – aber doch nicht auf meine Augen. Betrunken an Karneval rumgeknutscht habe ich ein einziges Mal (mit einer guten Freundin, die ich auch bei Verstand und Tageslicht hübsch finde). Öfters jedoch ist es mir passiert, dass irgendein Betrunkener versucht hat, mich abzuknutschen. Ich finde das sehr unhöflich. Ich küsse ungefragt keine anderen Menschen und denselben Respekt erwarte ich auch von ihnen.

Nun stelle man sich mal vor, Kurze, Kölschs und Cocktails in geballter Form hätten mich dazu gebracht, all diese Typen gewähren zu lassen. Nein, das will ich mir gar nicht vorstellen. Ließe ich mich durch Alkohol so leicht rumkriegen, ich würde nie wieder wagen, auch nur einen Tropfen anzurühren. Wenn man weiß, dass jeder feucht-fröhliche Abend dazu führen kann, sich verführen zu lassen – ist das nicht furchtbar unentspannt?

Als unschuldiger Teenie habe ich unzählige Male fassungslos zugesehen, wie sich meine Freundinnen statt auf den süßen Typen, in den sie schon lange verknallt waren, auf seinen unattraktiven Kumpel stürzten. Ich wusste genau, dass sie allein bei der Erinnerung daran am nächsten Tag knallrot anlaufen würden. Das Gute? Sie konnten sich nicht mehr erinnern. Als treue Freundin verzichtete ich darauf, sie auf den Irrtum hinzuweisen – auch wenn ich vielleicht besser schonungslos gewesen wäre und sie somit bewahrt hätte, den Fehlgriff ein zweites, drittes, zwölftes Mal zu begehen.

Ein Freund erzählte neulich die Geschichte seines jüngsten One-Night-Stands – und schloss dramatisch mit den Worten: „… und ihr kennt doch diesen Moment, wenn man aufwacht, zur Seite schaut und nur noch denkt: waaaaaaaaaaaaah!“ Nein, diesen Moment kenne ich nicht. Kein Mann braucht Angst haben, frühmorgens verkatert durch einen schrillen Schrei aus meiner Kehle geweckt zu werden (es sei denn, ich habe gerade einen Alptraum). Umgekehrt hoffe ich sehr, dass ich niemals auf einen treffe, bei dem das mit dem Schöntrinken funktioniert. Wenn der dann frühmorgens aufwacht und bei meinem Anblick anfängt zu kreischen – das fände ich doch sehr unhöflich.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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