„Sie haben da was verloren!“

„Schlecht ist zu nennen, wer nur im eigenen Interesse gut ist“, philosophierte schon der römische Moralist Publius Syrus. Gibt es sie noch, die Menschen, die selbstlos Gutes tun? Und können wir uns auf sie verlassen? Was dem einen der Glaube ans Gute ist, ist dem anderen der reine Verlass auf sich selbst. 

Loblied der lieben Leute

von Ines

Ich bin so konfus, ich muss es ehrlich sagen. Übertroffen werde ich nur von meinem Bruder, dem es in fünfzehn Jahren wöchentlichem Geigenunterricht kein einziges Mal gelungen ist, mit vollständiger Ausrüstung zu erscheinen. Mal vergaß er die Noten, mal nahm er die falschen Noten mit. Mal vergaß er den Bogen, mal den Notenständer. Am häufigsten vergaß er die Geige selbst. Schließlich kapitulierte er, befand, dass die Sache zu mühsam für ihn und den Lehrer wurde – und stieg um auf Klavier.

Aber wer bin ich, darüber zu urteilen? Ich bin ja auch nicht besser. Ich lasse Sachen fallen, ich falle auf Sachen drauf. Ich falle von Sachen runter, ich falle über Sachen drüber, ich falle gegen Sachen, lasse Sachen auf mich fallen, oder eine Sache auf eine andere Sache. Ich verliere Sachen, vergesse Sachen, zerstöre Sachen. Um es kurz zu machen: Sachen und ich, wir haben kein gutes Verhältnis. Ich mag sie nicht, sie mögen mich nicht.

Was ich umso lieber mag? Menschen.

Wer hat behauptet, dass der Großteil unserer Gesellschaft aus Griesgramen, Missmurren und Brummbären besteht? Ich finde Menschen unglaublich nett. Womit ich nicht sagen will, dass die Menschheit gut und die Welt in Ordnung ist. So verrückt bin ich nun auch nicht. Aber: Unsere extrem verbesserungswürdige Erde ist bevölkert von extrem liebenswürdigen Leuten. Das muss man ja wohl noch mal sagen dürfen, bitteschön.

Gestern war ich schwimmen. Ich legte Handy und Geldbeutel in ein Schließfach, schmiss einen Euro hinterher, drehte den Schlüssel um und band ihn mir um mein Handgelenk. Ich bin zwar konfus, aber keiner soll mir vorwerfen, leichtfertig zu sein. Als ich fertig war, öffnete ich das Schließfach wieder – und heraus purzelte: ein Euro. Davon abgesehen war das Fach so leer wie mein Hirn, wenn mich jemand bittet, mal rasch 18 mit 23 zu multiplizieren. Ich kontrollierte die Nummer: die Vier. Ich ging zum Bademeister, bei dem ein Schlüssel abgegeben worden war: die Fünf. Wir öffneten das Fünfer-Fach, wo behaglich und wohlbehalten meine gesammelten Wertgegenstände lagen. Was war passiert? Ich hatte meine Sachen im Fünfer abgelegt, dann den Vierer zugeschlossen. Ein netter Mensch hatte meinen Irrtum bemerkt und meine Güter, statt sich an ihnen zu bereichern, in Sicherheit gebracht.

Ein Freund von mir, auch ein netter Mensch, fand neulich einen Geldbeutel. Netterweise machte er den Besitzer ausfindig, netterweise schenkte ihm der Besitzer vor Freude zwanzig Euro. Netterweise spendierte mein Freund allen seinen Freunden ein Eis. Das Leben kann so schön sein.

Wenn ich mal wieder etwas verloren, vergessen, verlegt habe, merke ich das meist an der Schlange aus wild gestikulierenden und lauthals rufenden Menschen, die sich hinter mir bildet. Die Leute zeigen eine beeindruckende Ausdauer – im Normalfall dauert es nämlich zehn Minuten, bis ich den Tumult überhaupt zur Kenntnis nehme. Einmal lief mir eine Frau samt Zwillingswagen vom Neumarkt bis zum Dom hinterher, nur um mir einen Handschuh nachzutragen. Als sie endlich, völlig heiser, komplett verschwitzt, mit zerzaustem Haar und zitternden Knien, meine Aufmerksamkeit errungen hatte, meinte sie treuherzig: „Man ärgert sich doch immer so, wenn da einer fehlt.“

Recht hat sie! Und wie ich mich geärgert hätte. Darum will ich einfach mal von Herzen Danke sagen – all den netten Menschen, die konfusen Menschen wie mir das Leben jeden Tag ein wenig leichter machen. Ihr seid die Besten.

 

Das Gute im Menschen?

von Charlotte

Ja, ja! Man hört es ja immer wieder: Man soll an das Gute im Menschen glauben! Aber es gibt diese Tage, an denen man diesen Glauben völlig verliert. Meistens trifft es einen, wenn man es gerade nicht gebrauchen kann. Wenn man gerade ohnehin schon auf hundertachtzig ist, weil man vom Chef genervt wurde, bei über 30 Grad in einem nicht-klimatisierten Zug voller kreischender Kinder und pöbelnder Fußballfans sitzt und dann auch noch zuhause folgendes Szenario vorfindet: Die Spülmaschine ist nicht ausgeräumt, die Wäsche nicht gemacht, der Müll nicht raus gebracht und der Kühlschrank nicht gefüllt. Liebevoller Partner hin oder her, in solchen Momenten könnte man ihn köpfen. Und wieder einmal wird einem klar: Auf andere ist kein Verlass.

Ich habe noch nie irgendetwas verloren. Zumindest keine Wertsachen, keine schwerwiegenden Dinge wie das Portemonnaie oder (Gott bewahre und laut sage ich es auch besser nicht) mein Handy. Das könnte vor allem damit zusammenhängen, dass ich – egal in welcher Situation, und sei es im heftigsten Hagelschauer – immer mein Hab und Gut kontrolliere. Das hat schon fast einen neurotischen Touch und macht mir manchmal selbst Angst: Bin ich süchtig? Habe ich einen Urinstinkt, der mich ständig veranlasst zu prüfen, ob noch alles da ist? Gruselig! Ich habe auch in meinem ganzen Leben noch nie verschlafen. Jeder Morgen – zumindest unter der Woche – läuft bei mir so ab: Der Wecker klingt und ich stehe SOFORT auf! Und für mich gab es früher nie etwas Schlimmeres, als wenn der Bus zur Schule erheblich zu spät und ich somit nicht zeitig in der Schule war. Als ob mich die Kammer des Schreckens erwarte, wenn ich mit ungefähr zwanzig anderen Mitschülern aus meiner Klasse, die morgens mit mir im Bus fuhren, zu spät einträfe. Auf die Uhr zu schauen gehört daher insbesondere in Ausnahmesituationen, die nicht in die Kategorie „geregelter Alltag“ fallen, auch zu einer meiner Neurosen. Wie wunderbar, dass ich dazu mein Handy benutzen kann, das von meinem Gehirn gleichzeitig auch als so wichtig eingestuft wird, dass ich sein Noch-Vorhandensein ohnehin dauern überprüfen muss. Ja, ich bin ein Kontrollfreak!

Wenn dann etwas meine geordnete Welt durcheinander bringt, passiert meistens das: Ich breche in Tränen aus! Das scheint meine natürliche Reaktion zu sein und vermutlich wird sie bei einem Weltuntergang genauso ausfallen.

Das heißt im Umkehrschluss auch, dass alles, was kein Weltuntergang ist, wie einer ausgelegt wird. Besonders ärgerlich ist es, wenn man auf andere angewiesen ist. Und sei es nur auf die Deutsche Bahn, die mich vorzugsweise an besonders heißen oder extrem kalten Tagen im Stich lässt. Ich rege mich dann so dermaßen darüber auf, dass es definitiv nicht mehr gesund ist. Gerne bekomme ich dann „Du musst das positiv sehen“ zu hören, aber dazu fehlt mir in solchen Momenten dann wirklich jegliche Muße. Besser man hat alles selbst in der Hand. Besser man verlässt sich gar nicht erst auf andere. Und besser, es geht dann bei einem selbst alles schief. Anderseits ist es doch deutlich angenehmer, wenn man im Falle des Falles die Schuld wenigstens anderen in die Schuhe schieben kann und sich nicht seine eigene Blödheit eingestehen muss…

Ein Gedanke zu “„Sie haben da was verloren!“

  1. Pingback: Von Knöpfen und Töpfen | nachtsumzwei.de

Beitragsnavigation

javaversion1