Spontan oder nach Plan?

Mal eben die Koffer packen und ab die Post – oder lieber doch im Januar den Winterurlaub für Dezember buchen? Welche Argumente es für welchen Weg gibt und wer, wie, wo sein Ziel erreicht hat, erzählen wir euch hier.

In zwei Sekunden zum Traumurlaub

von Ines

Während ich diese Zeilen schreibe – fangen nicht alle großen Texte mit diesen Worten an? -, blicke ich auf eine wundervoll-weiße-weihnachtliche Winterlandschaft. Leise rieselt der Schnee und das ganze Programm.

Silvester 2014 im Schnee, mitten in der Natur, irgendwo in Ruhe und Frieden – diesen Plan fassten F und ich, als wir das Ex-Neue-Jahr, das alte Jahr quasi, also letztes Jahr, in einem Flugzeug nach Australien begingen. Nun hätten wir theoretisch natürlich am nächsten Tag, sprich, am 2. Januar 2014, loslegen können. Sprich, uns nach ruhigen, friedlichen, bombenschneesicheren Regionen umsehen und sodann bombenfest buchen können. Hätten wir. Aber das hätte nun wirklich nicht unserem Naturell, geschweige denn unserem üblichen Vorgehen entsprochen.

Stattdessen taten wir das, was wir immer tun, nämlich erstmal ziemlich lange gar nichts. Außer ab und zu darüber zu reden, wie toll unser Silvester im Schnee, in der Natur, in Ruhe und Frieden doch werden würde, wie wundervoll weiß, wie herrlich ruhig und friedlich. Ende November whatsappte ich mit Charlotte ein bisschen hin und her, wie so oft, wenn unsere Bahnen, Züge und sonstige Beförderungsmittel zu unseren Arbeitsstätten mal wieder nicht so wollen, wie sie sollen. Charlotte schrieb, hach, sie und ihr Freund, S, wären ja so gerne über Silvester ein paar Tage weggefahren, in den Schnee, in die Natur, aber hach, jetzt wären sie ja leider viel zu knapp dran, um überhaupt noch etwas zu bekommen …

Upppps. Ich schluckte heftig. Und sah unser erträumtes Silvester irgendwo dort hinuntergehen, wo der schöne weiße Schnee zu einem traurigen grauen Bächlein zerschmilzt.

Dann begann ich zu rechnen. Das tue ich weder besonders gut noch besonders gerne, aber manchmal hilft halt alles nix. Australien-Reise: zwei Wochen vor Abflug gebucht. Toskana-Trip im Sommer: zwei Tage zuvor. Da sollten für einen harmlosen Winter-Ausflug zwei Stunden (Zeit genug, um die Moon Boots herauszukramen und den Navi gen Schnee einzustellen) doch reichen?

Natürlich reichte es. Und natürlich wäre es tausend Mal entspannter, tausend Mal ruhiger und friedlicher gewesen, hätten wir unseren vor Urzeiten gefassten Plan nicht wieder mal auf den allerletzten Drücker in Angriff genommen.

Um ehrlich zu sein: Spontaneität ist nichts weiter als ein Synonym für Aufschieberitis. So wie frei zu sein nur ein anderes Wort dafür ist, nichts mehr zu verlieren zu haben – so ist spontan zu sein nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verschieben zu haben.

Es ist ein Missverständnis, dass planen dasselbe bedeutet wie planen. F und ich, wir planen riesig gerne. Wir schmieden Pläne, wir sprechen über Pläne, wir freuen uns auf und über unsere Pläne. Und ja, wir verwirklichen unsere Pläne auch, so ist es nicht. Aber: Erst dann, wenn – spätestens jetzt! – aus dem Plan eine Tat zu werden hat.

Spontaneität setzt in diesem Moment ein, in dem es eigentlich keine andere Wahl mehr gibt. Und wie so vieles kann man auch diese Eigenschaft positiv sowie negativ sehen. Wikipedia nennt dafür zwei Stichpunkte, die den Nagel derart auf den Kopf treffen, dass ich mich geradezu ertappt fühle: „Sich kurzfristig auf neue Situationen einstellen können“ – ja, das kann ich, das mache ich quasi permanent. Es macht mir rein gar nichts aus, wenn ich am 25.12. nicht weiß, wohin ich am 26.12. fahren werde. Die Hoffnung darauf, dass ich schon irgendwohin fahren werde, irgendwo in den Schnee, in die Natur, na, ihr wisst, schon, genügt mir vollkommen, um mich vorfreudig abends schlafen zu legen und vormittags noch rasch meine Koffer zu packen. Ich fühle mich schnell wohl in neuen Situationen, an neuen Orten, in neuen Städten, in neuen Jobs – egal.

Und: Das muss ich auch. Denn: Wie Wikipedia mahnend erklärt, existiert eine dunkle Seite der scheinbar so lobenswerten Flexibilität und Spontaneität. „Sich bis zum letzten Moment nicht festlegen wollen“, auch das, laut wiki, ein Merkmal. Upppppps. Ich schlucke mal wieder. Ja, es stimmt. Ja, ich will mich nicht festlegen. Um immer wieder neu entscheiden zu können. Um immer wieder neu planen zu können. Um mich spontan zu fühlen – und frei.

Aber wie das so ist. Wie immer gibt es zwei Wege zum Ziel, mindestens. Und welcher der bessere ist, darüber kann man nun wirklich streiten. F und ich sind am Ziel unserer Träume angelangt, mitten im Schnee, in der Natur, mitten in Ruhe und Frieden – ganz spontan. Und Charlotte und S? Gerade bekomme ich eine WhatsApp von Charlotte. Sie schickt mir ein Foto von der Landschaft vor ihrem Haus. Es hat geschneit! Und weil Charlotte nicht nur ihre Urlaube, sondern auch ihre Lebensziele gerne und sorgfältig plant, wohnt sie, wie ihr wisst, auf dem Land. Mitten in der Natur. Mitten in Ruhe, Frieden und (wenn man Glück hat) mitten im Schnee.

 

In zwei Sekunden zum absoluten Chaos

von Charlotte

Stimmt. In den verschneiten Silvester-Urlaub haben wir es nicht geschafft, was ich bedaure, weil der Schnee hier in keiner Weise zu vergleichen ist mit dem Schnee an dem wunderbaren Ort, an dem Ines und F zum Jahreswechsel gewesen sind. Und dabei habe ich mir dieses Jahr schon gedacht, ich sei spontan, als ich Ende November glaubte, noch eine nette Unterkunft am Wunschurlaubsziel zu bekommen. Richtig, Ines hat mich eines Besseren belehrt: es geht noch spontaner und (für mich) ärgerlicherweise sogar erfolgreicher.

Wie oft habe ich mir schon gesagt, ich müsste spontaner sein? Es passt ganz wunderbar zum Jahreswechsel, zu neuen Vorsätzen und alten Plänen, die im neuen Jahr endlich umgesetzt werden wollen. Dieses Jahr habe ich den Vorsatz „spontaner werden“ gleich mal weggelassen. Weil ich es eh nicht kann. Und allmählich komme ich in ein Alter, in dem man wenigstens in einer Hinsicht entspannter wird: Man nimmt die Dinge einfach so hin, wie sie sind. Es ist mir zu anstrengend geworden, mich in meinen Wunschcharakter hineinzuzwängen, auf Teufel komm raus. Der kommt auch so schon oft genug heraus, ehrlich gesagt nicht zuletzt, weil ich so furchtbar unspontan bin.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich unsere Silvesterpläne diesmal erst am 31.12. konkretisiert haben. Das entspricht wiederum gar nicht meinem Naturell. Was ich aber schon gute drei Monate vorher wusste, war, was ich anziehen werde. Der kurze Paillettenrock sollte es sein, den ich seit Jahren im Schrank habe und der immerzu auf eine Gelegenheit warten musste, einmal getragen zu werden. Dass wir den Jahreswechsel dann ganz beschaulich mit Freunden bei leckerem Raclette und Sekt verbrachten, war mir egal: den Paillettenrock hatte ich trotzdem an!

Eben habe ich versucht herauszufinden, was das Gegenteil von Spontaneität ist. Selbstbeherrschung? Disziplin? Letzteres gefällt mir. Denn wenn ich eines bin, dann diszipliniert.

Spontaneität ist nichts für mich. Planen heißt für mich nicht philosophieren, nicht träumen, nicht darüber sprechen. Es heißt für mich umsetzen. Zumindest konkrete Vorstellungen haben und ebenso konkret alle Hebel in Bewegung setzen, um diese Pläne Realität werden zu lassen. Deshalb habe ich mir schon in der Schule besonders viel Mühe gegeben, deshalb arbeite ich auf ein bestimmtes Ziel hin, deshalb mache ich mir heute schon Gedanken über morgen.

Die entscheidenden Nachteile dieser Unflexibilität habe ich an anderer Stelle schon einmal kundgetan. Ich gebe zu: leicht ist das nicht immer. Wenn ich abends erfahre, dass am nächsten Tag die ersten beiden Stunden in der FH ausfallen, mache ich was? Ich stehe trotzdem früh auf. Das kann zum einen daran liegen, dass ich von dieser Nachricht nichts mehr mitbekomme, weil ich nicht mal spontan genug dafür bin, einen sich als äußerst spannend entpuppenden Film zu Ende zu schauen (sieben Stunden Schlaf müssen sein!) und ich deshalb schon im Bett liege. Wahrscheinlicher ist aber, dass mich meine Gewohnheit ohnehin zur üblichen Zeit aus den Federn zwingt oder ich die zwei Stunden in der Früh für etwas anderes sinnvolles nutze.

Als immer wieder viel zu optimistische Bahnfahrerin müsste ich eigentlich wahnsinnig spontan sein. Denn man ist immer wieder gezwungen umzudisponieren, Zeit an Bahnhöfen zu schinden und täglich anderen merkwürdigen Personen zu begegnen. Ich könnte trotzdem jedes Mal einen hysterischen Schrei von mir geben, wenn mal wieder 20 Minuten Verspätung oder gar Komplettausfälle durchgesagt werden, selbst ein Gleiswechsel bringt mich schon völlig aus dem Konzept. Ines schafft es in zwei Sekunden zum Traumurlaub, ich schaffe es in zwei Sekunden zum absoluten inneren Chaos. Wenn ich 20 Minuten später zuhause ankomme, verschiebt sich der Wocheneinkauf um 20 Minuten nach hinten, dabei wollte ich doch pünktlich um 14.00 Uhr meine Lernpause (aka Mittagsschlaf) einlegen; wenn ich die nicht ausfallen lasse, kann ich erst 20 Minuten später anfangen zu lernen, muss aber pünktlich zum Feierabend von S das Essen fertig haben; um das und mein (selbstverständlich fest eingeplantes) Lernpensum einzuhalten muss ich abends 20 Minuten länger arbeiten, wie soll ich denn dann pünktlich ins Bett kommen um sieben Stunden Schlaf zu bekommen?!?!?! All die Jahre Bahnfahrerei haben nichts geändert und werden sie auch nie. Ich geh dann mal meine Brote für morgen schmieren. Zum Glück habe ich immer dasselbe auf dem Brot, denn ich bin nicht einmal spontan genug, um mich entscheiden zu müssen, worauf ich Appetit habe.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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