Sprechende Finger

Sprechende Finger: Schreiben wir inzwischen mehr als wir reden?

Zeiten ändern sich. Heute schreibt man mehr als man redet, behauptet und bemängelt unser Gastautor Aaron. Stimmt das? Ist es schlichtweg einfacher, zu schreiben als zu reden? Hat es mit Feigheit zu tun oder mit dem Bedürfnis, Dinge mit anderen zu teilen, die sich via Telefon nicht teilen lassen (und für die man schiefe Blicke ernten würde, würde man sie in einem Telefonat überhaupt erwähnen)? Eine Antwort auf seinen Beitrag bekommt Aaron nächste Woche!

von Aaron

Früher war alles besser, das war eine ganz andere Zeit und eine andere Generation…

Diesen Satz kennt wahrscheinlich jeder, oft gehört von Eltern oder Großeltern. Früher habe ich mir darüber kaum Gedanken gemacht, mittlerweile fällt jedoch auch mir auf, dass sich etwas verändert hat in unserer Gesellschaft. Sicher, da gibt es viele Punkte: Es ist alles viel schnelllebiger geworden, Krankheiten wie Burnout haben einen Namen, und dank der Erfindung des Handys ist nahezu jeder rund um die Uhr erreichbar. Moment, wie war das denn früher, als ich noch ein Kind war ? Das Telefon war schon lange erfunden. Ich hatte die vierstelligen Telefonnummern meiner Spielkameraden im Kopf, und wenn man sich verabreden wollte, auch teilweise eine Woche im Voraus, dann hat man zum Telefon gegriffen, angerufen, und sich verabredet. Abgesagt wurde nur sehr selten. Zu der Zeit war das Handy noch wenig verbreitet, und in unserem Alter sowieso nicht. Wozu auch?

Ich erinnere mich an die Zeit, in der mein Vater sein erstes Handy kaufte. Telefonieren, und was war das andere? Ach ja, SMS. Short Message Service. Welch eine Innovation, mit 160 Zeichen für 40 Pfennige konnte man schnell anderen irgendetwas mitteilen, und der angeschriebene konnte die Nachricht dann lesen, wann es ihm passte, ohne seine Tätigkeit zugunsten eines Telefonats zu unterbrechen.

Es dauerte nicht lange, da hatten fast alle in meinem Alter ein Handy, ich bekam mein erstes mit 14 zur Konfirmation. Damals hatte man schon die Wahl, ob man nun telefoniert oder SMS schreibt. Kurze Informationen gingen per SMS, wollte man plaudern, telefonierte man.

Fing es mit einer SMS-Flatrate an? Oder doch erst mit der Erfindung des Smartphones, und wodurch der allgegenwärtig bekannten Applikation „WhatsApp“ die Türen geöffnet wurden? Eine tolle Erfindung: unbegrenzt lange Texte, sogar Bilder, und Videos kann man sich gegenseitig schicken, einzelnen Leuten, Gruppen, und das ganze kostenlos! Na gut, für um die 80ct im Jahr. Aber dennoch sehr erschwinglich.

Das Angebot von Apps wie „WhatsApp“ ist so attraktiv, dass es viele davon abhält zu telefonieren. Telefonieren… wer macht denn das noch? Dank Smileys kann man seine Stimmung auch in Textform ausdrücken. Aber ersetzt ein Smiley die in der Stimme des Gesprächspartners liegenden Emotionen? Ist es nicht viel schöner, miteinander zu sprechen, wenn man sich schon nicht sehen kann? Guckt man sich um, scheint die allgemeine Antwort „nein“ zu sein.  Statt eines Telefonats regen wir uns viel lieber darüber auf, dass der Schreibpartner nicht sofort antwortet. Oder man rätselt, wie man eine zweideutige Aussage deuten soll. Auf die Idee, einfach anzurufen, kommt kaum noch jemand.

Ich hatte einmal eine Brieffreundin aus der Schweiz, anfangs schrieben wir Briefe, später Emails, wir telefonierten alle paar Wochen, was schon wegen der verschiedenen Aussprachen sehr interessant war. Dann hat es sich irgendwann verloren. Bis man sich später in einem sozialen Netzwerk wieder fand. Auf die Frage, ob wir nicht mal wieder telefonieren wollten, kam folgende Antwort: „Nee, lieber bei Facebook schreiben.“ Das brachte mich zum Nachdenken. Telefonieren ist definitiv persönlicher als sich zu schreiben. Wollen wir unsere Gesprächspartner lieber etwas auf Abstand halten? Oder hat sich die Art unserer Kommunikation so zugunsten von WhatsApp und dergleichen verändert, dass es eigenartig erscheinen würde, wenn man das gleiche per Telefon mitteilt?
Ich stelle mir vor, jemand ruft mich an, und sagt „hier guck mal, hab ich neu.“ Zuwenig Information um zu wissen, was mein Gesprächspartner möchte, dann hört man Papierrascheln. Mist, ich bekomme das Foto nicht durch den Hörer. Naja, jedenfalls hab ich mir ein neues Fahrrad gekauft. „Ach so, und deswegen hast du angerufen?“ So könnte es doch laufen. Käme eine Nachricht mit dem gleichen Text und einem Foto vom erwähnten Fahrrad, würde man doch sofort zurückschreiben „Cool“ oder ähnliches. Vielleicht auch ausführlicher.

Mittlerweile gibt es ja auch Gruppenchats, in denen sich beispielsweise Mitglieder eines Vereins permanent beteiligen, oder Arbeitskollege, oder in denen man sich Witze zuschickt, oder sonstiges.

Ist doch eigentlich eine tolle Sache, schnelle Kommunikation, und man kann mehrere Personen gleichzeitig ansprechen. Wer schnell mit den Fingern ist, der bewältigt auch die Flut aus Nachrichten in verschiedensten Gruppen problemlos. Aber fehlt es uns denn gar nicht, im Alltag auch mal zu telefonieren? Und wenn es nur kurze Angelegenheiten sind? Passen wir unseren Gesprächsstil so der Textform an, dass wir in Verlegenheit kommen, wenn wir doch einmal telefonieren müssen? Fehlt uns gar nicht eine sofortige verbale Reaktion auf unser Gesagtes, welches Emotionen beinhaltet, die wir deutlicher verstehen als jeden Smiley?

Ich selbst nutze WhatsApp regelmäßig, und finde es eine tolle Sache, aber das Telefonieren bleibt nicht auf der Strecke. Es ist einfach schöner und persönlicher als schreiben. Aber kurze Angelegenheiten kläre ich per WhatApp. Gewohnheit ? Na, man passt sich ja irgendwo der Masse an, bewusst oder unbewusst. Dennoch sehe ich eine ansteigende Gefahr, dass immer mehr Gespräche nicht verbal gehalten werden, sondern per Textform in Messengern.
Sind wir auf einem Weg, auf dem wir uns am Ende nicht mehr trauen zu telefonieren, weil wir Angst vorm Sprechen haben? Oder es einfach nicht mehr können? Oder scheuen wir die Konfrontation? Beziehung beenden, sich bei der Arbeit krank melden und dergleichen ist per Textform einfacher, da man die Reaktion des Angesprochenen nicht erfährt.

Inzwischen kann man bei WhatsApp auch Sprachnachrichten senden. Ich habe es vor kurzem tatsächlich einmal ausprobiert. Es antworteten Gesprächspartner auf die gleiche Weise, teilweile kam aber auch der Vorwurf, ich wäre zu faul zum Schreiben…

Ein Gedanke zu “Sprechende Finger

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