Springen oder stehenbleiben?

Angst ist das normalste, das menschlichste Gefühl der Welt. Aber ist das eigentlich positiv oder negativ? Beflügelt Angst uns, motiviert sie uns, fordert sie uns heraus – einfach mal zu springen? Oder blockiert sie uns, hemmt uns und lässt uns für immer erstarren – dort, wo wir gerade sind?

Keine Angst vor der Angst

von Ines

Ich muss mal wieder aus meinem Lieblingsbuch zitieren, es tut mir leid. Nein, in Wahrheit tut es mir gar nicht leid, denn es gibt nun mal kein besseres, schlaueres, tolleres Buch auf der Welt als mein Lieblingsbuch, und darum kann man gar nicht genug daraus zitieren:

„Und im stillen nahm er sich vor, nie wieder vor irgend etwas oder irgendwem Angst zu haben, bevor er ihn oder es nicht aus der Nähe betrachtet hätte. Man konnte ja nie wissen, ob es nicht so ähnlich war wie mit Herrn Tur Tur.“

Jim Knopf macht diese Erfahrung, diese Lebenserfahrung, in einer weiten, einsamen Wüste namens „Das Ende der Welt“, wo er auf den Scheinriesen Tur Tur trifft und sich zunächst vor ihm fürchtet – bis er feststellt, dass dieser ein netter, harmloser Mann ist, mit der unglücklichen Eigenschaften, aus der Entfernung größer statt kleiner zu erscheinen.

Irgendwann machen wir alle diese Erfahrung. Stehen alle irgendwann vor einem Scheinriesen – und vor der Entscheidung, uns vor etwas zu fürchten und es nicht zu tun, oder uns vor etwas zu fürchten und es dennoch zu tun. Uns zu überwinden, unsere Angst zu überwinden, über unseren eigenen Schatten zu springen. Springen wir nicht? Werden wir nie erfahren, ob es, aus der Nähe betrachtet, vielleicht nur halb so schlimm gewesen wäre. Oder vielleicht auch kein bisschen schlimm, oder, ganz im Gegenteil, sogar das Beste, was wir jemals im Leben getan hätten. Wäre Jim Knopf, dank der Unterstützung von Lukas dem Lokomotivführer, nicht auf Tur Tur zugegangen, hätte mit ihm gesprochen, ihn kennengelernt, hätte er niemals aus dem „Ende der Welt“ herausgefunden. Hätte niemals Prinzessin Li Si aus den Klauen des Drachen befreit, hätte niemals Lummerland retten können, hätte niemals … aber nein, den Rest lest ihr bitte selbst, das Buch ist wirklich toll, versprochen.

Was hätten wir alles verpasst in unserem Leben, wenn wir nur auf unsere Angst gehört hätten? Welche Menschen hätten wir nie kennengelernt, welche Erlebnisse hätten wir nie erlebt, welche Freunde nie gefunden, Erfahrungen nie gemacht, Abenteuer nie durchstanden.

Oder: Was haben wir vielleicht alles verpasst – weil wir nur auf unsere Angst gehört haben?

Angst kann lähmen. Angst kann uns festnageln, auf der Stelle, auf der wir gerade stehen, kann dafür sorgen, dass wir bleiben, wo wir sind, für immer, aus Panik, einen falschen Schritt zu tun – und kann uns damit die Chance nehmen, den richtigen zu gehen. Oder auch mal den falschen, egal, aber daraus zu lernen, sich weiterzuentwickeln, weiterzukommen, etwas zu erleben.

Angst kann aber auch beflügeln. Angst kann uns herausfordern, uns motivieren, dafür sorgen, dass wir über uns hinauswachsen – und feststellen, dass die Angst eigentlich völlig unnötig war. Herzrasen vor dem großen Sprung verwandelt sich in Stolz, etwas geschafft zu haben. Zweifel und Sorgen können dazu führen, dass wir unser Leben mal eben auf den Kopf stellen und alles ganz anders machen als geplant.

Stresshormone regen uns an, aktivieren uns, schenken uns Energie. Angst und Stress sind Urinstinkte, sind unser körpereigenes Signal für Action, der Startschuss, eine Gefahr zu überwinden. Angst gab unseren Vorfahren die nötige Kraft zu kämpfen, gegen den Löwen, gegen den Sturm oder was auch immer.

Heute kämpfen wir gegen weniger reelle Bedrohungen. Wir kämpfen vor allem gegen uns selbst, gegen unsere Bequemlichkeit, unsere Faulheit – und unsere Ängstlichkeit. Wir kämpfen mit der Angst gegen die Angst. Und darum brauchen wir die Angst, weil sie uns antreibt, weil sie uns fordert, weil sie uns zweifeln, denken, reflektieren lässt. Weil sie immer wieder in Frage stellt, wer wir sind und wer wir sein wollen und was wir tun müssen, um der Mensch zu werden, der wir uns wünschen zu sein. Ohne die Angst verharren wir. Mit zu viel Angst verharren wir auch.

Wenn ich also nochmal einen anderen meiner Lieblingskinderbuchautoren zitieren darf: „Falsche Helden“, so Erich Kästner, „haben keine Angst, weil sie keine Phantasie haben. Echte Helden haben Angst und überwinden sie.“

Angst vor dem Sprung

von Charlotte

Ich springe nur, wenn ich springen muss! Hätte ich nicht gemusst, wäre ich wahrscheinlich bis heute noch nicht eingeschult worden. Trotzdem sehe ich in der Angst etwas Gutes. Nicht etwa, weil sie uns motiviert, sondern weil sie uns schützen kann. Wozu sonst sollten wir Angst haben?

Jim Knopf hätte niemals aus dem „Ende der Welt“ herausgefunden, hätte er seine Angst nicht überwunden. Aber es kann auch andersherum gut sein, es kann auch gut sein, sich von seiner Angst hemmen zu lassen. Denn hätte ich gemusst, hätte ich eine Klasse übersprungen, hätte an einem Schüleraustausch in England teilgenommen, ein Stipendium bekommen und würde in ein paar Jahren vielleicht einen Nobelpreis erhalten. Vielleicht hätte ich dann aber eben auch nicht die Menschen kennengelernt, die ich jetzt kenne. Wäre ich ein Jahr früher aus der Schule raus gewesen, hätte ich ein Jahr früher meinen Uni-Abschluss gehabt und ein Jahr früher nach einem Praktikum als Einstieg in die Berufswelt gesucht. Und hätte dann zum Beispiel Ines verpasst.

Tatsächlich ist Angst für mich zwar ein Schutz, aber durchaus auch ein Hemmnis. Wasser ist nicht mein Element, ich habe sogar Angst unter der Dusche zu ertrinken und wenn mich im Schwimmbad jemand unter Wasser drückt, werde ich grantig. Das hält mich zwar nicht vom Duschen ab. Aber ja, es gibt andere Situationen, in denen mich meine Angst gehemmt hat, das muss ich mir eingestehen. Trotzdem: Auch ein überwundenes Hemmnis muss sich nicht grundsätzlich als lehrreich und lohnenswert erweisen. Ich habe aus Angst vor dem furchtbaren Jahrgang über meinem keine Klasse übersprungen, ich habe aus Angst vor Verständigungsproblemen keinen Schüleraustausch mitgemacht und ich habe aus Angst vor dem Leistungsdruck kein Stipendium angenommen. Bis jetzt habe ich mich noch nie gefragt, ob all das einen Unterschied gemacht hätte. Ich glaube fast nicht. Ich scheue nämlich das Risiko. Und das ist etwas, das sich in all den Jahren nie verändert hat und wahrscheinlich auch nie verändert hätte.

So würde ich mich auch heute immer wieder für die risikoärmste Variante entscheiden und wohl auch mit meinen heutigen Erkenntnissen keine Klasse überspringen. „Du solltest ins Ausland gehen, ein Au Pair Jahr machen oder Work&Travel. Jetzt hast du die Zeit, wenn du es nicht machst, wirst du es irgendwann bereuen.“ Diesen Satz habe ich in nach dem Abitur so oft gehört. Aber ich bereue bis heute nicht, dass ich es nicht getan habe. Ich hatte nie den Mut dazu, meine sieben Sachen zu packen und das Weite zu suchen. Ich hatte nie das Bedürfnis, mich selbst zu finden, auf mich selbst gestellt herauszufinden, wer ich bin oder was ich will. Ich wollte nie raus aus meinem kleinen vertrauten Radius. Und das will ich bis heute nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Eine kleine Reise ist ok, ich werde ja schließlich wieder kommen. Aber um ein halbes oder gar ein ganzes Jahr meine Heimat zu verlassen…dafür liebe ich sie zu sehr.

Ich bewundere alle, die den Mumm haben, sich ihren Ängsten zu stellen, sich von ihnen herausfordern zu lassen und sie zu überwinden. Demnächst fange ich eine neue Stelle an. Eigentlich ist es viel mehr als nur eine neue Stelle, es ist ein neuer Lebensabschnitt, etwas, das mit meinem „alten Leben“ reichlich wenig zu tun hat. Viele neue Gesichter warten auf mich, neue Aufgaben, Unbekanntes. Das macht mir Angst. Aber am meisten Angst macht mir die Ungewissheit, ob das „neue Leben“ tatsächlich das ist, was man den „Rest des Lebens“ nennen könnte. Diesmal stelle ich mich meiner Angst. Diesmal muss ich es. Weil ich sonst tatsächlich verharren würde, weil es Situationen gibt, in denen wir uns unseren Ängsten stellen MÜSSEN. Wenn es nicht sein muss, lasse ich es aber lieber. Ja, Ines, ich bin dann wohl keine Heldin. Aus einem einfachen Grund: Ich will keine sein.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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