Stadt, Land, Frust? – Teil I: Land

Stadt oder Land, woher soll man schon wissen, wohin man gehört?

Städtischer Trubel vs. Landluft. Woher soll man schon wissen, wo man hingehört? Charlotte lebt irgendwo zwischen Stadt und Land und versucht diese Woche, der Frage auf den Grund zu gehen.

von Charlotte

Es gibt Menschen, die müssen in der Stadt leben. Es gibt Menschen, die müssen auf dem Land leben. Und es gibt mich: Irgendwo dazwischen mit einer Tendenz zum Land.

Ich bin gerade erst ein viertel Jahrhundert alt geworden. Meine Lebensziele sind klar wie Kloßbrühe und sie waren wohl nie spießiger. Ich hätte es selbst aber nie für möglich gehalten, dass ich mal auf dem Land lande. So ähnlich ist es aber gekommen.

Und solange es auch in der Peripherie einen Paketboten gibt (ich erwähnte es: ich shoppe gerne online), ist alles gut. Vor ein paar Monaten habe ich mit jemandem über meinen aktuellen Wohnort geredet. Er war erschüttert, weil die Mentalität der Dörflinge nun eben nicht die der Bonner oder Kölner sei. Und schon gar nicht die der Berliner, für die er ganz besonders schwärmt. Ich kam mir fast ein bisschen blöd vor, aber letzten Endes musste ich mir eingestehen, dass ich mich ganz wohl hier fühle, wo es mich eher zufällig hin verschlagen hat.

Ich habe alles, was ich brauche (außer einen H&M und Schuhläden) und noch ein bisschen mehr. Ich bin schnell in meinem geliebten Bonn (in das ich übrigens jederzeit wieder zurückziehen würde. Heimat bleibt Heimat!) und ebenso schnell im weniger geliebten Köln, ich muss nicht weit laufen, um mitten auf dem Feld zu stehen. Was will man mehr?

Manchmal machen wir abends noch einen Spaziergang durchs Dorf. Bei unserem letzten habe ich festgestellt, dass vor vielen Häusern kleine Sitzbänke oder hübsche Blumentöpfe stehen. Ich kommentierte das mit „So was ist nur noch auf dem Land möglich. In Bonn wären Bänke und Töpfe schon längst geklaut worden.“ Tatsächlich hat meine Mutter in Bonn den Blumenkübel vor der Haustür am Treppengeländer festgekettet. In der Vergangenheit wurde er unangekettet leider zu häufig entwendet. Wer macht so was? Ich gehe doch auch nicht hier durchs Dorf und denke „Mensch, was für eine nette Pflanze, die nehm‘ ich mir doch gleich mal mit.“

Große Städte faszinieren mich, ja. Es gibt so viel zu bestaunen und zu entdecken. Aber sie überfordern mich schnell. Meine Überforderung fängt schon in Köln an. Zu viele Läden, zu viel Auswahl, zu viele Menschen, zu viel von allem, die reinste Reizüberflutung. Selbst unter der Woche kommen einem in der Fußgängerzone unfassbar viele Menschen entgehen. Mit einem unbedachten Richtungswechsel bringt man dort den gesamten „Verkehr“ zum Erliegen. Um auf die andere Seite durch den Fußgängerstrom zu kommen, wären Ampeln ratsam. So etwas macht mich nervös und hektisch. Ich habe das Gefühl, ich müsste dort doppelt so schnell gehen wie sonst, warum auch immer. Und da ich auch so schon hektisch genug bin, braucht sich diese Eigenschaft nicht auch noch durch eine Großstadt zu intensivieren. Trotzdem möchte ich einmal nach New York. Wahrscheinlich wird es ein wahnsinniger Schock für mich sein, aber noch wahrscheinlicher werde ich mich anschließend darauf freuen, zuhause wieder einen Balkon zu haben, den Himmel kilometerweit sehen zu können und gleich um die Ecke grüne Wiesen, dichte Wälder und idyllische Seen zu haben. Denn wenn ich wieder in ländlicheren Gefilden bin, bin ich plötzlich viel entspannter.

In Köln gibt es auch Parks und Grünflächen. Wer aber in der Sommerzeit schon einmal am Aachener Weiher war, weiß, dass vom Grün bei gutem Wetter kaum noch etwas zu sehen ist. Ich kann es schon in Restaurants nicht leiden, wenn der Nebentisch zu nah an meinem steht. Am Aachener Weiher käme ich mir vor wie in einer Sardinenbüchse. Ich brauche Luft zum Atmen und Abstand zum fremden Nebenmann. Und ich muss mich nicht immer fühlen wie der Teil eines riesengroßen Kollektivs, ich möchte ab und zu meine Gedanken auch mal nur mit einem sehr ausgewählten und sehr eingeschränkten Publikum teilen. In Zeiten von Facebook und Co. kaum noch nachvollziehbar.

Na gut, dort wo ich wohne, ist es bei Weitem nicht so ländlich wie in der tiefsten Eifel. Hier gibt es nämlich immerhin noch Straßenbahnen, Züge, Autowaschanlagen, Pizza-Lieferdienste (ja, sogar mehrere!) und Discounter. Das ist für mich ein wunderbarerer Kompromiss zwischen Absolut-Stadt und Absolut-Land. Ein Leben in einem 300-Einwohner-Dorf, in dem es nicht mal eine Schule oder einen großen Supermarkt gibt (vielerorts nicht mal Handy-Empfang), wäre dann doch auch ein bisschen zu viel des Guten. Vielleicht muss es ja gar nicht immer nur schwarz oder nur weiß sein, wenn es auch eine goldene Mitte gibt.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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