Stadt, Land, Frust? – Teil II: Stadt

Nach Charlottes Hymne auf das idyllische Landleben, kommt nun die Ode an die laute, an die herrlich hektische, nervige, dreckige, unruhige Stadt. 

von Ines

Charlotte hat da neulich etwas Hochinteressantes gesagt. Charlotte sagt oft interessante Dinge, das mag ich an ihr. Das Interessante, was sie diesmal gesagt hat, war deswegen interessant, weil es einen, wie ich finde, sehr interessanten Aspekt zu einem interessanten Thema aufgeworfen hat, das ich schon oft diskutiert, aber noch nie unter dieser Perspektive betrachtet habe: „Meine Lebensziele sind klar wie Kloßbrühe“, schrieb Charlotte in ihrem Blogbeitrag vom 23. Juni (jaaaa, ich habe lange gebraucht, um zu antworten).

Meine nicht.

Und genau das ist der Unterschied. Ich weiß, was ich will – aber nur für diesen Moment. Ich weiß, was ich jetzt will – aber ich habe keine Ahnung, was ich mal wollen werde. Und ich will auch gar nicht wissen, wie mein Leben in einem Jahr, in zwei, zwölf oder zwanzig Jahren aussieht. Wenn heute eine gute Fee käme und mir sagte, dass sie mir alle meine Wünsche für den Rest meines Lebens erfüllt, ich aber hier und jetzt entscheiden müsste, was ich mir wünsche – ich würde in Panik ausbrechen und weglaufen. Weil ich schlicht überfordert wäre. Weil ich wüsste: Egal, was ich jetzt sage, ich werde es später bereuen.

Ich wusste schon immer, dass ich ein Stadtmensch bin. Aber ich wusste nie, warum das so ist – bis Charlotte mich mit diesem einen, diesem interessanten Satz darauf gebracht hat. Wer genau weiß, was er will im Leben, kann ganz beruhigt aufs Land ziehen. Kann sich dort niederlassen, ein Häuschen bauen, weil er weiß, dass er den guten Job in der Gegend ohnehin niemals aufgeben möchte, weil er weiß, wie groß das Haus werden muss, um Platz für die exakt geplante Anzahl an Kindern zu schaffen, weil er weiß: Hier bin ich und hier bleibe ich. In der Stadt baut man selten Häuschen. In der Stadt zieht man um, und zwar oft. (Ich weiß, wovon ich spreche!)

Wer nicht weiß, was er will, hat es schwerer, Wurzeln zu setzen, Heimat zu kreieren. Manchmal stört mich das mehr, manchmal weniger. Fest jedoch steht: Ich habe keine Wahl – und darum brauche ich die Wahl. Die Auswahl, die nur die Stadt bietet. Weil es in Städten mehr Jobs gibt, mehr Lebensentwürfe, mehr Menschen, Modelle und Möglichkeiten, für unruhige Geister wie mich. Weil es in der Stadt mehr Raum gibt und damit auch mehr Freiraum. Weil ich Optionen will, nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen, Alltäglichen.

Ich möchte mich entscheiden können bei Fragen wie: Wohin gehen wir morgen essen? Welchen Film wollen wir anschauen, welches Theaterstück, welche Ausstellung? Und ich möchte diese Entscheidungen nicht treffen basierend auf dem Mangel an Alternativen. Weil es außer dem Griechen um die Ecke nur noch die Dönerbude gibt, weil im heimischen Kino (wenn es denn eins gibt) nur zwei Filme im Wechsel laufen, und garantiert nicht die, die mich interessieren.

Mich überfordert es nicht, mich entscheiden zu müssen, mich überfordert es, mich festzulegen. Mich stresst nicht die Hektik, mich stresst der Stillstand. Mich schreckt kein Zuviel. Mich schreckt das Zuwenig.

In der Stadt gibt es von allem viel. Im Positiven wie auch im Negativen. Ja: viel Dreck, viel Lärm, viel Gedränge, viele Diebstähle, viel Vandalismus. Aber auch: viele Geschichten. Viele Ideen. Raum, Freiraum, Kreativität. Der Blumentopf vor dem Haus meiner Eltern, das in einem der idyllischsten, wohlsituiertesten Vierteln einer der idyllischsten Städte Deutschlands steht, wird nicht geklaut, aber permanent als Abfalleimer benutzt. Leere Wodka-Flaschen, zerknüllte Taschentücher, kaputte Tennisbälle oder zur Hälfte gegessene Grünkern-Dinkel-Buletten mit Soja-Dip (es ist eine wirklich wohlsituierte Gegend!): Alles landete in der gut gedüngten Blumenerde. Irgendwann stellte mein Vater ein Schild auf: „KUNST“. Etwas Schönes aus etwas Hässlichem machen, etwas Positives aus etwas Negativen: So macht man’s in der Stadt.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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