Tiere töten

Tierschützer sind entsetzt. In China werden kleine, wassergefüllte Plastikbeutel als Schlüsselanhänger verkauft. Inhalt der Beutel: (noch) lebende Schildkröten, Goldfische, Salamander. Grausam, gar keine Frage. Die Frage ist nur: Ist das, was wir selbst Tieren antun, weniger grausam?

Life in plastic

von Ines

Ich liebe Schildkröten, wirklich. Ich habe selbst eine Schildkröte. Sie heißt Schildi. Ich bin die Letzte, die Schildkröten etwas Böses antun würde, die Allerletzte. Auch Salamander und Goldfische sollen, wenn es nach mir geht, ein glückliches und (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) langes Leben führen. Auch meine erste Reaktion auf dieses makabre Mode-Accessoire war: wie furchtbar. Was für Menschen sind das bloß, die so etwas tun. Was für Menschen das sind? Dieselben wie wir, um genau zu sein.

Natürlich ist es schrecklich, pervers und widerlich, lebendige Tierchen in einen Beutel zu sperren, diesen Beutel am Schlüsselbund baumeln zu lassen, wo sie im Bestfall zwei Monate überleben, meist jedoch schon nach wenigen Tagen zerquetscht werden oder ersticken. Im Bestfall? Wahrscheinlich ist es für die Tiere sogar besser, wenn ihr Leiden rasch beendet wird. Aber: Wer jetzt Tränen vergießt ob solcher Erbarmungslosigkeit, wer jetzt aufschreit, sich als Tierschützer profiliert und „die Chinesen“ verdammt, der lebt entweder in einer beneidenswert heilen Glaskugel – in der Arte-Dokus, Sachbuch-Bestseller und Skandale einfach draußen bleiben müssen. Oder er ist ganz schön scheinheilig.

Es ist grausam, harmlose, wehrlose Schildkröten auf extrem engem Raum einzusperren und dabei in Kauf zu nehmen, dass sie oft genug sofort krepieren, andernfalls aber bis zu ihrem Tod kein lebenswertes Leben haben werden. Und das alles nur zum eigenen menschlichen Vergnügen. Doch wo ist der Unterschied zu dem, was wir selbst täglich machen, täglich billigend in Kauf nehmen? Sieht man sich das, was unter dem Schlagwort Massentierhaltung allzu vage und abstrakt zusammengefasst wird, mal genauer an, stellt man fest: harmlose, wehrlose Tierchen, check. Extrem enger Raum, check. Oft genug sofort krepiert, check, andernfalls kein lebenswertes Leben, check. Zum eigenen menschlichen Vergnügen – check? Tierliebhabende Fleischesser argumentieren an dieser Stelle gerne mit der Evolution. Es ist normal, dass wir Fleisch essen, wir brauchen das Eiweiß, das Eisen, das Was-weiß-ich. Dass die Natur, die Gesundheit des Menschen als Rechtfertigung längst ausgedient hat und wissenschaftlich nicht haltbar ist, sollte inzwischen bekannt sein. Dass wir unseren Lieblingsgrund dennoch nicht aufgeben wollen, liegt schlicht daran, dass der wahre Grund ein anderer ist. Wir essen Fleisch zu nichts anderem als unserem eigenen, menschlich-unmenschlichen Vergnügen.

Ob es legitim ist, Tiere aus Dekadenz zu töten und zu essen, ist die eine Frage. Dass wir es tun, ist keine Frage. Massentierhaltung oder Schildkrötenanhänger, es macht einfach keinen Unterschied. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass in China mit Vorliebe Reptilien verspeist und als modische Deko verwendet werden, während wir uns in beiden Fällen lieber an die Säugetiere halten. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass China weit weg ist, die Massentierhaltung vor unserer Haustür dagegen weit weg zu sein scheint – weil sie sich bequemerweise meist außerhalb unserer Lebenswelt abspielt. Der Unterschied besteht lediglich darin: Während wir für das eine nichts anderes tun können und darum nichts anderes tun müssen, als unsere Unterschrift unter Petitionen bzw. Kommentare über den beklagenswerten Zustand der Welt unter einschlägige Artikel zu setzen, können und müssen wir für das andere mehr tun. Mal unsere eigene Nase im Kreis herumdrehen. Statt lamentieren auch mal reflektieren und dann eventuell reagieren. Etwas ändern an unserem eigenen Leben, unseren eigenen Gewohnheiten. „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“, so Brecht. Stell dir vor, es gibt Fleisch und keiner greift zu. Glaubt ihr wirklich, dass es in zehn Jahren dann immer noch Fleisch gäbe?

 

Wenn Gemüse sprechen könnte …

von Charlotte

Ines ist Vegetarierin. Ich bin es nicht. Ein wahrer Fleischfan bin ich allerdings trotzdem nicht wirklich. Wenn ich mich mit Freunden verabrede und diese ins Steakhaus wollen, frage ich schon mal vorsorglich, ob man dort auch Salat essen kann. Diät-Gründe hat das nicht, ich kann einem Stück Fleisch einfach wenig abgewinnen. Fleisch in rauen Mengen konsumiere ich eigentlich nur im Sommer, wenn Grillsaison ist. Und selbst dann erfreue ich mich eher am ganzen Drumherum, an Brot, selbstgemachter Kräuterbutter, an Salaten und gegrilltem Gemüse. Ansonsten kommen zuhause oft fleischfreie Pasta-Speisen auf den Tisch. Nicht um der Tiere willen, sondern weil ich Pasta einfach lieber mag.

Natürlich berühren auch mich die Bilder von nicht artgerecht gehaltenen Tieren und natürlich schockieren auch mich Berichte über Bio-Eier, die nicht von Bio-Höfen stammen. Es ist grauenhaft, wie man als Verbraucher der Lebensmittelindustrie ausgeliefert ist, wie man glauben muss, was auf der Packung steht und eigentlich nur weiß, was man hat, wenn man es vom Bauern nebenan kauft.

Nutztiere gibt es vermutlich schon länger, als es Haustiere gibt. Und ich muss zugeben, dass ich Tiere nur dann esse, wenn sie nicht parallel auch noch einen Haustiercharakter haben und erst Recht esse ich sie nicht, wenn ich sie noch als mehr oder weniger ganzes Tier identifizieren kann. Spanferkel und Rinderzungen, wie sie sich mir als Kind beim wöchentlichen Supermarktbesuch mit meiner Mutter entgegengestreckt hat, waren mir schon immer zuwider. „Wenn der moderne Mensch die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient, selbst töten müsste, würde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene steigen“, sagte Christian Morgenstern.

Es stimmt: Die Distanz zum Geschehen in der grauenvollen Massentierhaltung macht es für mich als Verbraucher erträglicher. Wir tun unseren Nutztieren genügend Qualen an. Auf die Idee, ein Küken in eine Plastiktüte zu stopfen und es achtlos in Handtaschen zu schmeißen, in einen dunklen Schlüsselkasten zu hängen oder an einem Schulranzen baumeln zu lassen, käme hierzulande wahrscheinlich (und hoffentlich) keiner. Es mag stimmen, dass wir viel zu oft einfach wegschauen von den traumatisierenden Zuständen in einem Massentierbetrieb. Aber wer kein Fleisch isst, isst ja nicht stattdessen gar nichts. Er isst einfach etwas anderes. Wenngleich Futtermittel bei direkter Verarbeitung (ohne den Umweg durch einen Kuh-Magen) mehr Menschen ernähren könnten, sieht es um die Industrie rund um unser Obst und Gemüse auch nur bedingt besser aus. Obst und Gemüse leben zwar auch in gewisser Weise, aber irgendwie sind sie doch weniger lebendig als ein Schwein, ein Rind oder ein Huhn. Weil wir aber in einer so oberflächlichen Welt leben, dass Ästhetik unser Kaufverhalten beeinflusst, werden jährlich tonnenweise Lebensmittel entsorgt, weil sie zu viel waren, sich nicht mehr länger frisch halten ließen oder es gar nicht erst in den Recall der Großkunden geschafft haben, weil sie dafür zu unattraktiv waren.

Es wird viel mehr produziert, als verbraucht werden kann und dank Pestiziden und Genmanipulation versucht die Lebensmittelindustrie stets, den hohen Ansprüchen von uns Verbrauchern gerecht zu werden. Während Tiere in der Massentierhaltung leiden, verändert sich aber gleichzeitig vielleicht völlig unbemerkt unsere komplette Umwelt. Pestizide töten ebenso und genmanipulierter Mais lässt sich nicht ohne weiteres von nicht-genmanipuliertem Mais trennen, weil beide Produkte noch unter einem Himmel wachsen. Wir wissen nicht genau, welche Auswirken das haben kann. Wir merken kaum, dass kleine Insekten wie Bienen immer seltener werden oder dass Fische durch Industrieabfälle ausgerottet werden und so ein komplettes Ökosystem aus den Fugen geraten kann. Ein so schleichender Prozess ist doch in keiner Weise besser als grausame Massentierhaltung. Und haben wir in Europa nicht wenigstens in einer Hinsicht mehr Acht vor unseren Tieren? Denn auch wenn jedes Tier in der Massentierhaltung um sein eigenes Leben fürchten muss, muss es wenigstens nicht um das Überleben seiner gesamten Art fürchten.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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