Tratschen fürs Gemeinwohl

Tratschen fürs Gemeinwohl

Kaum zu glauben, aber wahr: Klatsch, Tratsch und Lästereien sollen dem Gemeinwohl dienen, behauptet ein Soziologe der Universität Stanford. Tatsächlich? Ist was dran am Sprichwort „Hinterm Rücken lernt man sich am besten kennen“?

von Charlotte

„Lästern“ ist ein böses Wort. Wir Frauen kennen das und nennen es liebevoller „Tatsachen erörtern“. Wem die Lästerei nachgesagt wird, der hinterlässt zumeist kein besonders positives Bild von sich. Und ist für gewöhnlich auch eher beleidigt darüber. Dabei kann sich niemand freisprechen von be- oder verurteilenden Kommentaren über seine Mitmenschen. Und sei es „nur“ die Bewertung einer vorbeilaufenden Person. Wer hat nicht schon mal über ein unmögliches Outfit hergezogen, sich über einen nervigen Kollegen beschwert oder über einen Freund aufgeregt? Eben: niemand. Und bevor sich hier – trotz meiner Anmerkung zu Beginn – jemand zu dem Glauben durchringt, das sei ein rein weibliches Phänomen, sei gesagt: Das ist ein Irr-Glaube. Meine bessere Hälfte kann das zum Beispiel auch ganz gut. Dafür liebe ich ihn, weil es unfassbar viel Spaß macht, mit ihm durch die Stadt zu spazieren oder am (See-)Strand zu liegen und über anderer Leute mangelnde Selbstkritik zu philosophieren.

Außerdem vertrete ich die Meinung: Es wird schon einen Grund dafür geben, dass wir mit dieser Reflexionsfähigkeit ausgestattet wurden. Und ja, es mag sein, dass Frauen diese Fähigkeit offensichtlicher nutzen, was aber keinesfalls heißt, dass Männer sich nicht ihren Teil denken.

Laut eines Soziologen, der mit über 200 Teilnehmern anhand eines Spiels die soziale Kompetenz ergründete, finden durch Klatsch und Tratsch kooperationsbereite Personen deutlich leichter zusammen. Wer dagegen von der Gruppe ausgegrenzt wird, weil er zu egoistisch ist, tendiere eher dazu, aus seinen Fehlern zu lernen. Das Fazit: Sozialer Druck erhöhe die Bereitschaft, unsoziales Verhalten zugunsten der Gesellschaft abzulegen. Und kooperative Menschen könnten durch Ausgrenzung anderer freier agieren, ohne Ausnutzung befürchten zu müssen. Aha!

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, waren es aber meist schwächere Persönlichkeiten (damals eher noch Persönchen), die ausgegrenzt wurden und nicht jene, die besonders ichbezogen waren. Meine Erfahrung (gut, sie ist kaum ein Vierteljahrhundert alt, aber immerhin…) hat mir eher gezeigt, dass egoistische Menschen ohnehin kaum ein Problem damit haben, sich sozial zu isolieren, ganz nach dem Motto „ich bin nicht hier, um Freunde zu finden!“. Kinder können beängstigend ehrlich sein: Wer ihnen nicht in den Kram passt (weil er eine Brille trägt oder die Schuhe nicht cool genug sind), wird zum Spott-Objekt. Das ist oberflächlich, ja, hatte aber – zumindest „damals“ als ich noch zur Schule gegangen bin – weniger den Effekt, dass sich ausgegrenzte Kinder mit sich auseinandersetzen, sondern eher, dass diese zu selbiger Oberflächlichkeit gedrängt wurden. Und dass man jetzt aber unbedingt die teuren Markenschuhe braucht, stößt bei Eltern (die sozial schon ein wenig weiter sind, zumindest sein sollten) für gewöhnlich auf taube Ohren.

Ich habe dreierlei Erfahrungen mit Lästereien gemacht. Erstens: Sie haben eine zerstörerische Wirkung, wenn sie bei den falschen Leuten landen und dort nicht den gewünschten lösungsorientierten und selbstkritischen Ansatz auslösen. Zweitens: In einer Gruppe mit gleichen Interessen und Zielen fördern sie durchaus das Gemeinschaftsgefühl. Drittens: Sie führen an einem bestimmten Punkt dazu, dass man sich SELBST differenzierter sieht. Denn ist es nicht so: Das Outfit, das ich an anderen unmöglich finde, würde ich immerhin nicht für mich selbst wählen. Das schützt mich vor Mode-Fauxpas und fördert meine eigene Stil-Findung. Und wenn ich meine Kritik vor einem Verbündeten äußere, laufe ich erst Recht noch weniger Gefahr, einmal selbst in die Fashion-Falle zu tappen. Das nur als Beispiel. Schließlich bewerten wir auch Charaktereigenschaften nicht grundlos als negativ, weil sie uns die eigenen Werte vor Augen führen und letztlich die eigene Persönlichkeit festigen.

Ich muss aber auch ganz einfach eingestehen, dass Klatsch und Tratsch wunderbare Gesprächsthemen sind. Ebenso wie das Wetter übrigens. Was ist so schlimm daran, sich über Derartiges zu unterhalten. Und by the way: Letztlich hat es auch (soziale) Gründe, dass wir lügen. Also irgendeinen Sinn muss es für all das vordergründig schlechte Verhalten ja geben, oder?

In einem Zeit-Online-Beitrag von 2011 heißt es: „Unsere Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn wir einander stets die nackte Wahrheit sagen würden. Aber wenige Lügen am Tag reichen aus, um den Frieden zu wahren.“ Wer zugunsten des Gemeinwohles lügt, wird wohl auch zugunsten des Gemeinwohles tratschen dürfen!

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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