Von Bommel-Mützen und Sommerröcken

Ob Sommer oder Winter, das ist Typ-Sache!

Mark Twain bemerkte: „Der Sommer ist die Zeit, in der es zu heiß ist, um das zu tun, wozu es im Winter zu kalt ist.“ Also ist keine der beiden Jahreszeiten überzeugend genug? Was tun, wenn man sich für Winter oder Sommer entscheiden müsste?

Kampfansage gegen den Winterblues

von Charlotte

Ich bin eher so der Wintertyp. Wahrscheinlich weil ich eher der Typ für künstliche Wärme bin. Ich möchte selbst entscheiden, welche Umgebungstemperatur in meinen eigenen vier Wänden herrscht. Ich möchte sie nicht aufgezwungen bekommen. Der Sommer ist ganz schön, aber ab 28°C klebt er nur noch. Zugegeben, diese Klebe-Situation gibt es auch im Winter, weil in öffentlichen Verkehrsmitteln nur zwischen „Heizung an“ und „Heizung aus“ unterschieden werden kann und die vielen Winterklamotten für diese fahrende Sauna nicht ausgerichtet sind. Aber was die Bahnfahrt im Winter an Klebe-Potenzial mitbringt, gleicht sie im Sommer durch das umgekehrte Phänomen aus: Denn nicht nur die Heizung, auch die Klimaanlage lässt sich entweder an oder ausschalten, und während in mir am Bahnsteig die Panik hochsteigt, es könnten sich peinliche Schweißflecken bilden, habe ich im Zug Gänsehaut.

Zurück zum Thema: Ich bekenne mich als Fan der kalten Jahreszeit. Diese Anziehung setzt schon im Herbst ein, in diesem wunderbaren Monat, in dem ich mich immer wieder gerne von Licht und Landschaft fesseln lasse und am liebsten alle Farben fotografisch festhalten möchte. So exponentiell wie meine Kleidungslagen in dieser Zeit zunehmen, nehmen die Schutzlagen meines Gemütsapparats ab. Ich werde melancholisch.  Das kann zuweilen etwas anstrengend für meine Mitmenschen werden, aber ich teile meine Liebe für den Herbst einfach gerne. Leider ist er viel zu kurz und all die schönen Farben sind so schnell dahin, dass ich auch den darauf folgenden Winter noch lieb haben muss. Das erste, worauf ich mich freue, sind die tollen Klamotten. Ich bin bekennendes Opfer der Modeindustrie, wenngleich ich nicht jeden Trend mitmache (beispielsweise den mit den Leggings, weil ich mir darin vorkäme wie eine Stabheuschrecke). Im Sommer setzt sich ein Outfit aus Rock/Hose, T-Shirt/Top und einem Paar offener Schuhe zusammen. Möglichst wenig Stoff mit möglichst wenig Haut-Anliege-Fläche. Das bietet nicht viele Variationsmöglichkeiten, ist dafür aber prinzipiell sehr einfach. Richtig Spaß macht das Einkleiden aber erst, wenn mein von Natur aus zum permanenten Denken ausgelegtes Gehirn seine Aktivität auch bei der Auswahl eines möglichst komplexen Outfits unter Beweis stellen kann. Das sind die wahren Herausforderungen des Alltags und die, die ich am meisten liebe und gleichzeitig am meisten verpöne. Weil ich dann jedes Mal feststelle, wie unfassbar fehlausgestattet ich für diese Saison bin.

Es gibt aber noch andere Gründe, weshalb ich den Winter liebe. Der erste Schnee zum Beispiel. Wenn ich morgens aufwache, aus dem Fenster schaue und die Welt da draußen (mein direkter visueller Horizont reicht bis zu Lidl und Rewe, der allesentscheidenden Lebensmittel-Infrastruktur des Vorgebirges) in eine weiße Schneedecke oder zumindest dessen Andeutung gehüllt sehe, wird es mir warm ums Herz. Ich freue mich wie ein kleines Kind und habe gleich das Bedürfnis, mir einen Schneeanzug anzuziehen und mich im Schnee zu wälzen. Gleich nachdem ich alle geweckt und ihnen vom Schneefall berichtet habe. Ich muss dann ca. fünf Minuten früher das Haus verlassen. Geräumt und gestreut wird zum einen nämlich erst dann, wenn die frohe Schneebotschaft auch beim Räumdienst angekommen ist (im Gegensatz zu mir haben die es augenscheinlich nie so mit dem Wetterbericht oder nehmen ihn einfach nicht ernst) und zum anderen erst nachdem ich zu sehr früher Stunde mit meinem ABS-losen fahrbaren Untersatz im Schneckentempo zum Bahnhof gekrochen bin. Von dort bringt mich die Bahn ein Stück weiter Richtung Arbeitstempel. Meistens kommt die dann auch nicht. Eingefrorene Weichen oder etwas dergleichen. Das macht aber nichts, denn im Sommer kommt sie wegen geschmolzener Gleise nicht. Trotzdem: Ich liebe die Welt im Schnee.

Ich liebe auch das Licht im Winter. Morgens pastellig, mittags klar und hell. Ich liebe den glitzernden Schnee bei Dunkelheit, dass sich alles so dumpf anhört und den Anschein macht, als traue sich in dieser Schneekugelwelt niemand laut zu sprechen. Ich liebe den Geruch von Kaminholz in der Nachbarschaft. Ich liebe es, aus der Kälte ins Warme zu kommen (anders als im Sommer, wo man nur zwischen verschiedenen Hitzeabstufungen wählen kann). Ich liebe es, abends auf der Couch einen Tee zu schlürfen und dass man näher aneinander rückt. Ich liebe es, wenn es auf Weihnachten zugeht, die Lichter in der Stadt, Weihnachtsmärkte, Glühweinduft und Plätzchen-Back-Stress. Ich liebe es mir zu überlegen, was ich schenke, und Geschenke zu machen, für die ich mein Geld lange gespart habe und die ich anschließend möglichst kunstvoll verpacken kann. Ich liebe das Knirschen von Schnee unter meinen Stiefeln. Ich liebe meine Bommel-Mützen.

Ein paar Nachteile hat der Winter aber doch: Wenn die Heizung mal wieder ausfällt, stört mich das bei Minusgraden doch etwas mehr als im Sommer. Und: Unter den schönen Bommel-Mützen hält mein Make-up nicht gut. Na ja, im Sommer hält es dafür gar nicht.

 

Die Freiheit der Sommerfrische

von Ines

Ich kann dich so gut verstehen. Auch für mich ist übergroße Hitze nichts, womit man mich hinter dem eh schon viel zu heißen Ofen hervorlocken könnte. Aber apropos Ofen: Es gibt ja schließlich nicht nur künstliche Wärme, sondern auch künstliche Kälte. Oder noch besser: natürliche Kältequellen – wie Wasser zum Beispiel. Ein Sprung ins kalte Nass, und je nach Temperatur bibbere ich danach noch Stunden (oder bin zumindest gnadenlos erfrischt). Ich kann rein gar nichts mit dem Hobby anfangen, stundenlang mit geschlossenen Augen in der glühenden Sonne zu liegen und das Spiel zu spielen: Wer sich zuerst rührt, hat verloren. Ich verliere immer, sogar gegen mich selbst. Nach zwei Minuten wird mir langweilig, nach fünf Minuten werde ich kribbelig und spätestens nach zehn Minuten bin ich im Wasser. Herrlich. Da bekommt das Wort Sommerfrische doch gleich eine ganz neue Facette.

Ich sehe das nämlich genau umgekehrt: Für mich bietet der Sommer Freiheiten, die mir der Winter verwehrt. Wenn ich sieben Schichten übereinander trage, mich kaum noch rühren kann und immer noch zittere – ja, dann muss ich eben weiterfrieren. Wenn ich mich nach Licht sehne und alles, was der Himmel zu bieten hat, sind Wolken in höchst unterschiedlich nuancierten Grautönen – ja, dann muss ich eben weiter ins Firmament starren, bis mir die Augen ausfallen, und mir ganz fest einbilden, dass dort oben, weit hinter der steingrauen Wolke, eine mausgraue Wolke ist, die langsam in ein frisches Aschgrau übergeht, weil sich irgendwo in der Ferne ein hauchzarter Sonnenstrahl durchzukämpfen versucht. Im Sommer habe ich die Dinge selbst in der Hand. Niemand muss schwitzen, so lautet mein Credo. Niemand muss kleben, niemand muss schmoren, niemand muss braten. Wem es zu hell ist, der setzt sich eine Sonnenbrille auf. Wem es dann immer noch zu hell ist, möge die Augen schließen und sich der beglückenden Finsternis hingeben. Wem es in der Sonne zu heiß ist, der sucht sich ein schattiges Plätzchen. Wem es dann immer noch zu heiß ist, dem sei der brandheiße Wasser-Tipp ans Herz gelegt. Dafür muss man nicht einmal eine Wasserratte sein: Zwei Minuten plantschen – das garantiert zwei schwitzfreie Stunden, versprochen.

Das beliebteste Argument aller Winter-Fans? Nur in der kalten Jahreszeit könne man so schön kuschelig ganze Nachmittage auf dem Sofa mit einem Buch verbringen. Nur, wenn es draußen so richtig eisig sei, könne man mit Freunden gemütlich im Café sitzen und über Gott und die Welt quatschen. Ich lese gerne und ich quatsche gerne mit meinen Freunden. Ich habe aber überhaupt kein Problem damit, auch im Sommer ganze Nachmittage mit einem Buch zu verbringen – auf einer grünen Wiese im Sonnenschein. Oder mit Freunden gemütlich vor einem Café zu sitzen, aus einem Strohhalm Iced Cappuccino zu schlürfen (ich liebe Strohhalme, vor allem buntgestreifte, und kalte Getränke sowieso viel mehr als warme). Ich habe übrigens nicht einmal ein Problem damit, mich bei Sonnenschein samt Buch aufs Sofa zu kuscheln – mit der Möglichkeit vor Augen, bei Lust und Laune jederzeit auf die Wiese umzuziehen. Ich bin bei sowas völlig flexibel. Und ich mag das Gefühl, Optionen zu haben.

Und apropos flexibel, liebe Charlotte. Wenn dich im Hochsommer einmal mehr die Sehnsucht danach packt, Geschenke auszuwählen, zu verpacken, zu überreichen, wenn du elegisch in Geschäfte starrst und die Adventszeit kaum erwarten kannst, weil alles in dir danach drängt, grünes Glanzpapier zu falten, weinrote Schleifchen zu binden und glitzernde Kärtchen zu schreiben: Ich nehme Weihnachtsgeschenke mit großem Vergnügen auch zwischen Mai und September an.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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