Von Junggesellen und Junggesellinnen

Von Junggesellen und Junggesellinnen: Kritik zu "Die Bachelorette"

Der österreichische Lehrer und Schriftsteller Ernst Ferstl weiß: „Bei uns sind Männer und Frauen gleichberechtigt. Besonders die Männer!“ Ist das so? Im Zuge der aktuellen Ausstrahlung von „Die Bachelorette“ hat sich Charlotte eine Frage gestellt: Ernten Männer Bewunderung, wofür Frauen ein unmoralischer Lebensstil nachgesagt wird? Lest selbst.

von Charlotte

Ich bekenne mich zu den sporadischen Konsumenten eher sinnbefreiter und gehaltloser Fernsehsendungen. Warum? Weil ich mich herrlich über Kandidaten aufregen kann und mein Hirn einmal nicht auf die allzu ernsten Themen des Alltags konzentrieren muss. Natürlich durfte in der Historie der Sendungen, die keiner offiziell schauen will, aber doch ein Großteil aufgeregt verfolgt, auch „Der Bachelor“ nicht fehlen. Die Stimmung in der Villa gleicht der der Modelkandidatinnen bei Heidi Klum (diese Castingshow verfolge ich derweil schon seit Jahren nicht mehr, irgendwann ist’s auch mal gut!). Gecastet wird dabei zwar kein Model, stattdessen aber die große Liebe. Oder so was Ähnliches.

Ich halte das Konzept besagter Love-Castingshow für fragwürdig und unrealistisch, nicht zuletzt, weil ich mir immer wieder eine Frage stelle: Wenn über 20 Frauen auf einen Mann treffen, soll zumeist keine einzige dabei sein, deren Typ der „Bachelor“ absolut nicht ist? Das kann ich nicht glauben, zwei der letzten drei Bachelor wären alleine optisch – ich bin mal grad so oberflächlich – nicht mein Fall gewesen. Gut, ich schaue mir diesen Wahnsinn trotzdem an, mir muss er ja auch nicht gefallen. Schon gar nicht gefallen mir all die Frauen, die daran teilnehmen. Was die charakterlichen Vorzüge der Herren angeht: Ich fand bislang alle Bachelor erstaunlich charakterneutral und vermute dahinter entweder einen schlauen Zusammenschnitt oder aber Regieanweisung. Letztlich war doch keiner richtig humorvoll, ein liebenswerter Chaot oder ein naturliebender Globetrotter (nicht dass ich auf all das stünde, aber es würde doch zumindest indizieren, dass es sich um einen Menschen mit ebenso menschlichen Eigenschaften handele). Die Süddeutsche titelte bei der zweiten Staffel „Ich Ken, du Barbie“, Mattel-Charaktere suchten Klischee-überladen ihre vermeintliche große Liebe (die bislang ehrlich noch nie lange gehalten hat und in der Regel schon vor Ausstrahlung der Staffel schon wieder verflogen war. Der Verdacht liegt nahe, dass alle beteiligten in erster Linie eher ein TV-Karriere-Sprungbrett suchen.). Der Tadel blieb nicht der Einzige.

Denn „Der Bachelor“ stand in der Kritik ein ebenso frauenfeindliches Format zu sein, wie „Germany’s Next Topmodel“. SPD-Politikerin Sabine Bätzing beklagt, die Sendung vermittle ein erschreckendes Frauenbild, das sie an Kamelhandel erinnere. Ich persönlich finde, dass es auch etwas von Big Brother hat: mehr als 20 Kandidatinnen werden in eine Villa gesteckt, in der es zwar möglicherweise nicht in jedem Winkel des Hauses, wohl aber in vielen eine Kamera gibt. Und durch das Zusammengepferchtsein der Damen über einen längeren Zeitraum provozieren die Macher der Sendung sicher sehr bewusst Konflikte, Zickereien, Anfeindungen, Gefühlschaos, eben das, was die breite Masse unterhält (mich zum Teil eingenommen, bis mir die Hutschnur platzt und ich frustriert wegschalte).

Vielleicht um der Debatte der Frauenfeindlichkeit ein bisschen den Wind aus den Segeln zu nehmen, startete vor ein paar Wochen das Pendant „Die Bachelorette“. Weitaus harmonischer geht es dabei unter den Herren zu, aber die haben vor allem eines: Eine knallharte Meinung über Frauen, die gleichzeitig mehrere Männer daten und sie dann auch noch – Oh Schreck! – küssen. Als wäre das Konzept des Formats bislang gänzlich unbekannt gewesen und käme für die Teilnehmer total überraschend! Als Bachelorette Anna bei einem der ersten Einzeldates knutschte und der Geküsste in der Männer-Villa (anders als die auf geheimnisvoll machenden Frauen der Bachelor-Staffeln) keinen Hehl aus dem Lippenkontakt machte, wurden vorwiegend Stimmen laut wie „Ich weiß nicht, was ich von einer Frau halten soll, die so leicht zu haben ist und gleich beim ersten Date rumknutscht!“. Zum einen: Was ist – im Kontext der Idee, innerhalb weniger Wochen aus 25 Kandidaten den „Richtigen“ herauszufischen – so schlimm daran, bei der Gelegenheit eines zweisamen Moments die Qualitäten des Gegenübers auszutesten? Zum anderen: Haben es die Bachelor in den Staffeln zuvor mit ihren weiblichen Verehrerinnen nicht genau so gehandhabt? Was also macht hier den Unterschied? Und wieso kann – wo doch sonst immer von Gleichberechtigung gesprochen wird – eine Frau sich nicht in gleichem Maße ausprobieren und austoben, wie ihre männlichen Zeitgenossen? Klar, für manch eine Frau war es auch schwierig, wenn ihr Bachelor mit anderen Kandidatinnen so weit ging, wie mit ihr. Das rührte aber eher von Eifersucht als von der Gefahr, sich auf jemanden einzulassen, der aufgrund seiner Promiskuität vor aller Welt einen schlechten Ruf haben könnte.

Wenn ein Mann gleich mehrere Frauen für sich gewinnen kann, kann er sich des Respekts und der bewundernden Anerkennung seiner männlichen Freunde fast sicher sein, sogar für manche Frau wird der begehrte Junggeselle dadurch attraktiver (wenngleich ihn andere wiederum verschmähen). Wenn eine Frau gleich mehrere Männer für sich gewinnen kann, kann sie sich nur einer Sache sicher sein: Sie wird schnell mit einem Wort tituliert und auf lange Zeit gebrandmarkt, das dem Duden nach eine Frau beschreibt, „deren Lebensführung als unmoralisch angesehen wird“ und zu dem es keine maskuline Entsprechung gibt. Laut Duden umfasst der Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache – zu der besagtes Wort zweifelsohne gezählt werden darf – zwischen 300.000 und 500.000 Wörter. Erstaunlich, dass bislang niemand in der Lage war, der deutschen Sprache trotz aller zum Teil doch eher albernen Gleichberechtigungsversuche ein treffendes Wort für einen Mann mit einem unmoralischen Lebensstil zu bescheren (seit April 2013 sieht die neue Straßenverkehrsordnung vor, statt des maskulinen Wortes „Radfahrer“ lieber geschlechtsneutral „wer ein Fahrrad fährt“ zu sagen/schreiben, nur ein Beispiel. Auch Wörter wie „jedermann“ werden inzwischen kritisch beäugt.). Ich vergaß: Männer sind wahrscheinlich nie unmoralisch, Respekt!

Der deutsche Rechtsanwalt, Journalist und Publizist Robert Muthmann bringt es auf den Punkt: „Auch im Zeitalter der Gleichberechtigung werden sich gewisse kleine Unterschiede nicht beseitigen lassen.“ Manche müssen es vielleicht auch nicht, denn Gleichberechtigung kann – wie am Beispiel der Sprache – auch zu weit gehen. Aber auch wenn ich nicht zu den vermeintlich unmoralischen Frauen dieser Zeit gehöre, kann ich anderen sehr wohl ihren Spaß gönnen. Und liebe „Bachelorette“-Teilnehmer: Wer an so einer Sendung teilnimmt, sollte wissen, worauf er sich einlässt.

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

Beitragsnavigation

javaversion1