Von Wörtern und Worten

von Wörtern und Worten

Die deutsche Sprache gilt als ruppig und wenig melodisch. Und doch ist sie eine Sprache, die es wert ist, geliebt zu werden, so wie jede andere Sprache auch. Eine Hommage an die Sprache und ihre Bedeutung.

von Charlotte

Es ist gar nicht lange her, als ich die wunderbare „Gebrauchsanweisung für das Leben“ von Andreas Altmann las und über ein Kapitel stolperte, das mir aus der Seele sprach und mir gleichzeitig bewusst machte, wie sehr ich sie liebe: die Sprache, ganz gleich ob geschrieben oder gesprochen. Und insbesondere die eigene. Der glottale Verschluss ist es, der die deutsche Sprache so knackig macht. Das war die zentrale Aussage, die mir aus meinem Studium noch genau in Erinnerung geblieben ist. Es mag melodischere Sprachen als die deutsche geben. Aber sie ist und bleibt meine Muttersprache und damit ist sie ein Stück Heimat.

Sie wird in besagtem Buch beschrieben als Zauberland, in das man sich flüchten könne, als „Heilsalbe, um das ramponierte Herz zu betupfen“, nichts könne „so bewegend vom Schmerz berichten wie Sprache“.

Vor allem aber – so sehe ich es – kann sie nicht nur bewegend von Schmerz berichten, sondern so viel Schönes transportieren. Wir mögen in einem digitalisierten Zeitalter leben und dennoch bemerke ich gerade dadurch, wie facettenreich Sprache ist. Es spornt mich erst Recht an, bei aller Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit die richtigen Worte zu finden, solche, die berühren. Unser aktiver Wortschatz bildet nur einen Bruchteil von dem ab, was das sprachliche Repertoire (theoretisch) hergäbe. Trotz dieser verhältnismäßig kleinen Menge fallen mir auf Anhieb zahlreiche Wörter ein, die im Grunde genommen irgendwie dasselbe meinen: fabelhaft, großartig, zauberhaft, phänomenal, überragend, bemerkenswert. Und irgendwie doch nicht dasselbe meinen, weil jedes einen entsprechenden Rahmen braucht, einen Kontext, vielleicht sogar von einer Befindlichkeit abhängt.

Ich habe in den letzten Tagen von drei Personen (unabhängig voneinander) gehört, dass sie meine Worte zu Tränen gerührt haben. Dabei ließ ich sie bloß wissen, wie sehr ich sie in meinem Leben schätze. Ich gab ihnen bloß ein aufrichtiges Kompliment und bekam diese Worte von ihnen zurück. Für mich ebenso ein wundervolles Kompliment und ein trauriges zugleich. Weil wir uns vielleicht zu wenig Zeit nehmen, um unserem Gegenüber mitzuteilen, was uns an ihm liegt. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Und wie sonst könnte man das tun, wenn nicht durch Worte?

Ist es nicht erstaunlich, was Sprache bewirken kann? Im positiven wie im negativen Sinne: Sie kann Freude bereiten und Ängste schüren. Sie kann Leidenschaft wecken und Mauern errichten. Sie kann anziehend wirken und abstoßend. Sie kann bewegen und verletzen. Und dennoch: sie lässt uns die Wahl, wir können entscheiden, ob wir sie feinfühlig oder schroff nutzen wollen.

Sie gibt uns die Möglichkeit, viel genauer auszudrücken, was wir fühlen, als es ein Bild jemals könnte. Wer die Sprache liebt „geht nie unbewaffnet aus dem Haus, ist nie wehrlos“, schreibt Altmann. Trotz dieser Liebe gibt es Momente, in denen wir sprachlos sind, wehrlos, in denen uns die Worte fehlen, in denen wir vor Überwältigung kein Wort über die Lippen bringen, in denen wir schreien wollen, aber nicht können. In denen uns aber – unterschwellig – auch klar wird, wie viel ein Wort bedeutet.

Ein Kompliment, einen Witz, einen Seitenhieb, Kritik, Lob, nichts davon gäbe es ohne die Sprache. In der jüngsten Vergangenheit habe ich gemerkt, wie sehr mir ihre Facetten gefehlt haben und wie glücklich sich derjenige schätzen kann, der von ihnen Gebrauch zu machen weiß. Die Sprache, sie soll mich weiterhin beflügeln und das wird sie. Weil sie sich nie abnutzen wird und auf Sprachlosigkeit doch irgendwann auch wieder ein Wort folgt.

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