Warum in die Ferne schweifen …?

Reisen: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?

Diese Woche diskutiere ich im Alleingang. Mit mir selbst, weil Ines verhindert ist. Macht aber gar nichts, weil wir zum heutigen Thema ohnehin eine sehr ähnliche Meinung haben. Die Frage diese Woche: Wieso sein Geld für Reisen rauswerfen, wenn man so viel anderes dafür haben kann?

von Charlotte

„Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.“, wusste schon Jean Paul. Wenn man es so sieht, würde ich gerne mehr reisen und leben. Ich möchte noch so viele Orte sehen, Venedig, die Fjorde von Norwegen, Südafrika…Aber Reisen kostet Geld. Und Zeit. Und kostbare Urlaubstage. Mit letzteren habe ich kein Problem, weil ich die Meinung vertrete „Wenn ich mir schon Urlaub nehme, will ich ihn nicht zuhause verbringen.“

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit meinem Bruder. Er fährt dieses Jahr in Urlaub. Das ist ein Highlight, denn es passiert nicht oft. Und so kam es, dass wir uns in einer Diskussion darüber wieder fanden, ob man sein hart verdientes Geld für Reisen ausgeben sollte oder lieber nicht. Natürlich, manchmal ist es erschreckend, wie viel eine Reise kosten kann. Und klar, man kann sich das in allerlei nützliche (und weniger nützliche) Dinge umrechnen, die man vielleicht außerdem haben möchte. Wollte ich mir nicht einen neuen Fernseher leisten? Oder ein neues Sofa zulegen? Tatsächlich sind die Deutschen die spendabelsten Urlauber Europas. Gut und gerne geben sie ihr Geld für kostspielige Urlaube aus. Ich höre meine Mutter darüber fluchen, wenn das Gehalt der Deutschen gekürzt würde, gelte ihre Aufregung zu allererst dem Urlaub, auf den sie dann verzichten müssten. Ist es denn so schlimm, sein Geld für Reisen zu investieren?

Ich erinnere mich, dass auch mein Freund einmal eine andere Meinung hatte, wie er mir einmal gestand. Auch er konnte nicht nachvollziehen, warum man Unmengen an Geld für einen Urlaub verbraten sollte, dessen beflügelndes Gefühl sich nach der ersten Woche Arbeit gleich wieder verflüchtigt. Ich dagegen sehe das anders: Langfristig gesehen (auch für eine Partnerschaft) sind es doch nicht etwa materielle Dinge, die zählen, sondern gemeinsame Momente, Erlebnisse, Augenblicke. Erinnerungen sammeln, statt Materielles lautet meine Devise (auch wenn meine Schal-/Mützen-/Schmuck-Sammlung anderes vermuten lässt). Manchmal schäme ich mich, wenn ich als Touristin völlig offensichtlich durch fremde Städte und Länder laufe. Aber was soll ich tun? Mit übergroßer Kamera und Reiseführer bewaffnet, möchte ich so viele Eindrücke sammeln, wie möglich. Und sie eben auch fotografisch festhalten. Ich verlasse mich ungern auf mein Gedächtnis, wer weiß schon, wie selektiv es einmal werden wird. Und bevor es ausgerechnet all die schönen Momente löscht, halte ich sie lieber fest. Inzwischen konnte ich meinen Freund anstecken. Fragt man ihn heute, ob er Lust auf einen weiteren Trip in die Ferne hat, bejaht er gleich und vertraut mir bei der Planung dermaßen blind, dass ich ihm in Las Vegas vermutlich auch verklickern könnte, wir seien in Paris.

Als ich noch kein eigenes Geld verdient habe, habe ich immer gesagt: „Wenn ich groß bin, möchte ich reisen.“ Es gibt so viele schöne Orte auf der Erde, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Natürlich macht es Sinn, sein Geld beiseite zu legen, um es möglichst schnell in ein Eigenheim zu investieren oder in eine private Altersvorsorge. Aber zu sagen „Reisen kann ich später noch“ ist auch nicht das gelbe vom Ei. Wer weiß, wann „später“ ist oder ob es überhaupt ein „später“ geben wird.

Ines hat, im Gegensatz zu mir, einen Vorteil: Sie hat schon in diversen Städten und im Ausland gelebt. Ich habe mich das nie getraut, selbst ein Austausch in der Schule war für mich ein Unding. Ich würde es auch heute nicht machen, weil ich weiß, dass ich mich anderswo nie zuhause fühlen könnte. Da ist Ines deutlich flexibler und hat mir mit Sicherheit einiges voraus. Das Reisen aber läuft mir nicht davon und mit dem Glück, jemanden zu haben, der inzwischen ebenso wie ich seine Freude daran findet, steht dem auch kaum noch etwas im Wege.

Aber so gerne ich auch an anderen Orten bin, so sehr weiß ich auch, wo mein Zuhause ist. Und so ist das Reisen nicht nur der vielen schönen Erinnerungen wegen viel wert, sondern auch um zu wissen, wo man hingehört. Das hat doch auch etwas!

Die Kommentierung ist leider schon zuende.

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