Was auf den Tisch kommt, wird vergessen

Sollten wir alles aufessen?

73 Prozent der Deutschen essen in Restaurants und ähnlichem weiter, auch wenn es ihnen überhaupt nicht schmeckt, so meldete die Stiftung für gesunde Ernährung. Wir fragen uns: Ist das gesund? Ist das sinnvoll? Oder ist es schlichtweg unglaublich höflich? Gedanken zur tugendhaft-stoisch-deutschen Aufesskultur und ihre Folgen.

Mehr Mut zu schlechtem Wetter!

von Ines

„Ich kann nichts dafür“, schreibt Elisabeth Raether im ZEIT Magazin. „Es ist meine Kultur, in der man Essen in großen Mengen wortlos und ohne viel Aufhebens zu sich nimmt, und zwar bis der Teller leer ist.“

Von klein auf wird uns eingebläut: Was auf den Tisch kommt, wird gegessen. Was auch immer, wie auch immer, warum auch immer. Sonst gibt’s schlechtes Wetter. Was gar nicht stimmt – warum sonst regnet es hier in Deutschland permanent, obwohl doch all die braven, stoischen Aufesser ihr Bestes tun, um die Sonne hervorzulocken? Hilft alles nicht, um ehrlich zu sein. Außerdem: Wäre ein bisschen Regen nicht doch erträglicher als jede Menge Bauchweh? Und ist das Essen im überfüllten Magen wirklich besser aufgehoben als auf dem Teller? In einem britischen Diner kann man sich ein Frühstück der besonderen Art servieren lassen: eine 6000-Kalorien-Bombe, bestehend aus Spiegeleiern, Toast, Speck und Blutwurst. Wer aufisst, isst umsonst. Geschafft hat das noch niemand. Aber sicher ist: Der Erste wird ein Deutscher sein.

Natürlich. Wir schmeißen zu viel Essen weg. Essen, von dem Kinder in Afrika satt werden würden, na klar – realiter aber niemals satt werden, weil die angebissenen Pizzastücke von der letzten Party, die herausgepickten und sorgfältig am Rand drapierten Rosinen aus dem Müsli, die Sahnereste vom allzu üppigen Sonntagskaffee niemals bedürftige Kindermünder füttern werden. Trotzdem sollte man natürlich andere Wege finden, zu vermeiden, dass unser Müll immer dekadenter wird, bis oben hin vollgestopft mit per se tadellosen Essensresten, aus denen sich wahrscheinlich wunderbar neue Frühstückmüslis, Partyhäppchen und Sonntagstorten basteln ließen. Im Kleinen wird gekämpft, durch Containern zum Beispiel. Oder wie in Hamburg, wo der Wirt eines „All you can eat“-Sushi-Restaurants seine Gäste zur Kasse bittet. Die überluden sich nämlich regelmäßig den Teller, vor Eifer und im Bestreben, alles, worauf man juristisch einen Anspruch hat, auch mitzunehmen. Das ärgerte ihn – und so schaffte er auf seine Weise Abhilfe, indem nun für jedes Gramm, was auf dem Teller zurückbleibt, gezahlt werden muss. Damit will er seine Kunden dazu zwingen, sich mit kleineren Portionen zu begnügen. Mit Erfolg.

Ich finde das gut. Ich hasse es nämlich, zu viel essen zu müssen. In Restaurants schiele ich immer neidisch auf Kinderportionen und Seniorenteller – und habe auch schon das eine oder andere Mal versucht, eins von beidem zu bestellen. Ohne Erfolg. Ich liebe Speisekarten, die nach dem Starbucks-Motto verfahren und jedes Mahl in verschiedenen Größen anbieten. Tall, Grande, Venti – genial. In jedem Fall nämlich hat man das Gefühl, viel für sein Geld zu bekommen. Mal viel, mal sehr viel, mal sehr, sehr viel. Außerhalb von Starbucks, McDonald’s & Co., in den so genannten gehobenen Gaststätten, gibt es das leider viel zu selten. Warum eigentlich? Mehr zu essen, als man wirklich will und kann, bringt keinem etwas. Weder fürs bessere Wetter noch gegen den Hunger in Afrika oder anderswo auf der Welt. Im Gegenteil: Jeder Bissen, der im Magen landet, obwohl der bereits wohlgefüllt ist, zerstört im Nachhinein die Köstlichkeit aller vorhergegangen Bissen. Und war das Essen tatsächlich komplett scheußlich, ist sowieso jeder Bissen einer zu viel.

Die Chinesen sind einfach schlauer. Dort gilt es als schlimmes Fettnäpfchen, zu futtern, als gäbe es kein Morgen mehr. Ein Gast, der dafür sorgt, dass man auf dem benutzten Teller Schlittschuh laufen könnte, will damit ausdrücken: Der Gastgeber hat zu wenig aufgetischt. Und ein chinesisches Sprichwort, das auch zu den Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Medizin zählt, besagt: Wer sich stets nur zu achtzig Prozent satt ist, hat weniger Sorgen und weniger Krankheiten. Und vor allem kein Bauchweh.

 

Von Nörglern und Gewissensbissen

von Charlotte

Der chinesische Brauch, den Teller nicht gänzlich zu leeren, beruhigt mich dann doch etwas, denn letztens noch habe ich mir beim China-Imbiss um die Ecke eine ordentliche Portion gebratenen Reis mit Hühnchen und Gemüse gegönnt. Und sie nicht aufessen können, weil es einfach zu viel für mich war. Als die Reste dann im Mülleimer verschwanden, tat es mir dann aber doch weh in der Seele. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der selbst Elektro-Artikel nicht mehr auf Langlebigkeit ausgerichtet sind, in der ein Paar aus der Mode gekommener Schuhe einfach durch ein neues ersetzt wird und in der im Jahr pro Kopf durchschnittlich 82 kg Lebensmittel im Wert von ca. 235 Euro im Müll landen. Kartoffeln schaffen es zum Teil nicht einmal in den Supermarkt, weil sie dafür nicht die richtige Form haben und nicht verkaufte Brötchen landen am Ende des Tages im Müll, weil es zu Kündigungen führen würde, wenn der Backwarenverkäufer sie stattdessen für sein heimisches Abendbrot verwerten würde.

Wen wundert es da, dass wir im Restaurant den Teller leer essen? In Deutschland ist das nämlich – anders als im chinesischen Beispiel – ein Zeichen dafür, dass es vorzüglich geschmeckt hat. Und weil wir ein so höfliches Völkchen sind, geben wir dieses Zeichen selbst dann, wenn es das nicht geschmeckt hat. Ich kann das nicht, am Essen rummäkeln, bis es endlich passt. Zum einen, weil die Kellner als Vermittler zwischen Koch und Gast am allerwenigsten für das versalzene Essen können. Zum anderen, weil ich dazu einfach zu höflich bin. Ich habe Bekannte, die es sich augenscheinlich zum Hobby gemacht haben, ihre ganz eigene Qualitätssicherung permanent und überall zu vertreten. Als ob sie dem Ganzen im Anschluss ein eigenes Gütesiegel aufdrücken müssten, nehmen sie vom Ambiente bis zur Deko auf dem Essen alles genauestens unter die Lupe. Und finden meistens – eigentlich immer – etwas zum Stänkern. Ich gehe selten in exklusive Restaurants. Dort wären die Portionen wahrscheinlich kleiner, aber ich fühle mich dort einfach nicht besonders wohl. Mein Freund musste die Erfahrung schnell machen, als er mich überraschen wollte und zu einem sehr guten (und teuren) Italiener einlud. Heute weiß er: Der Spanier um die Ecke tut es auch. Meine Bekannten, die im Gegensatz zu mir dagegen sehr gerne in exklusiven Lokalitäten speisen, meinen sich damit aber auch die Unfehlbarkeit der jeweiligen Küche zu erkaufen. Selbst wenn sie sich dann mal in einem weniger elitären Ambiente bewegen. Ihnen kann man es eigentlich nie Recht machen und mir als Beiwohnende in dieser illustren Runde des exquisiten Geschmacks ist es zumeist äußerst unangenehm, wenn dann mal wieder der Kellner für die nächste Beschwerde herangerufen wird.

Ich habe mich letztens mit einer Bekannten unterhalten, die in der Gastronomie tätig ist. Ein unangenehmes Pflaster, auf dem ich mich nicht bewegen wollen würde. Sie erzählte mir von einem Gast, der sein Essen komplett aufaß. Und sich anschließend bitterböse darüber beschwerte! Sie fragte sich dann auch, weshalb der werte Gast seinem Unmut gegenüber der ihm vorgesetzten Speisen nicht früher Luft gemacht hätte. So macht die Beschwerde dann tatsächlich keinen Sinn. Wer aufisst, darf sich nicht beschweren! Und dennoch: Ich habe ein Gewissen, das gewissenhafter ist, als unbedingt nötig. Auch wenn es mir nicht immer gelingt, so bin ich doch bestrebt, im Restaurant alles aufzuessen, weil ich sonst ein wirklich schlechtes Gewissen habe. Wenn wir privat schon so unnötig viele Lebensmittel entsorgen, muss es doch nicht auch noch im Restaurant so sein. Ich frage mich trotzdem, ob wir damit nicht ein falsches Zeichen setzen, das evolutionäre Folgen nach sich ziehen könnte: Die Portionen in us-amerikanischen McDonald’s Filialen übertreffen die der deutschen Filialen um ein Vielfaches. Diesen Schritt ist die Fast Food Kette sicher nicht gegangen, um die sonst verschwendeten Lebensmittel an den Mann zu bringen, sondern um sich dem vorherrschenden Essbedürfnis anzupassen (und als Schmankerl obendrauf auch noch mehr Umsatz zu machen). Wie aus China bekannt, schlussfolgerte man: Wer aufisst, ist nicht satt und könnte noch ein bisschen mehr vertragen. So züchten wir uns letztlich eine Gesellschaft mit deutlich größeren Mägen und einer noch ungünstigeren Fett-Verteilung heran. Ernährungsexperten werden dem zustimmen, denn auch sie halten den Erpressungsversuch „Iss auf, sonst gibt’s schlechtes Wetter!“ für bedenklich. Es spornt die lieben Kleinen nämlich tatsächlich dazu an, über ihren Hunger hinaus zu essen und begünstigt somit sogar Übergewicht. Und hat sich diese (Un)Weisheit dann erst mal verfestigt, stellt sich irgendwann die Frage „Was habe ich vom Sonnenschein, wenn mir die Bikinifigur dazu fehlt?!“

Trotzdem gehöre auch ich zu denen, die selbst dann aufessen, wenn es eigentlich nicht wirklich schmeckt. Zwar wurde ich nie zum Essen gezwungen und glaube auch nicht daran, einzig ein leerer Teller könne für Sonnenschein sorgen, doch wurde mir eines mit auf den Weg gegeben: Respekt vor der Arbeit anderer, Verständnis und Nachsicht bei Fehlern und die Fähigkeit, mich in andere hinein zu versetzen. Und wäre ich Kellner, würden mich nörgelnde Gäste auch nerven. Der Kunde ist König, der Kunde ist Mensch, dann dürfen es Kellner und Wirt auch sein!

Ein Gedanke zu “Was auf den Tisch kommt, wird vergessen

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